Marga Broil an ihren Mann August, 3. März 1944

Köln, den 3. März 1944.

Mein lieber August,

welch große Freude hast Du mir mit Deinem Anruf gemacht. Über so viele Kilometer hinweg plötzlich Deine Stimme zu hören, das verschlug mir fast den Atem und ließ mein Herz höher schlagen. Nun bist Du also noch eine Weile dort in der Stille des Landes, fern vom Lärm der Großstadt und des Krieges und ich bin so froh darum, daß Du es mich so bald schon hast wissen lassen. Denn noch nie lag eine so große Ungewißheit über unserem Abschiednehmen wie diesmal.

Nun ist es Sonntag darüber geworden, ehe ich wieder im Brief zu Dir kommen konnte. Die Woche und selbst der Samstagnachmittag gibt keine freie Stunde mehr dafür her. Nun liegt schon eine ganze Woche seit unserem Zusammensein in Bremen hinter uns. Es war so schön, daß ich die Stadt, in der Du über ein halbes Jahr Soldatenzeit verbracht hast, noch kennenlernen durfte, ehe Du davon Abschied nahmst; daß Du mir die Stätten und Wege selbst hast zeigen können, die Dir diese Zeit ein wenig verschönt haben. Ich habe die karge Soldatenstube gesehen, in die meine Gedanken mich so oft versetzt haben, während der Zeit Deines Dortseins; und ich durfte in dem Kirchlein betend verweilen, das Dir das Zu-Hause der Bremen Zeit geworden ist. Wie oft habe ich es mir vorzustellen versucht, wenn Du mir davon geschrieben hast. Ich kann Dir garnicht sagen was es mir bedeutet hat, in diesem

schlichten, klaren Raum zu sein, der bei aller Einfachheit von Materie und Formen doch die Heiligkeit des Hauses Gottes zwingend betont. Ich dachte daran, wie oft Du darin Deinen Sonntag begangen hast, wie Du die Kirchenjahrzeiten darin mitgefeiert hast, zuletzt noch das Fest der Geburt des Herrn, das Dir ein so feines, tiefes Erleben geschenkt hat. Sicherlich waren in all den Stunden gnadenhaften Erlebens auch unsere Gemeinsamkeit mit einbezogen. Es drängte mich dem Herrn zu danken für alles, was Er Dir in diesem Raum geschenkt hat.

Die Woche, die seit unserem Zusammensein hinter uns liegt, war für mich eine rechte gute, denn ich konnte bei ihrem Abschluß gestern abend in der Komplet zum ersten Mal nach langer Zeit sagen, daß ich voll und ganz meine Pflicht getan habe. Manches Persönliche, wonach das Herz so stark verlangen kann, mußte freilich zurückgestellt werden, wenn es mir oft auch sehr schwer wurde, der Forderung der Stunde so ganz zu entsprechen. Aber ich meine, gerade das müßte unser Bemühen sein in dieser Fastenzeit, unser Christsein auf dem Platz anzuwenden, auf den wir gestellt sind. Bisher war ich eigentlich immer viel zu sehr bemüht in solchen Tagen etwas „Besonderes" zu tun, und das lag dann meist so am Rande und hatte keine rechte Beziehung zum Gesamtbild des Tages. Wir brauchen nicht lange nach Gelegenheiten zu suchen, der Kreis unserer Pflichten bietet uns täglich so viel Möglichkeiten wenn wir sie nur sehen, erkennen und recht benutzen wollten! Das Treusein in diesen kleinen Dingen ist ja oft viel schwerer und

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erfordert eine größere Härte gegen das Begehren des eigenen Ichs, als manche Einzelleistung, die leicht eine Genugtuung und Befriedigung in uns hervorruft. Und wenn uns ein Fasten im eigentlichen Sinne des Wortes nicht möglich ist, gibt es nicht eine Enthaltsamkeit des Geistes und des Körpers, die noch in weit größerem Maße unseren guten Willen beansprucht, als der Verzicht auf Speise und Trank? August, sieh, das ist ein Punkt bei dem wir gerade unter den jetzigen Umständen so gut gemeinsam ansetzen können: daß wir die Entbehrungen, die uns durch die äußeren Bedingungen des Krieges auferlegt werden, der Verzicht auf ein dauerndes Zusammensein und all die Köstlichkeiten seiner Beglückung nicht nur stumpf ertragen und erdulden, sondern mit aller Kraft unseres guten Willens - es gehört wahrhaftig Kraft dazu - aufnehmen und bejahen und umgestalten zu etwas, das für uns selbst und auch vor Gott positiven Wert und Bestand hat. Vielleicht denkst Du jetzt an die Redensart, die meist etwas abfällig angewandt wird, daß man „aus der Not eine Tugend mache”, aber ich meine, wenn es aus so lauterer Gesinnung heraus geschieht, die wir voraussetzen, kann es nur etwas Großes und Erstrebenswertes sein.

Liebster, zu Beginn der vorigen Fastenzeit - es war zugleich der erste Versuch zu gemeinsamem Wirken - haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie Du Dein Christsein mit der neuen äußeren Form, in die Dein Leben durch das Soldatensein hineingestellt wurde, verbinden könntest. Das hat Dir in der Rekrutenzeit manche Schwierigkeit

bereitet und ich glaube, daß sich diese Schwierigkeiten durch die Gewöhnung an die neuen Lebensbedingungen nicht verringert haben; daß es eine hohe Forderung ist, auch an diesem Platz ganz Christ sein zu wollen, mit aller Konsequenz. Der Aufenthalt in der Kaserne, der Einblick in das Soldatenleben am vorigen Sonntag haben mir das wieder ganz besonders zum Bewußtsein gebracht. Aber ich weiß ja wie sehr Du Dich darum mühst und ich will Dir durch mein Gebet helfen es zu verwirklichen. - So soll die Fastenzeit Zeit der Besinnung auf unser Christsein sein und Kampf um seine Verwirklichung in der Gestaltung unseres Lebens. Was uns in der Taufe als freies Gnadengeschenk Gottes, ohne eigenes Verdienst gegeben wurde, - wie kommt gerade in der Taufe der Neugeborenen der Geschenkcharakter des Sakramentes zum Ausdruck - soll uns in dieser Zeit wieder ganz besonders bewußt werden; damit die Neuerstehung unseres Christseins mit der Feier der Auferstehung des Herrn zu Ostern sich geistig neu in uns vollziehen kann.

Bei der Komplet gestern abend brannte die Kerze vor dem Bild des Gekreuzigten und die Krypta, die noch vor kurzem das Festkleid unseres Hochfesttages trug, hatte das schlichte Violett des Bußkleides angelegt. Die Gesichter der jungen Menschen schienen durch die Erlebnisse des Tages - 5 x Großalarm mit Bombenabwürfen rings um die Stadt - ernster als sonst. „Mir nach spricht Christus...” haben wir gesungen. Ist das nicht das Wort, das Er uns aus allen Geschehnissen dieser Zeit,

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den persönlichen und den allgemeinen, zuruft?

Auch mich hatte der Tag stark beeindruckt, zumal ich sehr müde und etwas überanstrengt war. Und dennoch war eine tiefe Freude in mir und aus dieser Freude ging diese Stelle der Komplet besonders in mich ein: „Ach Herr, enthülle uns das Leuchten deines Angesichts. Dann schenkst Du unsern Herzen mehr der Freude ...” Ist nicht das Erleben der Schöpfung Gottes, das Erfahren der Herrlichkeit unseres Menschenlebens, wie wir es in den kurzen Tagen unseres gemeinsamen Lebens verkosten durften, wie ein Spiegel, aus dem uns das Angesicht Gottes entgegenleuchtet? Sieh' Liebster, so führen selbst die Worte des Gebetes meine Gedanken auf das Erleben unserer Gemeinsamkeit hin, um dann sich wieder mit noch größerer Innigkeit und Dankbarkeit an den Herrn zu wenden.

Als ich von der Komplet nach Hause kam, lag Dein erster Brief auf meinem Tisch, der mir ein Wenig von Deiner neuen Umgebung erzählt hat. Ja, Du hast recht, er trägt ein anderes Gesicht als Deine bisherigen Briefe, die bei aller Unterschiedlichkeit eine größere Verwandtschaft untereinander hatten. Die Tiefen Deines Herzens, die Du mir oft so behutsam und fein zu öffnen vermocht hast, klingen hier nur ganz zart an und Du überläßt es meinem Bemühen, ob es mir etwas aus Deinem Innern sagen kann oder nicht. Aber Deine Worte vermögen mir immer etwas von Dir auszusagen, ganz gleich aus welcher Situation heraus Du sie niedergeschrieben hast. Darum bitte ich

Dich, zögere nicht sie so zu mir gelangen zu lassen, wie der Augenblick sie für mich frei gibt, auch dann, wenn die Stunde vielleicht eine ganz nüchterne ist, in der Du stark unter dem Einfluß der äußeren Umstände stehst. Gerade in einer solchen Stunde ist es vielleicht notwendig, daß das Wort die Brücke schlägt von Dir zu mir und das Bewußtsein um unsere Gemeinsamkeit stärkt. Aber laß es auch um meinetwillen geschehen, denn Du weißt doch, daß mich nichts so sehr erfreuen kann, als wenn ich wieder ein Zeichen Deines Gedenkens in Händen halten kann und meine Gedanken den Deinen nachzugehen versuchen; wenn das, was von Dir ausging, in meinem Herzen seinen Widerhall gefunden hat. Du, und ich brauche gerade in diesen Tagen die Freude, die mir von Dir kommt, mehr denn je. Ich kann Dir garnicht sagen, welch entscheidenden Einfluß sie auf mein Leben genommen hat. Mein Gemüt ist jetzt empfindsamer für alle Gefühle der Freude und des Schmerzes als je zuvor in meinem Leben.

Mein lieber August, beim Lesen Deines Briefes drängte sich mir ein Gedanke auf, den ich Dir sagen muß. Wie mag es wohl sein, wenn in einer Stunde, in der Du aus den eigenen Tiefen nichts hervorzuholen vermagst, in der die äußeren Verhältnisse wie eine Ernüchterung auf Dich einwirken, wenn in einer solchen Stunde ein Brief von mir zu Dir kommt, der aus einer ganz anderen Situation heraus geboren ist, der Dir aus der Fülle

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beglückender Empfindungen mein ganzes Herz darreicht, bloß und zuckend vor der Ungeheuerlichkeit des Wagnisses, auf daß Du es in die Wärme und Geborgenheit Deiner Liebe hineinnehmen mögest? Ist es möglich, daß es dann dennoch den Weg zur Tiefe Deines Herzens findet und Du ihm die Tore dazu öffnest? Oder ist es Dir trotz allem Bemühen nicht möglich, es in Dich einzulassen, muß es erst eine Weile draußen verharren bis eine bessere Stunde ihm in Bereitschaft die Türe auftut?

In diesem Falle müßte Dir doch meine Sprache zunächst fremd und unverständlich klingen, sodaß Du am harmonischen Zusammenklang unserer beiden Stimmen zweifeln könntest. Liebster, gib mir doch bitte einmal Antwort auf diese Fragen und sage mir, wie Du es erfahren hast, mit jener offenen Wahrhaftigkeit, die ich immer wie ein Geschenk von Dir entgegennehme.

Mein August, so viele Gedanken stürmen in der Stille des Sonntag auf mich ein, die alle zu Dir hingelangen wollen, daß ich ihrer garnicht alle Herr werden kann. Da die Woche mir jetzt so wenig Gelegenheit zu einem Brief an Dich gibt, ballt sich heute alles zusammen. Ich bin allein in unserem Zimmer, die ganze Familie ist ausgeflogen, Finni und Agnes sind diesmal allein zum Bachmann-Kreis gegangen, denn wie könnte ich den Sonntag besser begehen, als daß ich ein paar Stunden in geistiger Gemeinsamkeit mit Dir verbringe? Hoffentlich hast Du auch dort zur rechten Feier des Sonntages Gelegenheit, wenn

nicht, so muß halt meine Teilnahme daran für uns beide gelten. Du weißt ja, daß ohnehin all mein Tun vor Gott für Dich mit geschieht.

Diese Woche kam ein Brief von Georg, den ich Dir einmal mitschicken werde und ein lieber Gruuß von Jungfrau Muches, die Dir für Deinen Brief herzlich danken läßt. Dr. Frotz schrieb mir aus Sachsen, daß er nächste Woche wieder für immer hier sei - (er ist vom Bischof zum Leiter des Priesterseminars ernannt worden, ein schöner Fortschritt!) und sagt mir seinen Besuch an. Ich freue mich wirklich darauf. - Diese Woche kam noch ein nachträgliches Hochzeitsgeschenk, ein Tischkerzenleuchter aus Holz mit silb. Fassung für 3 Kerzen an. Ich habe gleich dafür gedankt und will versuchen heute noch die restlichen Dankesbriefe zu schreiben. Dabei gehen meine Gedanken immer wieder zu dem Erleben unseres Hohen Tages zurück. Wie tief sind doch alle Erlebnisse in uns eingegangen und ich möchte sie so gerne irgendwie Gestalt werden lassen, festhalten, damit uns nur ja nichts davon verloren gehe. Du hast mir ja schon das gleiche Verlangen geäußert und bei aller Freude, die mir der eigene Versuch machen würde, ungleich schöner wäre es für mich, wenn Du mich eines Tages damit beschenken würdest. Doch das kann sicher nur in einer ganz besonders guten Stunde geschehn.

Mein August, nun muß ich das Zusammensein mit Dir beenden, Du Liebster, ich glaube, daß unser Kindlein, das nun unter meinem Herzen zu leben beginnt, Dich einmal sehr sehr lieb haben wird.

Deine Marga.