Marga Broil an ihren Mann August, 21. April 1944

Köln, den 21. April 1944.

Mein lieber August,

in den Schrecken dieser Nacht hätte ich nicht geglaubt, daß ich noch einmal Dich so anreden könnte, wie so oft in den Briefen, darum geschieht es heute mit besonderer Innigkeit. Liebster, wir haben eine Nacht durchlegt, so fuchtbar wie kaum eine vorher und ich muß mich fragen, wie es überhaupt möglich ist, daß allen, die uns lieb sind, noch Gesundheit und Heim erhalten geblieben ist. Die halbe Stunde des Angriffs, in der die Einschläge der Sprengbomben in einem fort das Haus erschütterten, kam mir vor wie eine Ewigkeit. Alle haben geglaubt, aus dieser Hölle nicht mehr lebend herauszukommen. Wie dankbar haben wir nach diesem Erleben das Geschenk des Lebens wieder neu aus der Hand des Schöpfers entgegengenommen. Ich bin froh darum, daß ich bei all dem so ruhig bleiben konnte. Ich glaube, es ist der Gedanke an unser Kindlein, der mich dazu fähig gemacht hat. Du brauchst Dir also keine Sorge zu machen, ich habe in keiner Weise Schaden gelitten. Unser Heim ist auch verschont geblieben, nur im hinteren Schlafzimmer ist das ganze Fenster mit Rahmen hereingeschleudert worden. Außer einigen Treffern am Bonntor, Bonner-Wall + Markthalle ist der südliche Stadtteil und Bayenthal ziemlich verschont geblieben. Da man sich nach den Erschütterungen und den riesigen Feuern die Auswirkungen in den den anderen Stadtteilen denken konnte und ich mit zu Hause keine Telefonverbindung bekam - wir hatten weder Gas, Licht noch Wasser - habe ich mich nach der Vorentwarnung gleich zu Fuß

nach Braunsfeld aufgemacht. Nach fast 2-stündigem Weg durch die brennende Stadt kam ich gegen 6 h an und fand auch da alles unbeschadet. Die grauenvollen Bilder, die ich auf dem Weg gesehen habe, kann ich Dir nicht beschreiben. All die gequälten, verstörten und verzweifelten Gesichter kann man nicht so leicht wieder in der Erinnerung auslöschen. Als ich nach Melaten kam, - da sind einige große Trichter auf der Aachenerstr. - wurde es ruhig um mich und ich konnte nach dem Rauch und Qualm mal wieder frische Luft schöpfen. In einem der großen Kastanienbäume flötete eine Amsel umbekümmert ihr Lied und ich war nach all dem Erleben dem kleinen Vogel so dankbar für diese Freude. Als ich mich nochmal nach der Stadt umwandte, lag darüber eine große schwarze Rauchwolke, in der die aufgehende Sonne blutigrot leuchtete. Nach einer kurzen Rast zu Hause - das Dach ist wieder abgedeckt, fast alle Fenster zerstört - habe ich mich wieder auf den Rückweg gemacht. Wie innig war eben in der hl. Messe mein Dank an den Herrn, der uns alle so wunderbar bewahrt hat, aber die Bitte um weiteren Schutz wollte mir nicht über die Lippen. Ich habe alles was ist und kommen mag, für Dich und mich in der großen Vaterunser-Bitte in Seine Hand gelegt: Herr, Dein Wille geschehe!

Liebster, mehr kann ich Dir heute nicht mehr sagen, ich bin so sehr müde und will versuchen zu schlafen. So sage ich Dir für heute Lebewohl. „Eine stille Nacht und ein gutes Ende gewähre uns der barmherzige Herr, Amen.”

Deine Marga.