Marga Broil an ihren Mann August, 12. Mai 1944
Freitag, den 12. Mai 1944.
Mein lieber August,
ich bin in meinem früheren Leben wohl noch nie so froh und glücklich, aber auch noch nie so traurig gewesen wie in diesen Tagen. Das tägliche Erleben hält die Seele in fortgesetzter Spannung, sie ist dauernden Schwingungen ausgesetzt zwischen Hoch und Tief, Auf und Ab und es ist sehr schwer bei alledem das gewohnte Gleichmaß, das mir früher so selbstverständlich schien - es war bei mir eigentlich ein „Seelenklima”, in dem sich die innere Freude mit dem Ernst die Waage hielt - auch nur für Stunden zurückzuerobern. Jetzt ist es so, daß das Geschehen des Krieges und seine Auswirkungen auf die Menschen unserer Umgebung manchmal mit aller Wucht über mich kommt, daß man fragen möchte, ob das Maß nicht bald voll sei; man spürt in solchen Stunden so gut, daß die natürliche Kraft von Seele und Leib diesen Anforderungen nicht mehr gewachsen ist, daß wir nur im Vertrauen auf die Kraft vor oben mit alledem fertig werden können. Und je mehr die Erkenntnis von der Verlorenheit unserer menschlichen Existenz, dem Ausgeliefertsein an das „Schicksal” in uns Raum gewinnt, umso größer wird auch das Vertrauen auf Den, der allein die geheimen Fäden unseres Schicksals in der Hand hält. Es wird zu einer Macht, die schließlich alle Erwägungen des Verstandes, der immer noch seine „Sicherungen” anwenden möchte, ausschaltet und uns so vertrauen läßt, daß wir garnicht anders können, als uns mit all unserem Sein in voller Bereitschaft und Bereitwilligkeit in die Arme des Vaters werfen: Nimm mich hin so wie ich bin, verfüge ganz über mich nach Deinem Willen; und ich weiß, wie es dann auch kommen mag, es wird gut sein.
Liebster, ich muß Dir das alles immer so schreiben, wie es über mich kommt, denn allein das Bewußtsein, daß Du dadurch nur alles weißt, was in mir vorgeht, macht mich so froh. Sieh' und so muß ich Dir auch erzählen wie auch die Freude mich oft mit einem Ungestüm ergreifen kann, daß ich meine, mein Herz sei zu klein, um sie alle zu fassen. Das Schauen all des Schönen in der Natur, der Gedanke an Dich und unsere Gemeinsamkeit, die Erwartung unseres Kindleins: das sind für mich unausschöpfliche Quellen der Freude, die ihr helles, klares Wasser fortgesetzt fließen lassen und mich umso mehr erquicken als die Dürre ringsumher größer und größer wird. Gestern mußte ich am Rhein längere Zeit auf die Straßenbahn warten. Die Kronen der Lindenbäume schlossen sich zu einem dichten, grünen Dach über mir zusammen, die Sonne schien so gut vom klaren blauen Himmel, ein kleiner brauner Spatz hopste piepsend ganz nahe zu mir heran und wie ich so langsam auf und ab ging, konnte ich das Leben unseres Kindlein unter meinem Herzen ganz gut spüren. Ach, August, kannst Du Dir vorstellen wie groß da meine Freude war? In solchen Augenblicken ist alles Schwere vergessen, ja wie ausgelöscht. Und weißt Du, immer wenn mich eine Empfindung so ganz besitzt, ganz gleich ob es die höchste Freude oder die tiefste Trauer ist, dann ist meine Seele so voller Sehnsucht, mit Dir zusammen zu sein, Deine Nähe zu spüren und alles, alles mit Dir teilen zu können.
Nun mußt Du nicht denken, da ich Dir von dem Wechsel der Gefühle und Empfindungen gesagt habe, daß ich mich ihnen so bedingungslos unterwerfe, wie sie auf mich einstürmen. Denen der Freude und des Glückes lasse ich freilich freien Lauf, aber wenn die der Trauer Oberhand
gewinnen wollen, versuche ich doch dagegen anzugehen im Gedanken an unser Kindlein, dem ich doch nicht allzu große seelische Erschütterungen zumuten darf. Aus der Verantwortung für das neue Leben heraus läßt sich überhaupt vieles tun, was mir sonst wohl sehr schwer gefallen wäre.
Ich bin so in Sorge um Vater und Mutter. Die letzten Tage und Wochen haben ihnen doch arg zugesetzt. Vater mußte außerdem von einer Musterung zur anderen und ist schließlich zum Grenzschutz eingesetzt worden, wann er dabei endgültig mit einer Einberufung rechnen muß, weiß er noch nicht. Die Eltern sind furchtbar nervös geworden, das ist ja bei den Ereignissen, die selbst an jungen Menschen nicht spurlos vorübergehen, nur zu erklärlich. Wenn ich einmal zu Hause bin, muß ich mich sehr in Acht nehmen, denn die kleinste Unvorsichtigkeit könnte schon Anlaß zu unnötiger Aufregung geben. So ist es aber überall, die Menschen sind alle so reizbar und ich muß auch von mir selbst sagen, daß ich viel empfindlicher bin als sonst, wenn ich das anderen gegenüber auch nicht merken lasse.
Mein August, in unserem Heim ist es jetzt so schön. Wenn ich abends aus dem Büro heraufkomme, fallen die Strahlen der sinkenden Sonne herein. Die Maiglöckchen in der kleinen braunen Vase neben Deinem Bild erfüllen den ganzen Raum mit ihrem Duft. Als ich sie pflückte waren sie noch ganz zu, jetzt aber haben sie sich weit aufgetan. Blumen bringen doch immer Freude ins Haus. Gestern brachte mir Frl. Feuser von Frau Fieth einen großen Strauß weißen Flieder, der nun vor dem Bild der Gottesmutter die Tulpen in ihrem Ehrendienst ablösen.
Gestern abend spät kam Agnes zu mir auf Nachtbesuch. Sie hat natürlich mit Kennerblick gleich entdeckt, was mit mir los ist. Sie sagte darauf mit ihrer offenen Art: wenn ich Dich an der Hochzeit nicht beneidet habe, jetzt beneide ich Dich. Ja und sie hat Recht damit, sind wir nicht zu beneiden, da uns so unfaßbar großes Geschehen in die Hände gegeben ist? Mit Freude und Dankbarkeit will ich das Kindlein unter meinem Herzen tragen, auch durch die dunklen Stunden, in froher Erwartung auf den Tag, da es mir als lebendiges Zeichen unserer Liebe, als neues Menschenkind in die Arme gelegt wird. In diesen Tagen zählen wir 4 ½ Monate seit dem Tag unserer Hochzeit, unseres ersten Einswerdens, und damit hat die Zeit der Erwartung, in der das Leben des Kindes unter meinem Herzen wächst, schon ihre Mitte erreicht. Noch einmal so lange, dann wird es reif sein zu eigenem Dasein. „Eine kleine Spanne Zeit steht die Jungfrau sanft als Braut ... Eine kleine Spanne Zeit und die Traube löst sich los aus verschwiegener Beschwerde einer kleinen Spanne Zeit..” Wie oft haben wir es miteinander gesungen, ohne zu wissen, daß wir die Wirklichkeit dieser Worte auch im Leben miteinander erfahren würden, ja, mein Liebster, und daß dieses Erfahren ein so wunderbares, beglückendes sein könnte! Unsere Stimmen können wir nun nicht zum Lied vereinen, wie damals, aber unsere Herzen und unsere Seelen sind über alle Ferne hinweg so eng verbunden, wie es inniger und schöner garnicht möglich ist. Und auch Dein Leib ist mir nicht ferne, da ja ein Stück Deines Lebens in mir schlägt. Liebster, wir wollen uns dieses Naheseins freuen; komm und laßt uns um die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht nach gänzlichem Vereintsein beten
Deine Marga.