Marga Broil an ihren Mann August, 16. März 1944

Köln, den 16. März 1944.

Mein lieber August,

nun habe ich schon 3 Nächte in unserer neuen Wohnung zugebracht und an den Abenden tüchtig gearbeitet, um all den Schmutz zu beseitigen, der sich in einem Jahr angesammelt hat. Die Türöffnung im Wohnzimmer habe ich mit einer Bretterwand hinter dem Vorhang zumachen lassen; alles ist jetzt sauber und für den Einzug bereit. Hoffentlich läßt das Schlafzimmer nicht mehr allzu lange auf sich warten, 8-10 Tage wird es immerhin noch dauern. Bis jetzt hat uns alles doch so fein geklappt, wenn nun auch der Umzug bald gelingt, dann geht es an die schönste Arbeit heran, für die das bisherige Tun und Vorbereitung war: aus der Wohnung unser Heim zu gestalten, im dem wir beide ganz zu Hause sein können; das den Stempel unseres Wesens und unserer Eigenart trägt, trotz aller Beschränkung, die uns auferlegt ist. Ach August, was macht solches Schaffen Freude; es ist ein lebendiges Tun, für das man gerne alle Kräfte einsetzt. Meinen Händen sieht man an, daß sie nicht mehr nur den Federhalter führen. Weißt Du noch, als Deine Hände voriges Jahr vom ungewohnten Soldatendienst rauh und rissig wurden? Da habe ich mich schon nach dem anderen Tun gesehnt, das ich heute beginnen darf. Wir haben damals wohl beide noch nicht daran gedacht, daß wir übers Jahr schon den Anfang setzen würden zu unserem gemeinsamen Leben, das wir uns erhofften. Du Liebster, ich denke jetzt oft an die Erlebnisse der Aachenerzeit, das zaghafte Kommen des Frühlings und heute

morgen in der Frühe das Zwitschern der Vögel, das durch das offene Fenster in die Stille der Maternuskirche drang, erinnern mich daran. Die große dunkle Kirche ist immer nur ganz spärlich erhellt und der Beter sind so wenige. Es kann mich ganz traurig machen, wenn ich bedenke, daß der Herr sich täglich neu den Menschen darbietet und daß so wenige seiner Einladung Folge leisten. Dazu stehen wir mitten in der Fastenzeit und man möchte meinen, daß die äußere Not zu den letzten und eigentlichen Quellen der Kraft hinführen müsse. Wie groß ist unsere Verantwortung, da wir die Forderung der Zeit, die ja letztlich nur die Forderung Gottes ist, erkennen durften. Sind wir dieser Erkenntnis bisher nicht noch viel zu wenig gerecht geworden? Allzu oft hindern Trägheit und Bequemlichkeit an der Verwirklichung dessen, wozu die Liebe treibt. Die Stimme der Liebe aber soll bestimmend sein für unser Leben; je mehr sie draußen vom Lärm des Hasses übertönt wird, umso fester soll sie in unserm Innern Wurzel fassen. Für Dich wird es jetzt sicher oft schwer sein, unter dem Druck der neuen Verhältnisse, dem äußeren Losgelöstsein, Dir Deinen Lebenskreis zu schaffen und zu erhalten. So manche Möglichkeit etwas Gutes zu vollbringen ist Dir genommen, dafür ergeben sich andere, die schwieriger sind und ein anderes Werk erfordern als das der gewohnten Ordnung. Dein Brief aus der Morgenstunde des Samstags hat mir gezeigt, daß Du Dich bemühst mit den neuen Gegebenheiten fertig zu werden und ich möchte Dir dabei helfen indem ich alles, was Dir jetzt zu tun versagt ist, in ganz

besonderer Weise für Dich mittue. Sieh' auch für mich sind die Möglichkeiten anders geworden. Der Geist kann nicht mehr mit solcher Strenge Forderungen an den Körper stellen wie bisher, weil ihm nun höhere Aufgaben gestellt sind. Das erfordert eine Umstellung und es ist nicht immer leicht das rechte Maß zu finden, das beiden gerecht wird. Aber wenn wir jeden Tag, so wie er an uns herantritt, mit gutem Willen, in Freude und Vernünftigkeit, mit christlicher, unverlogener Natürlichkeit zu gestalten versuchen - ganz gleich wo er ist - dann wird sich immer etwas Gutes wirken lassen, das wir am Abend als ein Vollbrachtes - neben all unserem Versagen - in Demut und Freude vor den Herrn tragen können. Liebster, es ist so schön zu wissen, daß unser Bemühen da die gleiche Richtung hat, und es ist gut, wenn wir unser Tun immer wieder aneinander ausrichten. -

Sonntag beging die Kirche den fünften Jahrestag der Krönung des Hl. Vaters. Wie haben wir damals all die Geschehnisse mit Anteilnahme verfolgt. Das Gedächtnis dieses Geschehens machte den Blick weit für die großen Anliegen der Kirche und der Menschheit, die wir noch viel mehr zu unseren eigenen machen müssen. In seiner Enzyklika vom corpus christi mystikum hat uns der Papst mit so eindringlichen Worten dazu ermahnt alles Persönliche in die Ganzheit der Kirche hineinzutragen und aus der Verantwortung heraus, die wir, jeder Einzelne, für den Gesamtheit trägt, so gut wie möglich zu gestalten. Durch jede Sünde, die der Einzelne begeht, wird ja der ganze Leib beschä-

digt, wie auch jede gute Tat, dem ganzen Leib zugute kommt. Unser Leben wollen wir so leben, - mit Gottes Hilfe - daß unser Dasein mithelfe an der Kraft, dem Siege und der Schönheit des Leibes Christi, unserer hl. Kirche. -

Am Sonntag hatte ich mich so sehr gefreut in Leverkusen die Fünfte von Beethoven zu hören, doch leider konnte ich nicht hinfahren. Am Morgen bin ich nach Gladbach gefahren, um Fam. Over zu besuchen und endlich vor den Vorwürfen sicher zu sein. Da wurde es mir übel, sodaß ich mir die Fahrt nach Leverkusen nicht mehr zutrauen konnte. Die Woche war etwas stramm und dann kommt es meist am Sonntag zum Durchbruch. Jetzt bin ich aber wieder gut dabei.

Gleich will ich noch nach Bayenthal gehen. Ich war so lange nicht da. Morgen hat Mutter Namenstag. Voriges Jahr hast Du ihr zu diesem Tag zum ersten Mal von uns beiden geschrieben, sie hat mir am Abend als ich da war den Brief gezeigt. Du schriebst damals, daß ich Deine Frau und die Mutter unserer Kinder werden solle. Und nun ist es schon Wirklichkeit geworden, Tatsache, die uns so beglückt und in Freude, Vertrauen und Zuversicht unseren Weg weitergehen läßt.

In dieser Freude denke ich an Dich, mein lieber August

Deine Marga.