Marga Broil an ihren Mann August, 22. April 1944

Köln, den 22. April 1944.

Mein lieber August,

es ist Samstagnachmittag. Die Sonne strahlt hell vom blauen Himmel und in unserem Heim und seiner nächsten Umgebung ist es so friedlich still, daß ich garnicht glauben möchte, daß in nicht weiter Entfernung Vernichtung, Not und Not herrschen. Ich möchte die Bilder des Grauens, die tief in die Seele gesunken, wenigstens für Augenblicke auslöschen können, wenn ich nun in diesen Zeilen zu Dir komme. Aber vor Dir brauch ich ja nichts zu verbergen, auch nicht das, was mich beschwert und während ich allen anderen in ihren Nöten nur aufmunternd zurede, bist Du es allein, den ich wissen lassen kann, wie mich die Dinge wirklich berühren. Ach Liebster, dieses Bewußtsein macht mich so zuversichtlich und stark und wenn ich all die Gedanken, die nur das Geschehene kreisen, zu Dir hinschicke, dann meine ich nachher den Druck Deiner lieben, starken Hand zu spüren, so wie Du sie mir beim Abschied gereicht hast, und die Kraft, die davon auf mich einströmt.

Sonntagmorgen. Die Flieger lassen uns seit dem Angriff nicht mehr zur Ruhe kommen. Gestern abend und diese Nacht haben wir wieder lange bange Stunden im Keller zugebracht. Sogar die Komplet konnte nicht zur gewohnten Stunde gesungen werden, zu einigen wenigen haben wir sie teilweise später gesungen und den anderen Teil habe ich stil für mich auf dem Heimweg durch die menschenleere Stadt gebetet. Ich bin heute nicht fähig den weiten Weg nach Braunsfeld zu machen und werde den Tag des Herrn in der Stille unseres Heimes zubringen, um mich von den Erschütterungen der

vergangenen Tage ein wenig zu erholen. Das Alleinsein und die Stille tun mir so wohl. Eben habe ich Deinen Brief vom 16. noch einmal gelesen, der mir gestern in den Ernst der Tage eine gute Freude brachte. Wie magst Du den heutigen Sonntag begehen, an dem uns die Kirche die Liebe des Herrn im Bild des Guten Hirten nahe zu bringen sucht? Vielleicht bist Du irgendwo unterwegs, oder schon an einem neuen Bestimmungsort; wo es auch sein mag, unsere Gedanken und das Sehnen unserer Herzen finden trotz aller Ferne im sonntäglichen Begegnen zueinander. Wo die Sonne es so gut mit uns meint, möchte ich am liebsten irgendwo auf einer verlassenen Wiese liegen können, in die ziehenden Wolken schauen und wünschen und träumen, Du wärest bei mir. Gleich will ich sehen, daß ich ein Wenig von dem schönen Wetter mitbekomme, denn ich bekomme seit Tagen meine lästigen Kopfschmerzen nicht los.

Eben komme ich von einem feinen Spaziergang zurück. Ich habe ihn begonnen, so wie wir beide unseren ersten gemeinsamen Gang begonnen haben: mit einem Besuch beim Herrn in der Marienburger Kapelle. Der Südpark lag im schönsten Frühlingskleid da. Ich habe auf der Bank unter den Kastanien gesessen, wo wir im Herbst so bedeutsame Dinge miteinander besprochen haben, während hie und da ein reife braune Frucht zu Boden fiel. Ich bin den kleinen krummen Pfad gegangen, der - wie Du mir erzählt hast - die frohen Spiele Deiner Bubenjahre gesehen hat, und während ich so ganz in Gedanken verloren daherging, drang vom Spielplatz ein helles Kinderlachen zu mir herauf. Da mußte ich

an unser Kindlein denken, das unter meinem Herzen, noch ehe es geboren ist, so ernste, erschütternde Dinge miterleben muß. Möge doch trotzdem die Freude recht tief in seinem kleinen Herzen Wurzel fassen; möge es uns doch vergönnt sein, sein Lachen einmal so hell und beschwert zu hören, wie mich heute das Jauchzen des kleinen fremden Jungen erfreut hat.

Die Häuser und Gärten der Marienburg lagen all so still und friedlich da, mir schien, als hielten auch sie Mittagsschlaf wie ihre glücklichen (?) Besitzer. Die Gärten sind eine einzig blühende Pracht, das Weiß der Blütenbäume, die Tulpen in leuchtendem Rot und die gelben Osterglocken auf dem frisch-grünen Rasen: das alles tat dem Auge und dem Herzen, nachdem es so schreckliche Bilder geschaut hat, so wohl. Ob die Menschen, die noch in einer solch friedlichen Umgebung leben dürfen, es wohl zu schätzen wissen und dankbar dafür sind?

Bald war ich am Weiher, der Dir von früher her vertraut ist und auch mir durch unser gemeinsames Erleben dort lieb wurde. Wieder zog eine Herde an mir vorüber wie damals, es ist fast ein Jahr her, als wir am Tag vor unserer Verlobung zusammen unter den Espen lagen. Ich habe eine lange Weile still da auf dem Rasen gesessen, das schöne Bild vor mir tief in mich aufgenehmend. Und alle meine Gedanken waren bei Dir, Liebster. Da war alles Schwere, das mich in den letzten Tagen so sehr bedrückt hat, von mir fortgenommen und mein Herz tat sich der Freude wieder weit auf. Ich habe so recht dabei gespürt, daß sie doch - ich möchte fast sagen, das Grundelement meines

Gemütes ist, obwohl mich auch das Schwere und Leidvolle so sehr beeindrucken kann. Ich bin so dankbar für das Erleben dieser sonntäglichen Stunden, die mich wie neu geschaffen heimkehren ließen. Eine blühende Schledornhecke schenkte mir noch ein paar Zweige, die habe ich auf dem Heimweg Deiner Mutter gebracht. So konnte ich noch ein wenig von der empfangenen Freude weitergeben. Dir aber, Liebster, möchte ich sie ganz schenken, so wie sie zu mir kam, denn ich weiß, daß Du auch das andere, von dem ich Dir zuerst sagen mußte, ganz mit mir trägst.

Es ist Abend geworden. Wieder drängt sich die bange Frage auf: wie wird die Nacht vorübergehen? „Er weidet Seine Herde, ein guter Hirte” habe ich zum Spiel Deiner Flöte einmal gesungen. „Ich bin der Gute Hirte..” sagt heute der Herr im Evangelium „ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich”. Kennen wir Ihn wirklich so, wie Er von uns gekannt sein will und kommt diese Erkenntnis auch in unserer Haltung zum Ausdruck? Ach, unser Glaube ist ja viel zu klein; müßte unsere Liebe und unser Vertrauen sonst nich viel größer sein?

Mein lieber August, dieser Brief bringt nun das ganze Auf und Nieder meines Herzens, so wie ich es erlebt habe, zu Dir hin. Laß mich noch eine Weile still bei Dir sein, ehe ich mich niederlege. Gute Nacht, Du mein Liebster, der letzte Gedanke des Tages nach dem Abendgebet gehört immer Dir

Deine Marga.

All unsere Lieben lassen Dich herzlich grüßen.