Marga Broil an ihren Mann August, 28. Februar 1944

Köln, den 28. Februar 1944.

Mein lieber August,

Du bist nun in irgend einer Kaserne in der Nähe von Hannover und ich bin nach den kostbaren Stunden unseres Zusammenseins in Bremen wieder dahein, doch das sehnende Herz und die suchenden Gedanken lassen uns über alle Ferne hinweg zueinanderfinden. Noch weiß ich nicht, wann ich das erste geschriebene Wort wieder an Dich absenden kann, aber es drängt mich so sehr, daß ich es heute schon an Dich richten muß.

Liebster, ach wir können ja nicht dankbar genug sein für das so unerwartete Geschenk, wieder ein paar kurze Stunden in der beglückenden Fülle unserer Gemeinsamkeit leben zu dürfen. Und daß es gerade jetzt sein konnte, in den Tagen, da uns solch beseligende Gewißheit wurde und zugleich die ganze Unsicherheit der äußeren Möglichkeiten in stärkerem Maße an uns herantritt, hat uns diese kurze Spanne unseres Einsseins besonders wertvoll gemacht. Nun konnte unmittelbar von Herz zu Herz, von Mund zu Mund die Kunde gehen von der Größe dessen, was der Schöpfer, der Vater allen Lebens an uns gewirkt hat. Mein August, ich kann es noch garnicht fassen und es überwältigt mich täglich neu,

daß der Herrgott gleich am Anfang unseres Weges unsere Liebe so reich gesegnet hat, daß Er über unserem menschlichen Wirken Seinen göttlichen Lebensodem wehen ließ und nun unter meinem Herzen das neue Leben zu wachsen beginnt. Der Gedanke, daß mein Leib wie das fruchtbare Erdreich ist, das seine neue Blume zur größeren Verherrlichung Gottes hervorbringen darf, läßt mich mit einer noch viel größeren Ehrfurcht mein Leben gestalten und fordert mir Unerbittlichkeit, die nicht den geringsten Makel dulden kann, die Reinheit von Seele und Leib. Dieser Forderung voll und ganz zu entsprechen ist für mich jetzt nicht mehr so leicht, als in den Tagen meiner Mädchenjahre, doch ist ihre Erfüllung aus dem Wissen und Erfahren des vollen Menschenlebens heraus auch gewiß um vieles kostbarer. Ach, was möchte ich nicht alles tun, um mein ganzes Menschsein mit allen Kräften von Seele und Leib der neuen großen Aufgabe zu bereiten, die ihm zuteil geworden ist: Wiege eines neuen Menschenlebens zu sein, das in dieser Zeitlichkeit aus dem Zusammenwirken unserer Liebe und dem Segen des Herrn seinen Anfang nahm, um nie mehr auszulöschen und einst in seiner Vollendung vor Ihm ewigen Bestand zu haben. August, meine Gedanken kreisen ständig um dieses Geschehen, um das große

Geheimnis des Lebens, das nun auch das Geheimnis unseres Lebens geworden ist. Liebster, könnte ich Dir doch sagen wie sehr mich das beglückt. Hast Du gespürt wie mein Herz höher schlug vor Freude, als ich Dir in der Stille unseres innigen Zusammenseins davon sagen konnte? Wie herrlich war es doch, daß es so geschehen konnte; denn die tiefste Wurzel meiner Beglückung liegt doch darin, daß aus der Vereinigung Deines und meines Lebens der Herr das neue Leben werden ließ, daß sich darin die Incarnation unseres Einsseins vollzieht und offenbar wird, daß wir nun wirklich zwei in einem Fleische geworden sind. Dadurch daß wir uns in unserer Liebe ganz einander schenken konnten, darf ich nun ein Teil Deines Lebens, in dem alle Deine Anlagen und Fähigkeiten keimhaft beschlossen sind, unter meinem Herzen tragen. Kannst Du ermessen was mir das gerade jetzt bedeutet, da der Abschied so voller Ungewißheit war wie nie zuvor? Es ist mir recht schwer geworden in den letzten Minuten unseres Zusammenseins alle die hoch aufwallenden Gefühle des Herzens in ihre Tiefen zurückdämmen zu müssen, um sie nicht offenbar werden zu lassen. Ach, was hätte ich Dir noch alles sagen mögen in den Zeichen der Liebe und des Schmerzes und in stillen, leisen Worten. So mußte ich es alles

in mich vergraben bis es spät in der Nacht, als ich wieder daheim war an der Stätte unseres ersten Einswerdens, wie ein Sturm über mich kam. Doch wie tröstlich hilft das Wissen und die Verantwortung um das Leben des uns anvertrauten Kindleins über die Schwere solcher Stunde hinweg. All mein Tun und lassen muß darauf neu ausgerichtet werden, da es auf das Wesen des neuen Lebens entscheidenden Einfluß haben kann. Trotz des Ernstes der Stunde soll es durch meine Schuld kein Mensch werden, in dem die Trauer allen Raum einnimmt und der Freude keinen Platz mehr bietet. Nein, Liebster, wir dürfen nicht traurig sein, mag auch der Blick in die Zukunft noch so düster verhangen sein. Sieh' heute vor einem jahr haben wir auch Abschied genommen, nachdem unser Weg gerade begonnen hatte. Wie oft ist uns seitdem ein neues Wiedersehen geschenkt worden, durften wir gemeinsam voranschreiten, so weit ausholend, daß uns dieser Abschied vor einem ganz neuen, einzigartigen Anfang findet. Wir hoffen zwar auch diesmal noch auf ein baldiges Wiedersehen, ehe uns vielleicht eine lange Zeit der Trennung bevorsteht - und ich war sogar versucht darum zu beten. Aber wie es auch kommen mag, wir wollen beide unser Bestes tun an dem Platz, wo wir stehen und uns so

ein wenig dankbar zeigen für alles, was wir empfangen haben. Wir müssen nur immer wieder um die Kraft und Gnade des Herrn bitten, der uns stärken möge, damit wir in allem, was an uns herantreten wird, bestehen können. Mein lieber August, ich habe lange nicht mehr so innig gebetet als in der Stille der Johanniskirche, da wir gemeinsam vor dem Herrn knieten. Ich spüre noch Deinen warmen Händedruck beim Verlassen der Kirche und sehe das Leuchten in Deinen Augen. Auch die Feier des hl. Opfers am Sonntag war mir - trotzdem sie äußerlich so viel zu wünschen übrig ließ - ein Erlebnis, weil wir sie in Gemeinsamkeit begehen konnten. Wenn Deine liebe Hand mir den Text der Liturgie hinreicht und unsere Augen und unsere Herzen gleichzeitig die Worte und Gebete lesen und vor den Herrn tragen, dann wird es mir immer tief bewußt, wie sehr unsere Liebe eingebettet ist in die ewige Liebe, die Gott selbst ist. Und wenn wir miteinander den Leib des Herrn empfangen, ist es mir jedesmal wie eine Erneuerung unseres hochzeitlichen Geschehens. So soll auch jetzt in der Trennung all unser Tun vor Gott Ausdruck unserer Gemeinsamkeit sein, in dem wir uns ganz besonders eng verbunden wissen.

Wie war gerade die Liturgie des ersten Fastensonntages dazu

angetan in aller Unsicherheit der Zeit unser volles Vertrauen auf die Vatergüte Gottes zu wecken. Durch den ganzen Text ziehen sich die Worte des 90. Psalmes, der uns aus der Komplet gut bekannt ist. Mein August, wir wollen einander helfen, daß dieses Vertrauen immer weiteren Raum in unsern Herzen gewinne, und wenn uns die vorjährige Fastenzeit schon Anlaß zu gemeinsamem Bemühen war, wieviel mehr muß es die diesjährige sein, nachdem uns solche Fülle der Freude zuteil geworden ist. Und wir brauchen wahrhaftig nicht nach Gelegenheiten und „Öpferchen" zu suchen. Wenn wir es fertig bringen, all das, was uns durch die Verhältnisse der Zeit und des Krieges auferlegt wurde, nicht nur stumpf zu ertragen, sondern bewußt mit dem Einsatz unseres Willens aufzunehmen und etwas daraus zu wirken, dann kann uns diese Zeit wirklich zur Zeit der Gnade werden, wie Paulus in der Epistel sagte, in der wir uns in allen Stücken als Diener Gottes erweisen, in Geduld, in Trübsal, in Nöten und Ängsten, betrübt und doch immer freudig, arm und doch viele bereichernd ... Du, mein lieber August, so wollen wir alles tun, was in unseren Kräften steht und alles was kommen mag der weisen Fügung Gottes überlassen, die ja letztlich alles nur zu unserm Besten wirkt. Liebster, ich bin jetzt und immer

Deine Marga.