Marga Broil an ihren Mann August, 21. März 1944
Köln, den 21. März 1944.
Mein lieber August,
vor mir liegen Deine beiden Briefe, die am Freitag zu mir kamen; der kleine, den Du dem Kameraden mitgegeben hast, und der andere, der so fein auf meine Gedanken eingeht, mit den Deinen verbindet und nun als Gemeinsames für uns beide dasteht. Du Liebster, ich danke Dir dafür. Der Tag, der mir solche Zeichen Deines Gedenkens bringt, ist immer ein Freudentag, ein Höhepunkt für mich und ich spüre deutlich wieviel neue Kraft er mir gibt, seelisch und körperlich. All Deine Worte und Gedanken sind tief in mich eingegangen und wenn ich jetzt nach des Tages Arbeit abends müde in unsere Wohnung komme, freue ich mich des Alleinseins, der Stille um mich her, in der niemand meine Gedanken stört, die zu Dir hingehen. Solche Stunden können so unsagbar reich an Erleben sein, froh und beglückend; aber zuweilen kann die Sehnsucht auch so stark sein, daß sie wie ein wilder Schmerz über mich kommt, der die Versuchung des Verzagens in sich birgt. Dann taucht das Persönliche hinein in die ungeheure Woge von Leid, die uns täglich aus den Gesichtern so vieler geprüfter Menschen entgegenschlägt, geht darin unter und verliert sich unter dem Druck der großen Not, die uns alle beschwert. Der Blick auf das Kreuz des Herrn, der Gedanke an Sein Leiden, in dem alles Menschenleid schon durchlitten wurde, und das Gebet, das die letzte Tiefe des Herzens vor Ihn hinträgt, erlösen von der Beschwernis solcher Stunde und läßt sie gnadenhaft in uns wirksam sein.
Liebster, es sind wieder recht ernste Gedanken, mit denen ich heute zu Dir komme, aber Du sollst darum wissen, daß sie neben der Freude und dem Glück, das mich so stark erfüllt, immer noch Raum in meinem Herzen finden.
Wenn auch die Wasser meiner Seele ruhiger, gleichmäßiger fließen und nicht solch stürmische Bewegtheit kennen wir die Deinen, sie sind dennoch dem Wellenschlag unterworfen, der allem Lebendigen eigen ist. Und um uns einander die Höhen und Tiefen dieses Wellenschlagens recht erfahren zu lassen, darum ist es gut, wenn unsere Briefe so unmittelbar die Situation der Stunde widerspiegeln, in der sie geworden sind, ganz gleich ob es eine leichte oder dunkle Stunde war. Es tut ja so gut zu wissen, daß unsere Gemeinsamkeit fähig ist sie beide zu umspannen und darum halten wir so froh Ausschau auf die Tage, da wir in voller Gemeinsamkeit all unsere Tage und Stunden erleben, erkämpfen, durchringen und verkosten dürfen. Erst das gemeinsame Durchschreiten aller Höhen und Tiefen kann ja zu jener Harmonie der Einheit führen, von der Du so fein in Deinem Brief gesprochen hast. Lange bin ich diesen Deinen Gedankengängen nachgegangen, ehe sie mir wirklicher Besitz geworden sind. -
Wie haben den Sonntag Laetare gefeiert und es war ein rechter Freudentag. Georg war Samstag mit Franz Stuver gekommen. Nach der Komplet sind wir zusammen zu den Eltern gefahren, da war ich seit 8 Tagen zum ersten Mal wieder zu hause. Der Besuch war uns wirklich eine Freude und die Begegnung mit Franz ist mir wirklich wertvoll gewesen. Die Feier des Sonntags haben
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wir gemeinsam in der Krypta begangen. Wenn ich dort der Messe beiwohne, meine ich immer Du müßtest an meiner Seite knien wie an unserem Hochzeitstag, und mein Beten kommt aus dem Wir unseres Einsseins. Am Morgen habe ich mit Franz ein gutes Gespräch geführt, durch das ich ihn näher kennengelernt habe. Man könnte erwarten, einen gebrochenen Menschen anzutreffen, nach all dem, was er in den fünf Jahren hinter Gittern erlebt hat, aber er weiß heute noch von seiner Kraft anderen mitzugeben. Seinem Idealismus steht eine gesunde Natürlichkeit zur Seite, die die Wirklichkeit klar ins Auge faßt und so das Leben gestaltet. Er ist nicht in den kurzen Hosen stecken geblieben, wie so manche aus den Reihen der Jugendbewegung, sondern hat den Schritt vom Jungen zum Mann richtig vollzogen. In den Fragen, die Ehe und Familie berühren, sind wir uns am meisten nahe gekommen. Georg hatte am Freitag die Nachricht bekommen, daß Marlis am Mittwoch das Kindlein, auf das sie sich so sehr gefreut hat, tot geboren hat. Ihr selbst soll es gut gehn. Ich kann nicht verstehen, daß Georg sich jetzt noch 2 Tage in Köln aufhält, dann wollte er noch einen Tag nach Heiligenhaus zu Rektor Peiffer und noch einige Tage zum Hunsrück, anstatt gleich zu Marlis zu fahren, der das Alleinsein unter den Umständen doch gewiß schwer fällt. Ich habe ihm das auch ganz offen gesagt. Sonntagmittag habe ich die beiden auf dem Deutzer Bahnhof verabschiedet und bin dann nach Bayenthal gefahren, um mit Mutter Namenstag zu feiern. Alle Bemühungen
ein schönes Geschenk für sie zu bekommen, waren vergebens, so habe ich ihr den Tonkrug geschenkt, den Du bei uns gesehen hast. Frau Fieth hatte mir Flieder besorgt, denn sonst waren keine Blumen aufzutreiben. In einem kleinen Schrieb hatte ich die Lebensgeschichte der hl. Gertrud und ein paar persönliche Worte für Mutter aufgeschrieben. Ich glaube, daß es ihr Freude gemacht hat. Familie Schlüter, Helene und einige Freundinnen von Gertrud waren noch da. Es waren recht frohe Stunden, wenn ich auch nicht so mittun konnte, wie die Mädchen es wohl gerne gesehen hätten. Weißt Du, alles Laute und Betriebsame kann ich jetzt nicht gut haben, aber ich habe mich trotzdem bemüht Kontakt zu bekommen. Eine ganze Zeitlang habe ich mit Vater geplaudert, der sich bei dem Scherzen etwas verloren vorkam. Er tut mir so leid, trotzdem Mutter so gut für ihn sorgt wird er immer weniger. Er trägt so schwer am Geschehen des Krieges und der Zeit. - Voriges Jahr war ich an diesem Sonntag mit den Eltern bei Dir in Aachen. Weißt Du noch, als wir in der warmen Frühlingssonne auf dem Exerzierplatz dem Treiben der Pferde zugesehen haben und dabei still die Hände ineinander legten; wie wir ganz erfüllt waren von der Freude des Zusammenseins, daß wir das Getriebe um uns herum darüber vergaßen? Liebster, immer wieder steigen die Bilder unserer gemeinsamen Erlebnisse aus den Tiefen des Herzens auf und lassen die Sehnsucht nach neuem Vereintsein ganz stark aufbrechen. Ich hoffe so sehr darauf, daß es uns vielleicht doch noch einmal
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geschenkt wird, ehe wir für längere Zeit darauf verzichten müssen. Wäre das schön, wenn wir das zweite Ostern gemeinsam feiern könnten. Aber Du hast Recht, alles Planen müssen wir aufgeben, da uns die Ungewißheit der äußeren Umstände täglich spürbar wird. Es ist schwer, allem neuen Geschehen, das an uns herantritt - mag es unserem Planen entsprechen oder nicht - mit Offenheit und Bereitschaft zu begegnen, es zu meistern anstatt davon beherrscht zu werden. Viele Menschen unserer Tage und besonders viele Soldaten sind von den Geschehnissen des Krieges so hin- und hergeworfen worden, daß sie jede Erlebnisfähigkeit verloren haben und nun gleichgültig und abgestumpft allem gegenüberstehen. Es ist beängstigend zu sehen, wie dadurch selbst junge, frische Menschen jede Schwungkraft verlieren, wie der Glanz in ihren Augen erlischt und das Klingen ihrer Stimme vergeht. Du siehst die Gefahr und ich weiß, daß Du Dich bemühst ihr recht zu begegnen. Wir wissen doch, daß alle Geschehnisse unseres Lebens - mögen sie noch so willkürlich, ja sinnlos scheinen - nicht von ungefähr kommen, sondern unendlich sinnvoll eingebaut sind in den weisen Plan Gottes, der alles menschliche Planen aufhebt. Er hat bis jetzt unseren Weg stets zu unserm Besten gelenkt und wird es auch weiterhin tun, wenn es uns die Dunkelheit der Stunde auch manchmal nicht erkennen läßt.
Für Marlis wird es jetzt gewiß auch schwer sein, Ja zu sagen zu dem, was sie betroffen hat, und ich habe mich still
gefragt, wie ich wohl mit dieser Situation fertig werden würde. Auf Deine Frage, wie ich das Neue, das sich in mir vollzieht leiblich bestehe, kann ich Dir nur sagen, daß es mir so gut geht wie es jetzt eben möglich ist. Es ist freilich eine ungeheure Umstellung und ich bin froh, daß ich durch die eigene Wohnung nicht so unmittelbar der Beobachtung der Lieben, die ja um mein Wohl und Wehe besorgt sind, ausgesetzt bin. Früher habe ich regelmäßig Schmerzen ertragen müssen, die ungleich größer waren als die kleinen Beschwerden heute und nun weiß ich doch warum ich es trage, daß ich es tragen darf damit Dir und mir das schönste Gottesgeschenk daraus erblühe, das Kind. Mein August, manchmal möchte ich verzagen, wenn ich bedenke in welch heilige Bezirke Seines Wirkens Gott uns berufen hat. O, ich möchte ja alles tun, um unserem Kindlein nur das Beste mitgeben zu können, was es an seelischer und leiblicher Substanz von mir annimmt in dieser Zeit. Komm, mein lieber August, wir wollen den Herrn bitten, der den Anfang unseres Wirkens gesegnet hat, daß Er uns auch weiterhin mit Seinem Segen begleite, und mit Seiner Gnade ergänze, was unserem eigenen Vermögen fehlt.
August, Du mein Liebster, ich grüße Dich in stiller Freude
Deine Marga.