Marga Broil an ihren Mann August, 21. Mai 1944
Wipperfürth, am Sonntag nach Christi Himmelfahrt.
Mein lieber August,
wieder bin ich zum Sonntag ausgeflogen aus den Trümmern der Stadt in den Frieden der Natur hier draußen. Die Fahrt gestern mittag im strahlenden Sonnenschein durch die unberührte Schönheit des Bergischen Landes war ein rechtes Erlebnis, und ich mußte dabei an all das denken, was Du mir in Deinem zweiten Brief aus Frankreich v. 10. über die dortige Gegend erzählt hast. Ich bin ja so froh darum, daß Dir aus dem Erleben der Natur so viel Freude geschenkt wird und wie Du es mir schilderst, kann ich mir gut vorstellen, wie es in Deiner Umgebung aussieht. Die sehnenden Gedanken suchen ja in allem nach Anhaltspunkten, sich die neuen Lebensbedingungen und Formen des geliebten Menschen vorstellen zu können und die Phantasie freut sich, wenn sie etwas findet woran sie anknüpfen kann. Du schreibst so lieb „ich weiß was du jetzt brauchst” und aus all Deinen Worten spricht die Besorgnis mir das zu geben. So ganz dankbar nehme ich es von Dir an, für uns beide, das Kindlein und mich. Ja, es tut mir so gut, wenn Du mich an der Freude Deines Erlebens teilnehmen läßt, so wie es mich auch immer dazu drängt es Dir zu tun. Aber wie Du mir kürzlich noch gesagt hast, daß erst die ganze Hingabe des Erlebens, des Schönen wie des Schweren, das volle Glück der Gemeinsamkeit ausmachen kann, so ergeht es auch mir; und als Du mir in dem Brief, den ich gestern erhielt von dem schriebst, was ich jetzt wohl brauche,
da wurde gleich die Besorgnis in mir wach, daß Du schließlich aus dem Bemühen heraus mir das zu geben, die Freude, das Erlebnis des Schönen, in Deinen Briefen zu sehr nur die eine Saite erklingen läßt. Ach Liebster, das was ich brauche, ich und unser Kindlein, jetzt erst recht, das ist die Teilhabe an Deinem ganzen Herzen, Deinem ganzen Leben und Sein und allem, allem, was dazu gehört. Ich brauche Dich nicht mehr darum zu bitten, denn ich weiß ja und habe es glückhaft erlebt, wie gern Du sie mir schenkst; aber Deine Worte drängen mich dazu, es Dir noch einmal zu sagen.
Mein August, der Weg zu der kleinen Kirche auf dem Berg, den ich mit Agnes durch den nebligen Morgen gemacht habe, war so wunderschön und mein Herz ist so ganz aufgetan von der Freude des Erlebens all des Schönen in der Herrlichkeit der Natur. Du, wie dankbar müssen wir sein, daß ich in dieser Zeit noch so viel Frohes erleben darf, wenn ich meine, unser Kindlein hat doch sicher an all dem teil und nach dem, was mein Herz jetzt zumeist empfindet, muß es ein Menschenkind der Liebe und Freude werden.
Agnes ist jetzt mit Backen fertig und die Zeit habe ich zu einem kurzen Sonntagsgruß an Dich benutzt. Alles andere, was ich Dir noch sagen möchte muß ich in den Tiefen des Herzens bewahren bis ich es in einer stillen Stunde dieser Woche zu Dir hintragen kann. Du Liebster, ich grüße Dich ganz innig und froh
Deine Marga.