Marga Broil an ihren Mann August, 9. März 1944

Donnerstag, den 9. März 44.

Mein lieber August.

Als am Anfang dieser Woche Dein lb. Brief von Samstag zu mir kam, drängte es mich so sehr ihn gleich zu beantworten. Doch die Tage gehen dahin wie im Fluge, angefüllt bis zum Rand. Heute nun will ich versuchen nach dem Mittagessen ein wenig bei Dir zu verweilen.

Du Liebster, Dein Brief ist mir die schönste Antwort auf die Frage meines Sonntagsbriefes, und es tut mir fast leid, sie überhaupt ausgesprochen zu haben. Aber ich weiß, daß Du sie so aufnimmst, wie sie von mir ausgegangen ist. Deine lieben Worte, die mich so froh gemacht haben, sind mir erneut eine Bestätigung dafür, daß ich getrost alles, was die Tiefen meiner Seele bewegt, ganz vorbehaltlos zu Dir hintragen kann; daß die Worte, die von meinem Herzen ausgehen, stets in der rechten Weise zu Dir hinfinden werden.

Du, ist es nicht etwas wunderbar-schönes wie wir nun, da uns Gewißheit wurde über das Werden unseres Kindleins, unsere Gedanken über die Größe und Erhabenheit dieses Geschehens austauschen, wie wir einander immer tiefer die Abgründe dieses großen Geheimnisses erahnen lassen. Wie fein und zart und für mich unsagbar beglückend hast Du das in Deinem Brief getan. Es leuchtet mir daraus so viel Ehrfurcht und Klarheit entgegen und die gleiche reine Freude, die auch mich bei diesen Gedanken bewegt. Ich danke Dir dafür, Du mein Lieber, Guter, und glaube mir, daß ich mir gar kein besseres Echo meiner Worte wünschen könnte.

Sicher hast Du auch jetzt, nachdem Du Dich den neuen Verhältnissen etwas angepaßt hast, in der Einsamkeit des Dorfes und unter den wenigen Kameraden etwas mehr Ruhe und Stille als in dem Betrieb der Kaserne und in der dauernden Umgebung von Menschen, deren Lebensbild ein so dunkles und trauriges ist. Ich wünsche nur daß Du dann, wenn die Verhältnisse es erfordern, Kameraden um Dich hast, die Dir und denen Du wirklich Kamerad sein kannst, in des Wortes schönster Bedeutung.

Wie kommst Du mit der Verpflegung zurecht, besteht die Möglichkeit Dir etwas zu schicken? Schreibe mir doch bitte davon, denn jetzt, da ich schon mit meinen Karten allein wirtschafte, kann ich ja auch freier darüber verfügen, als in der Gesamtheit der elterlichen Familie. Ich komme mit dem Essen im Kloster gut zurecht, satt werden kann man immer und meist ist es auch sehr schmackhaft. - Wenn das versprochene Schlafzimmer der Eltern nächste Woche geliefert wird, steht dem Umzug in unsere Wohnung nichts mehr im Wege. Auf das Tapezieren des Schlafzimmers müssen wir wohl vorläufig verzichten, denn ich habe bis jetzt noch niemand dafür auftreiben können.

Am Montagabend habe ich mich endlich dazu aufgeschwungen und bin nach Gladbach zu Anneliese Höller gefahren. Sie war schon ganz enttäuscht, daß ich so lange auf mich warten ließ. Wir haben bis spät in die Nacht hinein miteinander geplaudert und ich merkte ihr an, daß es ihr gut tat mal wieder so richtig auspacken zu können. Es bedrückt mich nur immer etwas, wenn die Menschen mit so viel Vertrauen, Offenheit und

Ehrlichkeit zu mir kommen, daß ich ihnen nicht mit der gleichen Haltung entgegenkommen kann. Aber ich bringe es einfach nicht fertig auch nur ein Wenig von den letzten Tiefen preiszugeben. Die stehen nur Dir allein offen, ganz und weit; allen anderen gegenüber hat sich die Verschlossenheit meiner Mädchenzeit noch nicht gelöst.

Du Liebster, es war mir eine große Freude wieder die Wege in Gladbach zu gehen, die wir manches Mal am Abend miteinander gegangen sind; wieder in den Räumen zu weilen, wo wir sowohl in den Tagen unserer Brautzeit als auch in den Tagen unseres ersten Einswerdens so unendlich kostbare Stunden verleben durften. Die Schönheit dieses Erlebens ist unauslöschlich in uns eingegangen und wir werden uns auf unserem ferneren gemeinsamen Lebensweg immer gerne dieser ersten, entscheidenden Stationen unseres Weges erinnern.

Der eigentliche Anlaß meiner Fahrt nach Gladbach war ein recht trauriger. Der Bruder von Maria Schwellenbach (wir haben den Abend mir den Würzburgern bei ihr verbracht) ist gefallen. Er ist schon der zweite, der an dem Abend noch unter uns war und jetzt schon gefallen ist. Vielleicht entsinnst Du Dich noch des jungen Leutnants.

Gestern bekamen wir die Nachricht, daß wieder ein lb. Bekannter unserer Familie befallen ist, der uns noch während seines Urlaubs zur Hochzeit geschrieben hat. Ich kann Dir garnicht sagen wie sehr mir solche Nachrichten ans Herz greifen, sie gehen tagelang mit mir und lösen eine Traurigkeit in mir aus, die ich bisher noch nie gekannt habe. Es muß wohl so sein: je mehr die Liebe einen Menschen erfaßt, umso tiefer kann auch der Schmerz in ihn ein-

gehen und hätte ich jemals den Trennungsschmerz, den der Tod schlägt, so stark mitempfinden können als jetzt, da ich selbst erfahren habe wie hart schon ein Abschied für eine vielleicht kurze Zeitspanne sein kann.

Wenn man sieht wie hart manche Familien durch den Tod ihrer Lieben geprüft werden, möchte man fast verzagen. Da müssen wir uns daran erinnern, daß das Leid nicht nur dazu da ist uns zu quälen, uns zu strafen, sondern daß es - in der rechten Weise getragen - einen unvergänglichen Wert vor Gott darstellt. Kpl. Angenendt hat das in seinem Brief zur Fastenzeit, den ich Dir mitschicke, sehr fein zum Ausdruck gebracht.

Mein August, nun muß ich wieder Abschied von dir nehmen. Nimm meine Gruß, mein Gedenken und alle Zeichen meiner Liebe

Deine Marga.