Marga Broil an ihren Mann August, 17. April 1944
Köln, den 17. April 1944.
Mein lieber August,
der gestrige Sonntag war ein so schöner Tag und er hat mir so gut getan, daß ich Dir gleich heute morgen davon erzählen muß. Nachdem ich den Morgen in unserem Heim zugebracht habe, bin ich mittags zu den Eltern nach Braunsfeld gefahren. Der Empfang war wieder so herzlich wie sonst, wenn ich zu Besuch komme - der Groll vom zweiten Ostertag war verraucht. Wir haben ein paar Stunden froh miteinander geplaudert. Dann habe ich mich zu einem feinen Sonntagsgang in den Stadtwald aufgemacht. Ich bin wieder die schönen, stillen Wege gegangen, die wir vor nicht langer Zeit noch zusammen gemacht haben und ich meinte, Du müßtest auch jetzt neben mir gehen. Wie gut hat es mir getan, einmal so ganz langsam daherzugehen, ohne nach Ziel und Stunde zu fragen, während sonst in der Woche doch alles so geplant und genau eingeteilt ist. Was gab es nicht alles zu schauen und zu bewundern in der schon so weit vorgeschrittenen, frühlingshaften Natur. Ich hätte Dir das alles zeigen mögen, was mich so erfreute, und das „schau mal hier” oder „sieh mal da” lag mir manches Mal auf der Zunge. Das zarte Grün der jungen Triebe - über einem Birkenwäldchen lag es nur erst wie ein sanfter Hauch - tat dem Auge so wohl und ich mußte immer wieder verweilen, um all die Bilder recht aufnehmen zu können, die sich mir darboten. Zuweilen aber waren die Gedanken stärker als all die schönen Wahrnehmungen der Natur. Ach, das, worum sie jetzt immer kreisen,
Du, mein Lieber, den ich mit jeder Begegnung mehr und inniger lieben muß, unsere Gemeinsamkeit und ihr inneres und äußeres Wachsen zur Familie, unser Kindlein, dem wir mit so viel Freude entgegensehen; das, was unser Inneres so ganz erfüllt, ist ja so reich und schier unerschöpflich, daß es alles andere Erleben - und sei es noch so groß und schön - in den Schatten stellen muß. Sieh' mein August, so habe ich das Kindlein, unser Kindlein, der Frühling unter meinem Herzen, hinausgetragen in die erwachende Natur, und dabei all den froh machenden und beglückenden Gedanken freien Raum gelassen. Am Ufer eines kleinen Weihers im äußeren Grüngürtel - ähnlich dem Weiher, der für uns beide bedeutsam geworden ist - habe ich mich eine Weile hingesetzt und dem Spiel der Wellen in der hellen Sonne zugeschaut. Wie wonnig durchfuhr die sonnige Wärme den Körper, der sich zum ersten Mal der dicken Winterhüllen entledigt hatte. Ich habe wieder die blaue Bluse angezogen, die unseren unvergeßlichen Sommer-Sonntag in Berg. Gladbach miterlebt hat.
Vom Weiher aus kam ich auf den Weg, den ich auf unserem ersten gemeinsamen Spaziergang kennengelernt habe. Ich entsinne mich noch gut, wie Du mir an dieser Stelle von den Wildgänsen erzählt hast, die Du früher einmal auf ihrem Rückflug im Frühjahr beobachtet hast. Du, mein lieber August, wie tief hat sich das doch alles in mein Herz gesenkt, was wir miteinander erleben durften, sowohl aus den Tagen unseres Beginnens, wie aus dem letzten Beisammensein, dessen Freude noch so stark in uns nachklingt. Ich bin recht dankbar
dafür, denn es ist gut, in den Tagen des Alleinseins - wer weiß wie viele es noch sein werden - davon zehren zu können. Von der Militärringstr. aus habe ich dann den Feldweg auf Hohenlind zu eingeschlagen. In den Schrebergärten standen die Obstbäume schon in Blüte; die Pfirsiche und Pflaumen in ihrem zarten Rosa hatten sich schon mächtig angestrengt, die weiße Kirschblüte wagte sich nur hier und da zaghaft hervor. Welch verschwenderisches Spiel treibt doch die Natur mit der blühenden Fülle, da doch nur ein geringer Teil davon Frucht tragen wird. Ich mußte an die Worte Guardinis vom zwecklos-sinnvollen Dasein der unschuldigen Kinder denken, die wir im letzten Urlaub noch miteinander gelesen haben.
In der Kapelle von Hohenlind, die in ihrer strengen Herbheit so schön ist, fand der Tag einen weihevollen Abschluß in der Tauferneuerung, die dort für die Jugend gehalten wurde. Ich habe Dir den Text mitgeschickt, damit Du Dir ein Bild davon machen kannst wie es war. „Einst ward ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht!” Die Taufe erstand vor uns allen in der ganzen Größe ihrer Bedeutung. Zuerst fanden wir uns im Halbdunkel der Krypta zusammen, wo die Absage an das Böse vollzogen wurde, dann zogen wir in die Helle der Oberkirche. Aus dem Beten und Singen der frischen, jungen Stimme klang so recht der jubelnde Dank für das große Geschenk der Taufe auf. August, daß uns der Herr berufen hat, durch unsere Liebe mitzuwirken am Werden eines neuen Menschenkindes, dem auch einmal die ganze Fülle dieses Sakramentes zuteil werden soll!
Je mehr das Kindlein unter meinem Herzen wächst, umso stärker wird auch die Beziehung, die ich zu ihm gewinne. Es ist für mich nicht mehr nur das „Es”, dessen Dasein mich erfreut und beglückt, sondern das personhafte „Du”, das ich lebendig einbeziehen kann in die Zwiesprache, die mein Herz mit Deinem Herzen hält, ja es gehört jetzt untrennbar dazu. Als ich so sinnend durch die blühende Natur ging, kam mir der Gedanke, wie schön es erst einmal sein wird, wenn ich - so Gott will - unser Kindlein übers Jahr auf meinen Armen in das warme Licht der Frühlingssonne hinaustragen darf. Solltest Du dann immer noch nicht ganz bei mir sein, wie werde ich dann im Gesicht unseres Kindleins Deine lieben Züge suchen, die sich mir mit allem, was sie mir zu sagen vermögen, in den Stunden unseres Zusammenseins so tief eingeprägt haben. Liebster, nun ist es Abend geworden, ehe ich den Brief beenden konnte. Von dem gestrigen Gang habe ich mir den Frühling mit hineingenommen in unser Heim. In der braunen Kugel auf dem Tisch steht ein großer Strauß mit jungen Birken- Buchen- und Kastanienzweigen und in der Vase auf dem Klavier stehen ein paar wilde Kirschentriebe mit den feinen weißen Blüten. Vor mir auf dem Pult erfreuen mich neben Deinem Bild die gelben Himmelsschlüssel, von denen ich Dir zwei in diesen Brief hineinlege, daß sie auch Dir ein wenig Freude machen; denn die meine ist ja jetzt in allen Dingen erst vollkommen, wenn ich sie mit Dir teilen kann.