Marga Broil an ihren Mann August, 25. Februar 1944
Köln, den 25. Febr. 1944.
Mein lieber August,
ich freue mich immer sehr, wenn Du mir in Deinen Briefen von den Stunden des Sonntags erzählst, wie Du Dir trotz der Bindung des Soldatseins frei hast gestalten können, in denen Du den Dingen leben durftest, die uns auch gemeinsam immer erfreuen würden. Solche Stunden sind immer wie ein Aufatmen im Getriebe des Alltags, aus denen wir immer wieder neue Kraft schöpfen können.
Und die Gedanken, die Du Dir über die Gestaltung unserer gemeinsamen Tage gemacht hast, entsprechen ganz denen, die ich mir seit unserem Zusammensein gemacht habe, wenn auch nicht so klar formuliert wie Du.
Ich muß Dir gestehen, daß ich mich über einen leisen Vorwurf, durch die Behauptung unserer außergewöhnlichen Ordnung des Zusammenseins mit der allgemeinen Ordnung des Tages in Konflikt geraten zu sein, nicht hinwegsetzen konnte. Die Überlegung, daß wir dadurch etwas vom Geheimnis unseres Erlebens preisgegeben haben könnten, hat mich besonders tief beeindruckt. Ja Liebster, es liegt daran, daß wir durch die Verhältnisse gezwungen sind
ein Großteil der wenigen Stunden im Beisein und unter den Augen der Eltern und Geschwister zuzubringen.
Umso mehr sucht sich das Leben unserer Gemeinsamkeit in den Stunden unseres Alleinseins zu konzentrieren und es fällt dann schwer die Gesetze der gewohnten Ordnung gelten zu lassen. Obwohl mir in diesen Stunden des Erlebens selbst solche Bedenken zuweilen blitzartig aufleuchteten, war ich unfähig ihnen Folge zu leisten. So sehr ich bisher gewohnt war eine Erkenntnis mit aller Härte gegen das Wünschen und Verlangen des Herzens in die Tat umzusetzen, in dieser Beziehung habe ich es nicht fertig gebracht. Denn jetzt geht es ja immer um uns beide und da einer besseren Erkenntnis mit der gleichen Unerbittlichkeit Folge zu leisten wie im Einzelleben, selbst wenn es eine gewisse Härte erfordert, das ist viel viel schwerer. Und doch müßte nicht gerade die Liebe, die uns daran zu hindern scheint, die treibende Kraft dazu sein? Nicht nur in schwerwiegenden Entscheidungen, sondern auch in den kleinen Dingen, die bei aller Unscheinbarkeit doch die Formen unseres gemeinsamen Lebens maßgebend beeinflussen. August, wenn unsere Gemeinsamkeit immer mehr in die letzten Tiefen unseres Seins vordringt, dann brauchen
wir letztlich vor nichts mehr zurückzuschrecken, denn das Bewußtsein, daß alles Geschehen unseres gemeinsamen Lebens – mag es auch zuweilen hart und schwer, gar unverständlich erscheinen – von unserer Liebe geformt, gegeben und angenommen ist, wird uns alles gemeinsam tragen und empfangen lassen.
Liebster, muß es uns deshalb nicht froh machen, daß auch die ernsten Erwägungen, die geheimen Einwendungen, die Herz und Verstand einmal erheben können, so offenen bereiten Raum in unserer Gemeinsamkeit finden?
Wieviel Neuland haben wir uns gerade dadurch in unseren letzten Briefen einander erschließen können. – Heute kann ich Dir eine recht frohe Mitteilung machen, und daß es gerade in diesem Zusammenhang geschieht, als Antwort auf Deinen Brief, in dem Du unseren gemeinsamen Wunsch wieder erwähnst, ist mir eine ganz besondere Freude: Die Möglichkeit zur Gründung unseres eigenen Heimes ist gegeben. An allen Ecken habe ich anzusetzen versucht und schließlich wurde es mir da angeboten, wo ich es kaum erwartet hatte. Wenn es mir gelingt die kleinen Raparaturen an den Fenstern – die Rahmen sind durch den Luftdruck herausgerissen worden – bald machen zu
lassen, werden wir hoffentlich Deinen nächsten Urlaub schon im eigenen Heim zubringen können. Es ist die Hochpaterre-Wohnung Mainzerstr. 77 im selben Hause, in dem mein Büro ist. Die Eigentümerin der Wohnung Witwe mit 3 Kindern bleibt für die Dauer des Krieges in Trier bei Verwandten und hat uns 2 Zimmer, Küche und Bad abgegeben. Die Küche wird uns mit allem Inventar zur Benutzung überlassen, das Kinder- und Herrenzimmer sind möbliert, wir können aber die Möbel in einem anderen Raum zusammenstellen. Bis wir ein eigenes Schlafzimmer gefunden haben – ich setze dafür alle Hebel in Bewegung, doch es ist sehr schwer – können wir die vorhandene Einrichtung des Kinderzimmers benutzen. In dem anderen Zimmer, das wir uns als Wohnraum einrichten werden, muß vorläufig Klavier und Bücherschrank stehen bleiben, da ich sie sonst nirgends unterbringen kann. Ich habe gleich einen Mietvertrag für die Dauer des Krieges bzw. lt. weiter Vereinbarung gemacht und als Miete monatlich 55,- RM vorgeschlagen. Ich werde mich in den nächsten Tagen, d. h. Abenden gleich ans Großreinemachen geben, denn eine Wohnung, die über ein halbes Jahr unbewohnt ist, dazu noch undichte Fenster hat, läßt doch allerhand zu wünschen
übrig. Ach August, ich freue mich ja so sehr darauf einmal so ganz für uns beide schalten und walten zu können. Wird das eine Freude geben, wenn wir zusammen Einzug halten werden, um dann ganz unabhängig bei uns selbst zu sein! Was ich alles schon vorrichten kann werde ich tun, aber den letzten Schliff der Gestaltung wollen wir dann gemeinsam überlegen, das macht dann noch viel mehr Freude.
Du, wir müssen doch recht dankbar sein, so eine gute Gelegenheit gefunden zu haben. Gewiß, es fällt uns nichts in den Schoß, alles müssen wir uns in ehrlichem Bemühen erringen – die inneren wie die äußeren Dinge – aber letztlich fügt uns der Herrgott doch alles so, daß wir froh und dankbar sagen können, daß es gut ist, daß es sehr gut ist.
Die Eltern machen sich allmählich mit dem Gedanken der Trennung vertraut. Mittags werde ich bei den Schwestern nebenan zum Essen gehen und abends meine eigene Kunst versuchen. Ich kann dadurch mindestens 2-3 Stunden jeden Tag einsparen, die jetzt für die Fahrt verloren gehen.
Die Sache mit meiner Hilfe im Büro geht auch in Ordnung, die Zustimmung des Arbeitsamtes ist mir für
den 1. März zugesagt worden, sie wird also am Mittwoch die Stelle antreten. Ich habe jetzt aber gerade eine Entlastung nötig, denn manchmal meine ich es wirklich nicht mehr schaffen zu können.
Mein lieber August, der Beginn der Fastenzeit, durch deren hohes, ernstes Tor wir am Aschermittwoch gegangen sind, hat mir so manchen Gedanken nahe gebracht, den ich Dir heute abend noch sagen wollte.
Doch die Unruhe der Eltern wegen des häufigen Alarms – es ist jetzt Mitternacht und die Sirenen gehen schon zum dritten Mal – ist schon etwas auf mich übergegangen und die Müdigkeit läßt nicht mehr viel zu. So will ich denn diesen Brief beschließen und noch eine zeitlang ganz still in Gedanken bei Dir sein.
Gute Nacht, Liebster, ich denke so froh an Dich
Deine Marga.