Marga Broil an ihren Mann August, 26. Mai 1944

Köln, den 26. Mai 1944.

Mein lieber August,

wenn ich Dir einige Tage nicht geschrieben habe und dann wieder einen Brief beginne, meine ich ganz weit zurück ausholen zu müssen und ich wünschte, alles was in der Zwischenzeit an Gedanken zu Dir hingegangen ist, im geschriebenen Wort festhalten zu können. Es müßte Dich sicher ganz froh machen, wenn Du es erfahren würdest; aber es fehlt so oft an Zeit und Gelegenheit und so kann der Brief nicht alles einfangen, er muß sich mit einem Teil aus der Fülle begnügen, manches, vielleicht sogar das Schönste, muß ungesagt bleiben. Und dennoch können wir uns in unseren Briefen so ganz verstehen, das Gesagte läßt uns das Ungesagte erahnen und schließt es mit ein. So hole ich mir Deine Briefe immer wieder hervor und manchmal finde ich nach Tagen noch etwas besonderes darin, was ich beim ersten Lesen garnicht so gespürt habe. Hoffentlich hast Du nur bald Nachricht von mir. Der letzte Brief, von dem ich weiß, da er Dich erreicht hat, war wohl der v. 27.4. seitdem sind noch 9 unterwegs, aber es ist ja fraglich, ob sie bei der dauernden Bombardierung der Westgebiete noch ankommen. Auch scheint Post von Dir verlorengegangen zu sein, denn Du schreibst von einem Erlebnis auf der Fahrt, von dem Du mir in einem früheren Brief schon erzählt hättest, wovon ich aber noch nichts erfahren habe. Es wäre doch gut, wenn wir unsere Briefe irgendwie bezeichnen würden, damit man die Reihenfolge erkennen kann und weiß, wenn einer dazwischen fehlt. Eine einfache Nummerierung finde ich zu nüchtern, zu sehr büromäßig, für etwas so Feines und

zutiefst Persönliches, wie es das Hin und Her unserer Briefe ist. Ich habe mir gedacht, wir könnten es mit einem Vers der Lieder tun, die uns beiden so vertraut sind. Es würde uns die Texte wieder näherbringen, manche damit verknüpfte Erinnerung wachrufen und wir könnten gleichzeitig an dem, wie sich Vers an Vers fügt erkennen, daß die Kette unserer Briefe und Gedanken nicht unterbrochen ist. Aber das soll nur ein Vorschlag sein, über den ich erst Deine Ansicht hören möchte, ehe ich ihn ausführe.

August, wir stehen im Jahr des Herrn zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wie es den Aposteln in dieser Zeit zumute gewesen ist, - die Trauer um das Scheiden des Herrn vermischte sich in ihren Herzen mit der frohen Gewißheit von Christi Auferstehung und Sieg. Ist nicht unser ganzes Erdenleben, besonders das unserer Tage, irgendwie in diese Zeitspanne zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, in diesen Zwiespalt von Freude und Schmerz, Glück und Leid hineingestellt? Wir spüren es täglich an uns selbst, wie krass sich die entgegengesetzten Empfindungen in unserem Herzen begegnen können. In einem Deiner letzten Briefe sprachst Du noch davon, daß es Dir heute nicht mehr möglich sei, Dich so vorbehaltlos dem Erleben des Schönen in der Natur hinzugeben wie früher, daß alle Freude mit einem Tropfen Traurigkeit vermischt sei. Ich habe das an mir auch schon mal erfahren, daß angesichts der Schönheit und des Friedens in der Natur, mich der Gedanke an die Furchtbarkeit des Krieges doppelt gepackt hat. Sicher ist Deine Folgerung, daß schließlich alles in dieser Welt ein Unvollendetes sei, nur ein Streben zu dem Vollkommenen, das hier niemals erreicht werden kann. Richtig

Und dennoch meine ich, sollten wir von uns aus alles dazu tun, um uns der Freude ganz zu öffnen, die uns der Herrgott trotz des uns belastenden Ernstes der Zeit schenkt. Er gibt uns doch damit eine Quelle der Kraft, ohne die wir das andere garnicht bestehen könnten. Und manchmal habe ich an mir erlebt, daß gerade aus dem Bewußtsein der Gegensätzlichkeit heraus das Erleben des Schönen und der Freude nur noch umso intensiver in mich eingeht. Wie gut haben wir das doch gemeinsam an unserem unvergeßlichen Sommer-Sonntag voriges Jahr erfahren. So groß die Ansprüche auch sein mögen, die die Verschiedenheit der Erlebnisse an uns stellen, wir dürfen uns der Freude nicht verschließen und vor dem Schweren nicht feige davonlaufen, vielmehr wollen wir versuchen beidem in Bereitschaft und ohne Vorbehalt entgegenzutreten.

Darum, mein lieber August, freue Dich an der Schönheit der Natur, die Du so fein zu erleben weißt, es ist vielleicht die einzige Freude, die Dir in der Verlorenheit des Soldatseins von außen her kommt, und denke, daß es auch mich froh macht, wenn ich Dich in dieser Freude weiß. Es war für mich so köstlich zu lesen, als Du mir schriebst, wie Du unter dem Weißdornbusch den Käfern und Ameisen zugeschaut hast. Ich konnte mir so gut vorstellen, wie Du da lagst, die langen Beine von Dir gestreckt, den Kopf in die Hand gestützt und mit den Augen das geschäftige Wirken verfolgend. Und ich hätte mir gewünscht, mich ganz leise neben Dich in das junge Gras legen zu können und Dich nur immer anzuschauen und Dein Bild ganz tief in mich aufzunehmen.

Liebster, es ist so schön, wenn Du mir solch kleine Erlebnisse erzählst

und mich wissen läßt, was sie in Dir bewirken.

Mein lieber August, wir rüsten zum Pfingstfest und in diesen Tagen wird so vieles in den Gedanken wach, was die Beziehung zu Gott und unsere Gemeinsamkeit betrifft. Ach, ich müßte einmal tagelang Zeit haben, um das alles Gestalt werden zu lassen im Wort an Dich. Glaubst Du, daß die Fülle des Herzens, die nach Gestaltung drängt, manchmal hart bedrücken kann unter dem mangel der äußeren Möglichkeiten? Aber vielleicht ist auch das gut so, denn jede Möglichkeit, die uns noch bleibt, werten wir als Geschenk. Ich möchte Dir erzählen, von der Erinnerung an das letzte Pfingstfest, den Tag unseres hl. Gelobens, von der stillen Zwiesprache mit unserem Kindlein, das uns die Erfüllung und das Unterpfand unseres Gelöbnisses geworden ist; und von der Bereitung auf das Kommen des Hl. Geistes in uns. Doch wieder drängt die Zeit und die Pflicht ruft. So laß Dir heute der gedruckte Text der Pfingstnovene der Jugend Anregung zu pfingstlicher Bereitung sein, morgen hoffe ich Dir im persönlichen Wort mehr sagen zu können.

Wieder nahme ich Abschied von Dir, Du mein Liebster, nachdem ich in Gedanken das Glück des Bei-Dir-Seins für einige Minuten verkostet habe. Gott behüte Dich und mache Dich froh

Deine Marga.