Marga Broil an ihren Mann August, 29. April 1944
Dernbach, den 29. April 1944.
Mein lieber August,
ich sitze am Fenster des Klosters und lasse den Blick über die gepflegten Beete des Gartens, die grünen Wiesen und Felder weit über die Höhen des Westerwaldes schweifen, über denen die Wolken am blauen Himmel ruhig ihre Bahn ziehen. War es eine Flucht aus dem Grauen, das uns daheim auf Schritt und Tritt begegnet, und vor den Schrecken der Nächte, daß es mich so mächtig hinauszog? Ach nein, ich will nicht fliehen, und vor dem Schicksal, das der Herrgott in Seiner Hand hält, nicht laufen gehen; nur ein wenig ruhen möchte ich hier in dem unberührten Frieden der Natur, wenigstens zwei Nächte nach all dem Erleben ruhig schlafen können, um dann um so besser den Anforderungen gewachsen zu sein, die wieder an mich gestellt werden. Wie tut mir die Stille hier so wohl. Kein Laut ist vernehmbar, nur das Lieder der Vögel dringt zu mir herauf. Wie frei wird da die Seele und das Herz und die Gedanken können ganz ungehemmt in jenen herrlichen Höhen kreisen, aus denen uns so wundersame Beglückung zuteil wird. Sie verweilen in den beiden Briefen, die in diesen Tagen von Dir zu mir kamen. August, Du mein Liebster, wieviel Gutes und Liebes hast Du mir damit angetan; all Deine lieben Worte, die nur die ganze Kraft Deines liebenden Herzens formen konnte, haben sich tief in mich hineingesenkt und jedesmal, wenn das Gedächtnis sie hervorholt, lassen sie mein Herz aufjubeln vor Freude und Glück. Laß Dir danken, Liebster, mit allem, was ich
Dir zu geben vermag.
Deine Briefe kamen gerade zur rechten Stunde bei mir an, als ich sie am nötigsten hatte. Du, ich kann Dir garnicht sagen was es mir bedeutet, zu wissen, daß Du an allem, was mich bewegt, Anteil nimmst, daß Du alles mit mir trägst, Freude und Not, Glück und Betrübnis. Und ich muß es einfach so wie es über mich kommt zu Dir hintragen und sicher hast Du gerade in der letzten Zeit manchmal daraus die stumme Bitte gehört: Komm, hilf mir tragen. Manchmal tut es mir leid, daß meine Briefe Dir nicht mehr Freude machen können, daß sie Dir zuweilen Schweres und Schmerzliches berichten müssen; aber ich kann auch damit, genau so wie mit der Freude, jetzt nicht mehr alleine bleiben, wir sind ja so eins geworden, daß dieses Einssein alles umschließen will und umschließen muß. Ist nicht alles, was uns diese Erkenntnis bringt, letztlich ein frohmachendes Erfahren?
Am Sonntag. Wie gut hat mir der ungestörte Schlaf diese Nacht getan, es war seit Ostern die erste ununterbrochene Nachtruhe. Hätten wir je geglaubt auch den Schlaf, das scheinbar Selbstverständlichste, so schätzen zu lernen? Tante Godeharda hat sich so sehr über mein Kommen gefreut, ich muß in einem fort erzählen, denn von solch einem Besuch, der nur jedes Jahr 1 oder 2 Mal kommt, muß sie lange zehren. Ich habe ein schönes Zimmer 1. Klasse bezogen und alle sind so gut zu mir. Könntest Du es Dir doch auch einmal einen Tag so gut sein lassen wie ich heute. Bei allem Schönen und Guten, das mir widerfährt, schwingt immer der Wunsch mit,
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daß Du es doch auch erleben möchtest. Heute habe ich wieder so ganz feine stille Stunden gehabt, die hier in der klösterlichen Ruhe und Abgeschlossenheit durch nichts gestört werden. Draußen geht ein feiner Regen nieder und die herbe Westerwaldluft dringt durch die weit geöffneten Fenster zu mir herein. „Und wenn der Himmel regnen will, so weiß er was er tut” - weißt Du noch wie wir es miteinander gesungen haben? - „er spielt ein großes Gnadenspiel mit seiner warmen Flut. Er läßt die Läublein sprießen...” Ist es wohl auch so mit der Flut von Leid und Tränen, die heute über die Menschen kommt, wird der Herr sie zur „Gnadenflut” für uns und alle machen? Ach, daß doch auch daraus neues Leben sprießen möge! - Eigentlich hatte ich mich auf einen Spaziergang in den nahen Wald gefreut, den ich von meinem letzten Hiersein vor 3 Jahren her noch kenne; aber es kann mich nicht verdrießen, daß der Regen mir einen Strich dadurch macht, so kann ich noch ein wenig mit Dir plaudern, und hier in dem behaglichen Raum mit dem weiten Blick auf das weite Land läßt sich so viel Schönes erleben, daß - so mußte ich denken - auch bei Dir der „Brummbär” garnicht zu Wort melden könnte, wenn Du bei mir wärest. Den werden wir überhaupt mit der Zeit ganz mundtot machen, wenn wir ihm erst einmal gemeinsam zu Leibe rücken können, meinst Du nicht auch? Das so etwas aufkommen kann liegt wohl nur daran, daß wir uns nicht bescheiden können, daß wir es noch zu wenig verstehen die beste Seite einer jeden Stunde zu sehen und dankbar dafür
zu sein. Das aber ist eben die „Kunst des Lebens”, die erlernt sein will und daß wir sie lernen werden, daran zweifeln wir doch beide nicht.
Einen lieben Begleiter habe ich mir mit in diese Stille hinaus genommen, den ich nicht allein zu Hause in den Gefahren zurücklassen konnte: die Mappe mit Deinen Briefen, die mir voriges Jahr bei dem Geschehen im Juni neu geschenkt worden ist. Die Briefe sind wohl das Einzige, von den Dingen, die mir lieb sind, woran mein Herz hängt, dessen Verlust mir sehr schwer fallen würde. Seitdem ich im vorigen Jahr alles hergeben mußte geht mein Bemühen dahin, von allen anderen Dingen möglichst Abstand zu gewinnen, sie mehr als Leben zu betrachten und nicht so intensiv zu besitzen wie vorher. Das ist gar keine leichte Arbeit und braucht ihre Zeit. Manchmal glaubt man schon ein Stück weitergekommen zu sein, dann zeigt einem die kleinste Gelegenheit wie weit der Weg doch noch ist. So war es, als Maria Weyerstraß, die nur noch das besitzt was sie anhat, zu uns kam und ich daranging etwas für sie auszusuchen. Ich mußte mir einen ordentlichen Ruck geben, aber schließlich behielt der gute Wille doch die Oberhand.
Aber ich wollte Dir von der Freude erzählen, die mir die Briefe hier wieder gemacht haben. Ich halte die Mappe in Händen und streiche leise darüber, denn ich meine, ich müßte ihr irgend etwas Liebes antun. Denn das, was diese Blätter eingefangen, was Deinen liebe Hand darauf für mich geschrieben hat, birgt es nicht den ganzen Schatz Deiner Liebe, den Du mir schenktest? Wenn ich bedenke, was jedes einzelne Blatt in mir bewirkte, als ich es zum
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ersten Mal in Händen hielt und was es jetzt in mir auslöst, da ich es wiederlese! Der Geist unserer Liebe und das Wachsen unserer Gemeinsamkeit leuchtet uns daraus entgegen, darum will ich sie hüten als kostbarer Besitz, den wir in unserem späteren gemeinsamen Leben sicher noch manches Mal gerne zur Hand nehmen werden. In dem kleinen Heft, mit dem Du mich zum Weihnachtsfest so sehr erfreut hast, hast Du mit zarten, behutsamen Worten alles zusammengefaßt, was in den Briefen enthalten ist: unseren Weg von seinen zagen Anfängen durch den blühenden Garten unser Brautzeit bis zum Hohen Tor des heiligen Landes unserer Ehe, in dem wir nun so reich beschenkt verweilen dürfen.
Am ersten Tag des Maien. So herrlich bin ich heute morgen aufgewacht, als in aller Frühe das Lied heller Mädchenstimmen mich weckte: Grüß Gott du schöner Maien, da bist du wiederum hier ... und als das Lied beendet war, tönte seine Weise im Gesang der vielen Vogelstimmen fort. Das hat mich so unsagbar froh gemacht! Doch der eigentliche Grund meiner Freude lag viel tiefer, denn der Mai hat sich mir in dieser Nacht, als ich lange wach träumend da lag in einer Weise angesagt, wie es schöner und beglückender garnicht geschehen konnte. August, mein Lieber, denke Dir nur, ich habe zum ersten Mal das Leben unseres Kindleins spüren dürfen. Als ich ganz still dalag, vernahm ich auf einmal ein leises Pochen und es schlug wie eine heiße Welle über mich: unser Kindlein! Ich wagte es zuerst garnicht zu glauben, aber als ich meine Hand auf die Stelle legte, wurde das Pochen, das erst ganz zart und leise geschah, immer deut-
licher spürbar. Es war mir, als wollte mir unser Kindlein damit sagen: Siehe, ich bin da; freue dich, ich lebe! Und es kam eine solche Beglückung über mich, wie ich sie sonst nur im innigsten Einssein mit Dir empfunden habe. Ach mein lieber August, was hätte ich darum gegeben, daß Du das Glück dieser nächtlichen Stunde mit mir gemeinsam hättest erfahren dürfen. Ich meinte Deine Hand suchen zu müssen, sie leise auf meinen Leib zu legen, daß sie unser Kindlein spüre, daß sie sich mit der meinen über dem zuckenden Leben vereinen möge, das uns in diesen ersten Anzeichen seines Daseins begrüßen will als Vater und Mutter. Mein lieber August, wie innig habe ich eben beim hl. Opfer dem Vater im Himmel für diese große Freude gedankt. Ach, daß ich sie Dir doch so mitteilen könnte, daß sie Dich in gleicher Weise beglückt! Das Lob der Maienkönigin habe ich noch nie so von Herzen bewegt mitgesungen wie heute: Maria, Dir befehlen wir, was grünt und blüht auf Erden, o laß es eine Himmelszier in Gottes Garten werden. Ja, und grünt und blüht es unter meinem Herzen und ich mußte an die Feinen Worte Deines letzten Briefes vom vorigen Sonntag denken, in dem Du das Geschehen in mir in Beziehung setzt zu dem Wachsen und Werden in der Natur draußen. Wie wunderbar schwingt der Rythmus unserer Gemeinsamkeit mit dem Geschehen in der Natur mit, das haben wir schon so oft mit Freude wahrgenommen, und so war es mir auch eine besondere Freude, daß ich die ersten Anzeichen vom Leben unseres Kindleins in den ersten Stunden des Maimonates empfangen durfte.
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Nun wird unser Kindlein täglich mehr wachsen und in Erscheinung treten, sodaß ich das Geheimnis seines Daseins den nächsten Menschen gegenüber nicht mehr länger verschweigen kann. Mutter machte letztes Mal als ich zu Hause war Andeutungen aus denen ich entnahm, daß sie doch etwas ahnt. Bisher bin ich ihr immer noch ausgewichen aber nun will ich es ihr bei der nächsten Gelegenheit doch sagen.
Deine Mutter erzählte mir letztens, daß Else nun Gewißheit habe, sie wird wohl staunen, wenn sie eines Tages erfährt, daß ich schon viel weiter bin als Else. All unsere Lieben werden sich mit uns freuen, trotz aller Sorgen und Bedenken, die ja bei uns nicht so schwer wiegen als bei ihnen. Als vorige Woche eine junge Frau da war, die nahe vor ihrer Stunde stand, fiel nachher das Wort: So ist es, wenn die Männer in Urlaub kommen haben die Frauen nachher den Dank davon. Es war mir, als hätte man mir einen Hieb versetzt und ich meinte, da eine Frau es ausgesprochen hat, in ihrem Namen Dir und allen Vätern draußen etwas abbitten zu müssen. Anders verstanden als es gemeint war, sagt dieses Wort, das mir lange nachgegangen ist, etwas Feines und Wunderbares aus: kann der Mann seiner Frau, der er in Liebe zugetan ist, ein schöneres und kostbareres Geschenk zum Dank für das Glück der gemeinsam verlebten Urlaubstage in der Heimat zurücklassen, als daß er ihr ein Stück seines Lebens, ein Teil seines Wesens und Seins anvertraut, auf daß sie die Zeit des Wartens auf seine Wiederkehr mit fruchtbarem Tun für das Wachsen eines neuen Menschenkindes erfülle? Ach August, ich kann Dir garnicht sagen wie dankbar ich bin, daß wir uns so ganz einander schenken durften und
daraus nun in unserem Kindlein das Zeichen unserer Liebe lebendig wird. Es hat mir so gut getan als Maria Schwellenbach mich bei meinem Besuch fragte: Du Marga, sieht man unserem Kindlein nicht an, wie lieb wir beide uns haben? In dieser Frage hat sie ganz schlicht und klar mein innerstes Empfinden zum Ausdruck gebracht. Es ist so schade, daß sich die meisten Menschen heute jede Freude, auch die Freude am schönsten Geschenk Gottes, dem Kind durch die Schwere der Zeit vergällen lassen. Umso mehr beglückt uns jede Begegnung mit den Menschen, die sich die Fähigkeit zur echten, wahren Freude noch erhalten haben.
Eben komme ich von einem feinen Weg durch den frischen Morgen zurück. Die Sonne beleuchtete zaghaft das blasse Grün des jungen Buchenwaldes, unter meinen Füßen raschelte noch das welke Laub des Vorjahres, doch darüber breitete sich das frische Grün aus wie ein Teppich, aus dem die weißen Sterne der Annemonen leuchteten. Hier und da habe ich schon ein Büschel Maikräuter entdeckt. Ich kam an einer einsamen Bank vorüber, auf der ich vor Jahren zum ersten Mal in Lipperts herrlichen Briefen aus dem Engadin gelesen habe. Damals hätte ich noch nicht geahnt, daß sie Dir und mir einmal Stoff zu gemeinsamer Betrachtung sein würden.
Am Rande des hohen Buchenwaldes stehen ein paar kleine, stille Lärchenbäume. Die zarten Äste sind von den kleinen Nadelbüschen wie berieselt, die sich in ihrem kräftigten, saftigen Grün von der sanften Farbe des Buchenlaubes gut abheben. Ich muß daran denken wie Du mir in Deinem zweiten Brief aus Galtür von dem Lärchenwäldchen auf dem Wege nach Mathon erzählt hast.
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Wie ich all das Schöne um mich in der Natur sehe und mich daran erfreue, halte ich Zwiesprache mit dem Kindlein unter meinem Herzen und ich sage ihm meinen Wunsch, daß doch auch ihm das Erleben der Natur so viel Freude bereiten kann in seinem späteren Leben, wie wir, Du und ich, sie empfinden können. Denn das ist doch eine Bereicherung, die uns niemand rauben kann. Wieder kommen mir die Worte des Mailiedes in den Sinn: .. o laß es eine Himmelszier in Gottes Garten werden! Das ist doch die letzte Steigerung unserer Freude auf unser Kindlein, daß unser persönliches Glück über die Natur hinausgehoben wird und durch die Seele, die der Herr der Vereinigung Deines und meines Lebens eingehaucht hat, vor Ihm ewigen [..] haben soll. Ach, ich kann bei den Gedanken, die um das Wunder in meinem Leibe kreisen, garkein Ende finden, sein Reichtum ist unerschöpflich.
An den Waldbeersträuchern hängen schon dicke rote Beeren; wenn sie die Wärme der Sommersonne noch mitbekommen, werden sie bald reif sein. Ich wünschte es wäre schon so weit, wie würde es unserem Kindlein und mir gut tun. Ich muß manchmal über mich selbst lachen, wegen meiner „Obstgelüste”. Vor einigen Nächten habe ich von einem Korb dicker, roher Eierpflaumen geträumt, den ich lange Zeit tragen mußte ohne etwas davon zu essen. Das war eine richtige Qual. So weit ist es schon mit mir gekommen, daß mich die „Gaumenlust” bis in den Schlaf hinein verfolgt. Ich sehe jetzt Dein Lächeln, da ich Dir das erzähle, und freue mich darüber.
Liebster, das ist aber ein bunter Brief geworden, genau so bunt und froh wie die Stunden, die ich hier erleben durfte. Morgen geht's nun in aller Frühe wieder heimwärts.
Es ist spät und ich muß nun den Brief beenden. Dann steht immer noch so viel Ungesagtes vor mir und ich meine, ich müßte das am Schluß in einem besonders innigen Wort alles zusammenfassen können.
Komm, Liebster, nimm mich ganz fest zu Dir, laß mich die Kraft Deiner Liebe spüren, die nun auch das dritte in unserer Gemeinschaft umschließt: unser Kindlein.
Deine Marga.