Marga Broil an ihren Mann August, 5. Mai 1944

Köln, den 5. Mai 1944.

Mein lieber August,

als ich am Dienstag von Dernbach zurückkam, war noch alles so wie ich es zurückgelassen hatte; keiner hatte mich vermißt und niemand erwartete mich und doch fand ich einen Willkommensgruß vor: ein Brief von Dir. Und was für ein Brief! Ganz still habe ich mich in den Sessel gesetzt und als ich ihn las war es mir, als hörte ich Deine liebe Stimme all die guten, warmen Worte zu mir sagen, die mir so wohl taten. Ach Liebster, wie gut hast Du mir geholfen mit all dem Schweren fertig zu werden, das das Geschehen der letzten Tage und Wochen uns auferlegt hat. Es ist ja für mich, die ich gewohnt war alles mit mir allein auszumachen, etwas so unerhört Neues, zu wissen, daß ein Mensch da ist, zu dem ich bedingungslos alles hintragen kann, was mich erhebt und bedrückt, der immer mit seiner Liebe und seinem Verstehen bereit ist, es angenehmer, ja, darauf wartet, daß ich es ihm anvertraue. Mein August, ich bin ja so dankbar dafür und ich kann Dir garnicht sagen wir froh und glücklich es mich macht. Dein Brief vom Sonntag, der gestern zu mir kam, ist ja wie eine einzige große liebe Einladung dazu; sieh' und ich folge Deiner Einladung mit tausend Freuden, denn ich kann ja garnicht mehr anders, als mich Dir restlos mitteilen, mit allem, was in mir vorgeht. Ich bin ja ganz Dein, mein August, und will es zu jeder Stunde sein, ob sie nun hell oder dunkel, froh oder traurig sein mag. So manche Gedanken Deines Sonntagsbriefes gleichen so sehr denen, die ich am gleichen Tage in Dernbach in stiller Stunde an Dich geschrieben habe. Es ist für mich immer eine so frohmachende Feststellung, denn sie bezeugt doch den harmonischen geistigen Zusammen-

klang, der dem gesamten Einssein von Seele und Leib entspricht. - Die beiden stillen Tage in Dernbach, in dem unberührten Frieden der Natur haben mir so gut getan. Es ist vielleicht so, daß wir von dem Geschehen des Krieges, das uns hier täglich umgibt, erst mal ein wenig Abstand gewinnen müssen, räumlich und geistig, um ganz damit fertig werden zu können. Denn es erfaßt in gleicher Weise Körper und Geist und verlangt von beiden den ganzen Einsatz der Kraft. Ich bin wirklich neu gestärkt zurückgekommen. Der Gedanke, aus Köln für einige Zeit fortzufahren, hat mich auch schon beschäftigt, doch sehe ich im Augenblick noch keine Möglichkeit dazu. In Dernbach habe ich die Gewißheit, wenn es soweit ist zur Entbindung unterzukommen, Tante Godeharda ist ja dort im Krankenhaus. Ich glaube, mein Besuch hat ihr „Weltbild” richtig umgewandelt. Die Vorstellung, die sie von Ehe und Liebe hatte, war so wie die Zulassung eines notwendigen Übels. Ich habe ihr ein wenig erzählt und dabei fiel mir ein, daß das überhaupt das erste Mal war, daß ich zu andern von Dir gesprochen habe. Wenn das, was ich ihr gesagt habe, auch nur am Rande lag und die heiligsten Bezirke unserer Gemeinsamkeit nicht berührte - die sollen für uns stets unangetastet bleiben und außer dem Auge Gottes soll niemand hineinschauen dürfen, - so hat es für Tante Godeharda doch eine Wandlung ihrer Einstellung gebracht. Sie war wohl noch nie von der Notwendigkeit einer guten Ehe und Familie so überzeugt wie jetzt.

Am Samstagnachmittag. Erst jetzt komme ich wieder zum Schreiben, da alle Arbeit der Woche getan, unser Heim für den Sonntag bereitet ist. Wenn ich so nach getaner Arbeit im Brief zu Dir kommen kann, dann ist für mich Feierabend in des Wortes schönster Bedeutung. Dann dauert es oft Stunden bis ein Brief fertig ist, denn zwischendurch

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lösen sich die Gedanken vom geschriebenen Wort, um frei zu Dir hinüberzugehen, und das, was ich denn nachher wirklich auf dem Papier stehen sehe, ist nur ein Bruchteil von dem was im Herzen geschehen ist und manchmal bin ich recht unzufrieden damit.

Gestern kamen Deine beiden Päckchen an. Ich habe sie mir bis zum Abend verwahrt und mir aus dem Auspacken ein kleines Fest gemacht. Die Schnur zu lösen, die Deine liebe Hand für mich befestigt hatte, war mir schon Freude genug. Und wie gut Du an alles gedacht hast, was ich gebrauchen kann. Ich danke Dir recht herzlich dafür. Könnte ich Dich doch nur recht bald auch wieder mit einem Päckchen erfreuen. Ich habe schon allerlei Gutes für Dich erspart, hoffentlich wird die Sperre bald aufgehoben, daß ich es Dir schicken kann. Daß Du nun, wo Du doch alles entbehren mußt, auch noch auf Deinen Schott verzichten mußt, tut mir besonders leid. Aber Du wirst auch ohne jede Hilfe von Wort und Schrift, ganz aus dem freien Empfinden des Herzens heraus, den Weg des Gebetes zu Gott gehen. Das hat mir einer Deiner letzten Briefe gezeigt, in dem Du in so feinen Worten unser Leben und Sein in seiner Unzulänglichkeit und Schwachheit in Gottes Vaterhände legst. Ich habe mir Deine Worte zu eigen gemacht und am Abend vor dem Zeichen unseres Kreuzes, das uns so oft in Gemeinsamkeit hat beten gesehen, als unser gemeinsames Gebet vor den Herrn getragen. Wenn dann die Kerze verlöscht und nur der glimmende Docht den dunklen Raum noch ein Wenig erhellt, dann gehen meine Gedanken vom Gebet für Dich ganz zu Dir über und die letzten Minuten ehe der Schlaf mich umfängt gehören Dir. Ich habe jetzt auch manchmal mitten in der Nacht eine wache Stunde, in der die Gedanken so schön zu Dir hingehen.

Seitdem ich in der Nacht des Maienbeginn die ersten Zeichen vom Leben unseres Kindleins verspüren durfte, lausche ich dann ganz gespannt darauf und es macht mich ganz glücklich und froh, wenn ich wieder die Anzeichen seines zuckenden Lebens verspüren kann. Du müßtest das alles mit mir erleben können, Liebster, aber ich weiß auch so, daß Du an meiner Freude teilnimmst und Deine Gedanken oft ganz bei mir sein werden. So wachsen wir gemeinsam, wenn auch getrennt, in die Freude und das Glück, in die heilige Aufgabe des Vater- und Mutterseins hinein, wozu wir in „unserem Sakrament”, das Kpl. Ziran in seinem Glückwunsch so schön das Sakrament der Elternweihe nannte, berufen wurden. Unsere beiden Eltern wissen nun darum, denn dem Auge der Mütter ist es doch nicht entgangen. Als ich von Dernbach kam frug Mutter mich gleich danach und vorgestern abend in Bayenthal stellte Deine Mutter die gleiche Frage. Ich glaube, sie freuen sich doch alle mit uns. Herr Fieth wird wohl ganz geschlagen sein, wenn er es erfährt, er war gestern schon sehr besorgt als er hörte ich sei zur Ärztin und kam abends um sich zu erkundigen. Annelieses Hautärztin stellt mir jetzt die notwendigen Bescheinigungen aus, dann brauch ich mich nicht jedesmal neu einer Untersuchung zu unterziehen. Im allgemeinen geht es mir recht gut, nur muß ich oft gegen Trägheit und Müdigkeit ankämpfen. Ich bin oft versucht die Arbeit im Heim nicht ernst genug zu nehmen, weil es ja nur für mich allein geschieht. Aber dann sage ich mir immer, ich will es so machen, daß jeden Tag alles zu Deinem Empfang bereit ist, wie bei mir selbst, so auch in den Dingen um mich her; daß Du zu jeder Stunde heimkommen kannst und alles so vorfindest, wie Du es Dir nur wünschen magst.

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Heute morgen hatte ich in Lindenthal zu tun, da habe ich anschließend einen feinen stillen Gang durch den Stadtwald gemacht. Auf den Blättern standen noch die dicken Regentropfen und die Luft war kühl und feucht, doch die Sonne leuchtete schon wieder und das frische Grün der Bäume und Sträucher in seinen vielfachen Schattierungen tat dem Auge, das kurz vorher noch so viele neue Trümmer gesehen hatte, so wohl. Die Kastanien haben schon ihre stolzen weißen Kerzen aufgesteckt und auch die Hollundersträucher strecken schon ihre hellen Dolden der Sonne entgegen. Auf den Wiesen blühen die bescheidenen Gänseblümchen in großer Zahl. Wo man nur hinschaut, bietet einem die Natur Freude, wenn wir nur geöffnet dafür sind. Mitten im Alltag tut solche Freude doppelt gut. Als ich ein „Lämpchen”, die reife Blüte des Löwenzahn, an der jedes Samenkörnchen ein Federchen hat, um besser vom Wind weggetragen zu werden, blühen sah, mußte ich an die Worte des Liedes denken, das bei Cordulas Hochzeit gesungen wurde: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen blüht, pflückt die Rosen eh sie verblühen. Man macht so gern sich Sorg' und Müh' sucht Dornen auf und findet sie und läßt das Veilchen unbemerkt, das uns am Wege blühet..” Das Lied ist zwar etwas abgedroschen, aber die Worte finde ich so fein. Möchte uns doch trotz allem Schweren unserer Zeit der Blick und das Herz für all die vielen kleinen Freuden offen bleiben, die uns täglich geschenkt werden. Auch in unser Heim habe ich die Maienfreude mit hineingenommen die hellen Zweige der Birken und Buchen und neben Deinem Bild auf dem Schreibtisch ein dicker Strauß mit Schlüsselblumen. Du, ich war eigentlich ein wenig beschämt, daß Du gesehen hast, daß ich

Dein Bild dort aufgestellt habe, warum, weiß ich selbst nicht. Wenn Fremde kamen, habe ich es manchmal still weggetan. Aber da ich für Dich jetzt garnichts Liebes tun kann, drängte es mich einfach dazu, wenigstens ein paar Blümchen von meinen sonntäglichen Spaziergängen vor Dein Bild zu bringen und ich meine, es müßte Dir irgendwie Freude machen.

Das Bild der Gottesmutter habe ich für den Maimonat ins Schlafzimmer geholt. Es hängt über der Kommode, davor steht rechts ein großer Strauß roter Tulpen und links eine weiße Kerze, die jeden Abend brennt. Das ist also unser erster Maialtar, da trage ich jeden Tag alle Sorgen und Nöten, alles Glück und alle Freude vor das Bild der Mutter, zu der ich langsam eine viel innigere, persönliche Beziehung gewinne. In Dernbach habe ich die Schwestern zur Mutter Gottes beten gehört. Wenn mir auch die Form nicht zusagte, das Vertrauen und die Liebe, die daraus sprach, hat mir doch gezeigt wie klein und arm mein Vertrauen zu ihr noch ist. Wir wollen sie bitten, daß sie selbst unsere Herzen zu sich emporziehe, damit sie uns wahrhaft Mutter sein kann.

Eben komme ich aus der Komplet zurück, wie fein klingt in ihr die Woche aus und leitet hinüber zum Tag des Herrn. Laß ihn Dir trotz aller Verlorenheit und Einsamkeit des Soldatseins immer ein Herrentag sein, Du weißt doch, daß ich ihn jetzt erst recht innig für Dich mitbegehe. Du mein August, der letzte Gruß des Tages und der Woche gilt Dir, Liebster, ach könnte ich ihn Dir bald nicht nur in Gedanken und Worten, sondern mit Hand und Mund darbieten.

Deine Marga.