Marga Broil an ihren Mann August, 30. März 1944

Köln, den 30. März 1944.

Mein lieber August,

wenn ich jetzt nach des Tages Arbeit in unsere Wohnung heraufkomme, ist es wieder ganz still um mich her. Es ist keiner mehr da, der auf mich wartet, niemand, dem ich etwas Liebes tun könnte und der mir das gleiche tut. Und dennoch bin ich nicht einsam in den stillen Räumen. Haben ihre Wände nicht eingefangen was wir beide an Schönem und Großem darin haben erleben dürfen in dem Glück unserer gemeinsamen Tage? Die Stille des Abends läßt das alles wieder in mir lebendig werden und wie die Gedanken dabei verweilen, beglückt es mich erneut mit unaussprechlicher Freude. Wie ein einzig großes Geschenk hat uns der Herrgott das Glück dieser Tage in den Schoß gelegt und unsere schwachen Hände haben es kaum zu halten vermocht.

Liebster, nun ist durch das Erleben unserer gemeinsamen Tage aus der fremden Wohnung, trotzdem die eigenen Dinge noch fehlen, wirklich unser Heim geworden, in dem ich ganz zu Hause sein kann und in das Dich der Herr wohlbehalten heimkehren lasse. Du, ich bin noch so überwältigt und erfüllt von dem, was wir erleben durften, daß ich kaum Worte finde Dir davon zu sagen. Lange lag das Papier blank und bloß vor mir auf dem Tisch, ehe ich beginnen konnte. Denn sieh', je tiefer wir zueinander kommen je mehr wir einander erkennen und erfahren - und in welchem Maße ist das in unseren Tagen geschehen! - umso unzulänglicher erscheinen mir alle Worte, die etwas darüber auszusagen versuchen.

Aber wir beide, die wir so ganz ein geworden sind und uns die Tiefen unserer Herzen so sehr verschlossen haben in den Zeichen unserer Liebe und in den Worten, die in Ernst, Freude und Heiterkeit von Mund zu Mund, von Herz zu Herz gingen, wir werden uns auch dann verstehen, wenn die Unzulänglichkeit des geschriebenen Wortes nicht alles auszusagen vermag.

Wie in unseren gemeinsamen Tagen all meine Worte zu Dir und all die Deinen zu mir gingen, so gehen nun all meine Gedanken zu Dir hin. Sie verweilen noch in all dem kostbaren Erleben, das uns geschenkt ward, lassen mich den Klang Deiner Stimme wieder hören, die so liebe Worte für mich fand; lassen mich den Druck Deiner guten Hand wieder verspüren und das Glück Deines Nähe empfinden, derweil Du schon weit von mir weg bist.

Ach, all unsere Stunden haben sich tief in mein Herz eingegraben, ich möchte sie immer wieder umfangen in tiefer Dankbarkeit. In ehrfürchtigem Staunen gedenke ich des Erlebens unseres Einssein, dessen Glück sich in ungeahnte Höhen steigerte. Wie wohl hat mir das gemeinsame Planen und Überlegen all der kleinen und großen Dinge, die mit dem Wachsen unserer Familie in Zusammenhang stehen; das unbeschwerte Frohsein und die Stille des Füreinander-Daseins. Du, und ich bin so froh darum, daß wir den Sonntag in Altenberg so fein gefeiert haben. Auf allen Stationen unseres Weges hat uns Altenberg, der Dom, der Herr und Seine Mutter gesehen: das zage Beginnen im Winter, das frühlinghafte Erwachen unserer Liebe an jenem Sonnentag im Februar und

während unserer Brautzeit, dann am ersten Sonntag nach unserer Hochzeit als Mann und Frau, und nun wieder, da die Frucht unserer Liebe unter meinem Herzen zu wachsen beginnt. Ich hatte mir schon in den Wochen vorher gewünscht, unser Kindlein in den ersten Anfängen seines Seins nach Altenberg zum Bild der Mutter zu tragen und ihrem Schutz zu empfehlen. Nun konnten wir es gemeinsam tun und sicher waren die Gebete, die wir beim hl. Opfer und vor dem Bild der Madonna emporgesandt haben, von den gleichen Gedanken beseelt. Mir ist dabei so recht bewußt geworden wie fein sich die anfänglichen Konflikte zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu Dir gelöst haben: wenn die Liebe zu Dir in meinem Herzen die höchsten Wellen schlägt, dann kann auch mein Gebet am innigsten sein, erst recht dann, wenn unsere Hinwendung zu Gott gemeinsam geschieht.

Liebster, jedes Mal, wenn wir wieder zusammen sein durften, möchte ich nachher rückblickend sagen: es war schöner als je zuvor. Diesmal drängte sich mir der Gedanken und die Freude darüber besonders stark auf. Wie froh und zuversichtlich hat mich das Erleben unserer gemeinsamen Tage gemacht und obgleich ich die Schwere des Abschieds schwerer trage als früher, spüre ich doch, wie das Frohsein mich stärkt. Verzeih' mir, wenn ich Dir dadurch, daß ich schwach geworden bin, das Scheidenmüssen erschwert habe. Das Übermaß der Empfindungen von Freude und Schmerz löst mir jetzt manchmal die Tränen, daß ich mich ihrer nicht mehr verwehren kann. So hast Du meine Tränen gesehen, die seit meiner Kindheit niemand

mehr gesehen hat und ich schäme mich nicht mehr darüber, denn Du sollst ja nun alles wissen was mein Herz bewegt. Mein August, was war es doch - trotz aller Schwere - ein schönes Abschiednehmen! Alles was ich Dir mitgeben wollte auf den Weg, der nun vor Dir liegt, habe ich hineingelegt in das Zeichen des Kreuzes. Empfange es jeden Tag neu in der Frühe des Morgens und am Abend aus meinen unwürdigen Händen, die nur die Liebe zu diesem heiligen Dienst weihen konnte.

Komm, wir wollen den Herrn bitten, daß die Freude und das Glück unserer gemeinsamen Tage recht tief in uns verankert bleibe und Er uns stärke für alles, was die kommende Zeit uns bringen mag. Unter dem Druck der Ereignisse schwindet aller menschliche Halt, alle irdischen Sicherungen schwimmen uns unter den Füßen fort, doch wir haben ja Ihn und darum dürfen wir voll Zuversicht sein - trotz allem. Mein August, so laßt uns beten wie wir es am Schluß der Komplet so oft miteinander getan haben:

„Denn Du bist die Hoffnung und die Zuflucht,
die Ruhe und der Friede, die Auferstehung und das Leben
deiner Knechte, Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit. Amen”

Liebster, ich sende meine Gruß zu Dir hinaus in die Stille der Nacht, nimm mich ganz damit hin, so wie ich Dir gehöre

Deine Marga.