Marga Broil an ihren Mann August, 11. März 1944

Köln, Samstag, den 11.III.44.

Mein lieber August.

Wieder neigt sich eine Woche ihrem Ende zu. Es ist ein recht grauer, trüber Regennachmittag. Aber in mir ist es ganz hell und froh und so möchte ich heute zu Dir kommen, damit Du weißt, wie es in mir aussieht.

Als ich gestern abend spät nach Hause kam - nach Büroschluß findet sich ja immer noch Arbeit in der neuen Wohnung, die unser Heim werden soll - lag Dein Brief auf meinem Tisch. Ich betrachte ihn erst eine Weile so ungeöffnet und wenn ich dann zu lesen beginne, muß ich mein Herz in beide Hände nehmen, damit mich die Freude nicht zu sehr übermannt. Weißt Du, Liebster, unsere Liebe und ihre tiefen Empfindungen von Glück und Schmerz bewirken Dinge in mir, die ich früher für unmöglich gehalten hätte; ich kenne mich manchmal nicht mehr wieder. So habe ich beim Lesen dieses Briefes, der mir von Deinen feinen stillen Freuden und Erlebnissen dort am Fenster der Bauernstube erzählt, helle Tränen geweint, ohne mich dagegen zu wehren. Du, ach ich kann Dir garnicht sagen wie froh es mich macht, daß Du Dir trotz allem Schweren, das uns die Geschehnisse des Krieges auferlegen, das Auge offen und Herz und Sinn bereit hältst für das Schöne, das uns der Herrgott in all den wundersamen Dingen der Natur begegnen läßt. Möchte es uns doch gelingen, diese Bereitschaft zu bewahren; denn wenn wir all die Freuden, die uns geschenkt werden - mögen

sie nun aus dem eigenen Innern aufsteigen oder von außen an uns herangetragen werden - wenn wir sie recht zu erleben vermögen, dann kann es bei aller äußeren Dunkelheit doch nie ganz dunkel in uns werden. Und gerade uns beiden, Dir und mir, hat der Herrgott doch in all den wundersamen Erlebnissen unserer Gemeinsamkeit und unseres Einswerdens ein solch überreiches Maß an Freude geschenkt, daß wir auch in den dunklen Stunden, die uns vielleicht erwarten, freudig und dankbar daraus schöpfen können.

Mein August, nach Deinen Worten kann ich mir Deine neue Umgebung so recht gut vorstellen. Du weißt, wie meine Gedanken Dich überall hin begleiten. Ach, könnte es doch auch in Wirklichkeit geschehen! Aber noch müssen wir warten und können nur sehnend Ausschau halten auf die Zeit, da wir einmal für ganz und immer vereint sein werden. Wann das sein mag, wissen wir noch nicht; doch es ruht in Gottes Hand und wo könnte es besser geborgen sein! - So sehr die Trennung und Ferne uns beschwert, ganz einsam können wir doch garnicht mehr sein, nachdem wir einmal so eins geworden sind. Weißt Du, wie sehr mich das Bewußtsein beseligt, daß ein Stück Deines Lebens, ein Teil Deines Seins, unter meinem Herzen ruht und in neuem Leben Gestalt wird? Dieser Gedanke ist meine Freude und mein Trost in der Sehnsucht, die aus dem Alleinsein immer in die Gemeinsamkeit zu finden versucht. So bist Du ja trotz aller Ferne stets bei mir, und mehr noch als das, Du bist mir so nahe, Dein Leben schlägt in mir, wir sind so miteinander verbunden, daß eine Trennung garnicht

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mehr möglich ist. Ach August, was ist es doch etwas Herrliches um unser Menschenleben, welch unschätzbare Werte haben sich uns in den kurzen Wochen, da wir es aus der Kraft des Sakramentes verkosten durften, schon geoffenbart. Und welche Tiefen werden sich uns noch erschließen, wenn wir noch eine weite lange Strecke miteinander wandern dürfen. Es bedurfte schon der Unergründlichkeit der Fülle göttlicher Weisheit, um all das zu ersinnen und zu schaffen, wovon wir Menschen nur staunend stille stehen können. Doch den meisten Menschen unserer Tage fehlt die Stille, sie kennen keine Bewunderung mehr. Möchten sie doch wieder lernen zu staunen, so wie die schlichten Hirten an der Krippe es getan haben und wie die Kinder es tun, die sich vorbehaltlos dem Erleben öffnen; dann würde es gewiß auch wieder heller um uns werden, denn die vielen kleinen Freuden, die meist ungenutzt am Wege bleiben, könnten ihr helles Licht wieder leuchten lassen. - August heute morgen habe ich gleich ein Gespräch angemeldet unter der Nummer, die Du mir angegeben hast. Nun ist es schon Abend und die Verbindung ist immer noch nicht da und ich hätte mich doch so gefreut, wieder einige Worte mit Dir zu sprechen. Bei den Angriffen hat bei uns alles gut gegangen, in Ehrenfeld und besonders auch im Stadtwald und Braunsfeld sind eine große Menge Bomben gefallen. Mein beiden Briefe, die ich noch an die alte Adresse geschickt habe, hast Du sicher nicht mehr bekommen; aber mache Dir keine Sorge um uns, der Herr, der uns bis jetzt vor allem Unheil bewahrt hat, hält ja auch weiterhin unser Geschick in der Hand.

Für heute morgen hatte Dein Chef, Herr Dr. Blasel mich bestellen lassen und hat mir als Hochzeitsgeschenk einen Gutschein über einen elektrischen Herd überreicht. Herr Molidor und Herr Jakobs sind sehr darum bemüht, ihn uns bald zu beschaffen.

Dr. Blasel stellte mir als weitere Beihilfe der AEG monatlich RM. 90,- in Aussicht, als Geschenk der Gefolgschaft wurde mir der Betrag von 300,- ausgezahlt. Bitte schreibe doch bald einmal der Firma und bedanke Dich für alles. Herr Jakobs wollte sich um die Montage des Herdes bemühen, aber ich werde ihn Montag anrufen, daß es einstweilen nicht möglich ist, weil ich das in der nur befristet gemieteten Wohnung nicht machen kann; vielleicht ist es auch möglich in einiger Zeit - so deutete Herr Jakobs an - noch einen kombinierten Herd zu bekommen und das wäre ja auf alle Fälle praktischer, wenn man schließlich mal eine Wohnung ohne Heizung hat. Vielleicht schreibst Du nach Herrn Jakobs einmal und dankst ihm für seine Bemühungen.

Bei der Bezirksstelle habe ich heute die Anträge für Heiratsgut gestellt. Wenn sie genehmigt werden, können wir schon gut zurechtkommen. Auch die Sache mit den Zusatzmarken habe ich geregelt, ohne daß jemand etwas davon erfahren hat. Ich lasse mich dafür in der Mainzerstr. eintragen und so besteht die Aussicht, daß unser Geheimnis so lange wir möglich unser Geheimnis bleibt.

Du, ich kann es noch garnicht fassen, daß es Wirklichkeit ist und all die kleinen Beschwerden sind mir nur eine will-

kommene Bestätigung dafür.

Liebster, nun hat es also doch noch geklappt, daß ich mit Dir sprechen konnte, was ist das geschriebene Wort dagegen und wenn wir uns auch nicht viel sagen konnten; der Ton Deiner lieben Stimme klingt mir noch in den Ohren und hat mein ganzes Herz zum Klingen gebracht. Ob wir uns wirklich darauf freuen dürfen, bald ein paar Tage zusammen zu sein? Du, wir wollen all das Gute dankbar hinnehmen und uns dessen freuen, dann wird es uns Stärke sein für die Stunden, in denen Schweres von uns gefordert wird.

Mein August, komm, wir wollen uns am Abend der Woche wieder vereinen und alles was sie uns gebracht hat, in gemeinsamem Gebet vor den Herrn tragen. Möge Er unsere Seelen in unserer Liebe immer enger zusammenschließen.

Deine Marga.

Gestern habe ich noch einen Brief nach Offensen geschickt, hoffentlich kommt er an.