Marga Broil an ihren Mann August, 17. Mai 1944

Köln, den 17. Mai 1944.

Mein lieber August,

in den letzten Tagen habe ich wieder manch Schönes erlebt und ich hätte gewünscht, es Dir gleich im Brief erzählen zu können. Doch der Angriff in der Nacht von Sonntag auf Montag hat mir einen Strich dadurch gemacht, denn seitdem habe ich den ganzen Tag Scherben und Schutt wegfegen müssen. Diesmal ist uns eine Bombe ganz nahe auf den Leib gerückt, an der Kreuzung Mainzerstr. u. Teutoburgerstr. ist eine Luftmine niedergegangen, die eine verhehrenden Wirkung gehabt hat. So stark haben wir den Luftdruck und die Bodenerschütterungen noch nie gespürt. Ich hätte nicht gedacht, daß wir noch so gut dran vorbeigekommen sind. Die Fenster waren wieder mit den Rahmen hereingeschleudert worden, Türen herausgerissen und Verputz von den Wänden gefallen, aber man wagt solche Kleinigkeiten garnicht zu erwähnen. Vater hat mir die Rahmen wieder notdürftig eingesetzt und mit Pappe vernagelt und dank Frl. Feusers tatkräftiger Unterstützung habe ich jetzt soweit wieder alles in Ordnung. Sie ist so besorgt um mich und sucht mich in allem so viel wie möglich zu entlasten.

Am Samstagnachmittag - ich hatte gerade unser Heim sonntagsmäßig, - erfreute mich Mutter ganz unerwartet mit ihrem ersten Besuch. Im Stillen war ich ihr eigentlich ein bißchen gram, daß sie noch immer nicht war war, umso größer war nun meine Freude. Wir haben miteinander geplaudert und dabei hat sie mich bei dem Erweitungsverfahren, das ich nun mit Hochdruck an meiner Kleidung vornehmen muß - mir paßt aber auch nichts mehr - recht tatkräftig unterstützt.

Ich glaube, ich habe mich meiner Mutter noch nie so verbunden gefühlt wie jetzt, da der Herrgott mich selbst hat Mutter werden lassen; jetzt erst kommt mir ein Ahnen davon, was jedes Kind seiner Mutter zu danken hat. Durch mein verschlossenes Wesen habe ich bisher meine Mutter allzu sehr darben lassen an der Liebe, die sie zwar nicht fordert, aber doch mit Recht erwarten darf; und auch jetzt noch fällt es mir schwer das, was ich empfinde, auch recht zum Ausdruck zu bringen. - Am Spätnachmittag kam auch Vater noch und wir haben bis zum Abend recht feine Stunden miteinander gehabt. Nach der Komplet - es fanden sich wieder einige Urlauber ein u. a. Jupp Völkler u. Jupp Dresen - habe ich auf dem Weg nach Braunsfeld den Zwillingen von der Erwartung unseres Kindleins erzählt, dessen Dasein ich jetzt doch nicht länger verbergen kann. Du hättest die leuchtenden Augen der beiden sehen müssen und die Herzlichkeit, mit der sie mir seitdem zugetan sind.

Am Sonntag habe ich dann meinen Mai-Besuch bei unserer Lieben Frau in Altenberg gemacht. In aller Frühe - es war noch so still in der Stadt nach den lange nächtlichen Alarmstunden - habe ich mich auf den Weg gemacht. Es war kein strahlender Frühlingsmorgen wie in den Tagen vorher, die Sonne hielt sich hinter den Wolken verborgen und sandte nur ab und zu ein paar weiße Strahlen hindurch. Hinter Voiswinkel, weißt Du wo die Straße in weitem Bogen stark abfällt, hatte ich von dem Feldweg aus einen herrlichen Blick auf das Tal und die Höhen unseres lieben Berg. Landes in der Ferne. Wie sanft die Linien ihrer Gipfel verlaufen, nicht steil aufragend, sondern wie eins aus dem anderen gewachsen, und die Linien der Wolkengebilde darüber schienen sich ihnen anzupassen. An den

Gräsern hingen noch die Tautropfen der Nacht und die kleinen weißen Gänseblümchen hatten ihre Blütenköpfchen noch fest verschlossen. Von Sonntag zu Sonntag kann man beobachten wie das Wachsen in der Natur weitergeht, und der Gedanke daran, daß das Wachsen unseres Kindleins unter meinem Herzen dem Geschehen draußen getreulich Schritt hält, macht mich so froh. So wie die Blumen, Bäume und Sträucher draußen gehen auch wir dem Sommer entgegen und wenn die Menschen die Frucht der Felder im Herbst heimgeholt haben werden dann wird uns der Herrgott - so wollen wir es hoffen und erflehen - auch uns, Dir und mir, die Frucht unserer Liebe in den Schoß legen. Ich weiß nicht, ob dadurch mein Auge für die Dinge draußen noch aufmerksamer geworden ist als früher, weil sich so leicht die Parallele für unser persönlichstes Geschehen finden läßt. Ich bin jetzt so ganz aufgeschlossen für all die kleinen, feinen Dinge draußen, an denen die Welt achtlos vorüberhastet und die doch unserem Herzen eine große Bereicherung der Freude schenken können. Sieh' mein August, darum muß ich Dir immer von den kleinen Erlebnissen erzählen, weil sie mir wirklich etwas bedeuten. Ich hätte es andern gegenüber nicht gewagt, aus Furcht doch nicht verstanden zu werden oder nur ein Achselzucken oder Lächeln damit hervorzurufen. Aber Dir gegenüber sind ja alle diese Hemmungen und Schranken gefallen und ich muß Dir einfach immer wieder mein Herz ganz auftun, mit allem kleinen und großen Erleben, das darin eingegangen ist. So war die einsame Wallfahrt zum Dom im Walde eine so wohltuende für Herz, Seele und Leib. Am Wegrand leuchteten überall die großen gelben Blüten des Löwenzahn, ein wenig aufdringlich

neben den bescheidenen langen Blüten des Spitzwegerich. Eine einsame Hummel besuchte eifrig die Blüten der Taubnessel, ließ sich auf den weißen Lippen nieder und labte sich an der Süßigkeit des Honigs. Als Kinder haben wir das auch gerne getan, doch nicht wie die kleine Hummel, die der Pflanze gleichzeitig den kostbaren Dienst der Befruchtung erweist, sondern erbarmungslos eine um die andere Blüte auszupfend. Bei diesem stillen Wandern und dem Schauen all des Schönen in der Natur waren die Gedanken frei und losgelöst von allem Schweren und Belastenden und das Herz suchte in den Gedanken Zwiesprache mit Dir, um Dir meine Freude mitzuteilen. In Odenthal, wo das Auge dem Fuß auf der geraden Straße eine weite Strecke vorauseilen konnte, mußte ich an die Vielen denken, die wohl in früheren Jahren diese Straße in den Maitagen zur Madonna gezogen sind und heute fern in fremdem Land stehen. Sicher wird die Sehnsucht, noch einmal die Schönheit des heimatlichen Landes zu schauen, noch einmal im Dom, der für so viele bedeutsam geworden ist, vor dem Bild der Mutter stehen zu können, in diesen Tagen besonders stark in ihnen brennen. Ich wollte mit ihnen und für sie alle mein Gebet an diesem Tag zur Mutter bringen, besonders aber für den Einen aus ihnen, dem meine ganze Liebe gehört, für Dich, Du mein Liebster. Ach, ich kann Dir garnicht sagen, wie sehr mich die Liebe drängt, für Dich zu beten. Alle guten Wünsche meines Herzens werden im Gebet zur Wirklichkeit vor Gott und ich meine, es müßte Dir dadurch Gutes geschehen. Ich bringe es zwar nicht fertig, dieses oder jenes Bestimmte für Dich zu erflehen; wir wissen ja nicht worin das Heil für uns liegt, - aber daß der Herr alles, was Dir widerfährt, Frohes und Schönes, Schweres und für

uns Unverständliches, daß Er alles zu Deinem Besten fügen möge, das erbitte ich immer wieder. Fast eine Stunde vor Beginn der Messe hatte ich den Dom schon erreicht und hatte so reichlich Gelegenheit, mein ganzes Herz im Gebet auszuschütten. Wie tun uns solche Stunden betender Begegnung mit Gott not, in der Hast des Alltags nehmen wir uns meist viel zu wenig Zeit dazu. Das Bild der Mutter erschien mir im Schmuck der Kerzen und blauen Blumen noch viel schöner als sonst. Der Herr Pfarrer hat mir auf meine Bitte hin noch ein Foto davon geschenkt, damit ich es Dir als Gruß schicken kann. Du wirst es in diesem Monat sicher besonders gern betrachten und dabei unserer gemeinsamen Anliegen gedenken, wie ich es im Dom vor ihrem Bild getan habe. Tue es zu den anderen Bildern, die Du mit hinausgenommen hast, damit sie Dir die Lieben und die Dinge von daheim nahe bringen. Möge mit ihrem Bild auch der Segen unserer himmlischen Mutter Dich stets begleiten. Wenn ich jetzt abends meinen Tag vor dem Zeichen unseres Kreuzes beendet habe, dann zünde ich vor ihrem Bild auch noch die Kerze an und verweile im Gebet. Möge sie, die alle Wunden der Welt kennt, die Wunden unserer Erde und unserer Zeit heilen. Sie trägt das Kind auf dem Arm; soll ich da nicht voll Vertrauen die Sorge um unser Kindlein in die Hände der Gottesmutter legen, daß sie sein Wachsen und Werden unter meinem Herzen segnen und es an Leib und Seele behüten möge.

Doch nun zurück nach Altenberg. So viele junge Wallfahrer habe ich im Dom noch nie angetroffen; die kleinen flachsköpfigen Altenberger Buben mit den roten Backen und blauen Augen mußten tüchtig zusammenrücken und dennoch fanden nicht alle Platz. Ein

junger Kölner Kaplan, der mit einer Schar Jungen herausgepilgert war, feierte das heilige Opfer in der feinen würdigen Form wie wir sie in Altenberg immer antreffen. In der Betrachtung der Liturgie nannte er den 5. Sonntag nach Ostern, den Tag des hl. Wortes. „Seid Befolger des Wortes und nicht bloß Hörer” mahnt uns der Apostel in der Epistel. Das Wort Gottes müsse uns wie ein Spiegel sein, in dem wir immer wieder das Bild erschauen, nachdem wir unser Bild formen und gestalten müssen. Welch ungeheure Kluft klafft noch zwischen den beiden Bildern, wie sehr müssen wir unser Leben noch ändern, wenn wir wirklich Befolger des Wortes Gottes sein wollen. Im Evangelium spricht der Herr von der Antwort, die wir Gott geben sollen auf sein Wort, das Gebet: „Wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bitten werdet, so wird Er es euch geben”. In Seinem Namen sollen wir bitten, d. h. mit jener Grundhaltung, die auch Sein Gebet bestimmt hat, „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden!” Es kann uns oft schwer werden, sehr schwer werden, diese Bitte vor allem anderen mit ganzer Bereitschaft auszusprechen, wenn das menschliche Bitten so sehr aus dem Herzen drängt. Aber nur wenn wir so beten, gilt uns die Verheißung: „Bittet und ihr werdet empfangen und eure Freude wird vollkommen sein.” Wir werden uns wohl unser ganzes Leben um das rechte Beten mühen müssen; daß wir es gemeinsam versucht haben, hat unsere Seelen einander viel näher gebracht. Wir wollen den Herrn bitten, der „das Wort” ist, daß Er uns helfen möge das rechte Wort und die rechte Gesinnung des Gebetes uns zu erobern.

Nach der Feier des hl. Opfers, das im frohen Lob auf die Gottesmutter

ausklang, bin ich den Weg zum Schickberg hinaufgestiegen. Ich wunderte mich erst, daß das Steigen nicht mehr so schnell ging wie früher, da erinnerte mich die Bewegung unseres Kindleins daran, daß die Füße jetzt ja zwei tragen müssen. Von der Straße aus sah ich Tillmanns Hof daliegen. Es war ein so schönes Bild, das Haus inmitten der blühenden Obstbäume. Mutter Tillmann hatte mich vom Feldweg aus von weitem kommen gesehen und mich gleich erkannt. Nach all der Trauer ist wieder ein wenig Freude bei ihnen eingekehrt, ein gesunder Stammhalter ist angekommen. Maria war gerade zum ersten Mal auf, sie hat alles gut überstanden und voll Freude legte sie mir ihren neuen Josef, ein kräftiger, großer Junge, in die Arme. Während sie dem Kind die Nahrung schenkte, erzählte sie mir wie alles gegangen hat. Ach August, wenn ich jetzt das Wunder eines kleinen Menschleins in den Armen halte - ich hatte ja in letzter Zeit öfter Gelegenheit dazu - so kann ich es garnicht fassen, daß ich in kurzer Zeit unser eigenes Kindlein schon in den Armen halten darf. Und wenn die Freude am Glück der anderen schon so groß ist, wie sehr muß dann das eigene Erleben erst beglücken. Über dem Plaudern und Planen - es war mir nicht leicht auf Maria's berechtigte Sorgen gleich eine Antwort zu finden - ging die Zeit rasch vorüber und als ich den Heimweg antrat mußte Maria mich mit einem Schirm bewaffnen, denn die drohenden Wolken fingen an sich zu entladen. Am Wegrand fand ich die ersten Knospen der Margeriten, davon mußte ich mir trotz des Regens erst einen Strauß mitnehmen, denn das sind von jeher „meine Blumen” gewesen. Ich habe sie einfach Blüten mit der

gelben Mitte und dem weißen Strahlenkranz darum so gerne. Mutter hat mir zu meinem Namenstag immer einen ganzen Busch davon geschenkt, denn sie tragen auch meinen Namen. Du hättest das Bild sehen müssen, wie ich unterm Regenschirm Blumen gepflückt habe, aber ich muß mir das leichtfertige „ich bin nicht von Zucker” das ich immer gegen den Regenschirm angewandt habe, im Hinblick auf unser Kindlein ein wenig abgewöhnen. Als ich wieder am Dom vorüberkam klang es mir schon von weitem entgegen: „Du Mutter und Du Königin, der alles hingegeben, das Ende und der Anbeginn, die Liebe und das Leben.” Wieviele Gedanken und Gebete formen sich im Anschluß an diese Worte aus dem persönlichsten Bereich unseres Lebens. Viele Jungen und Mädchen zogen vom Dom aus mit mir der Stadt zu. Früher habe ich in meinem Tempo meist alle überholt, heute ließ ich sie getrost an mir vorüberziehen, denn so ganz ohne Beschwerden geht das Laufen doch nicht mehr. Als ich am Abend zu Hause ankam, galt mein erster Blick dem Briefkasten, doch ich mußte noch ein Wenig Geduld haben. Gestern kam dann Dein erster Gruß aus fremden Land zu mir und hat die Ungewißheit des langen Wartens von mir genommen. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß Deine Fahrt zum Westen gehen werde. Überall sind wir heute Gefahren ausgesetzt, hier wie dort, aber mein Vertrauen ist groß und Du weißt doch um mein Gebet für Dich wie um meine Liebe und meine Sehnsucht. Liebster, laß mich es einmal aussprechen, wozu mich die Sehnsucht schon so oft gedrängt: Komm, laß mich ganz fest einen Kuß auf Deinen Mund drücken und mich in Deinen Armen geborgen wissen, denn ich bin ja ganz

Deine Marga.