Marga Broil an ihren Mann August, 28. Mai 1944
Odendorf, Pfingsten 1944.
Mein lieber August,
nachdem wir den ersten Pfingsttag fast ununterbrochen im Keller zugebracht haben - es ist bei dem Tagesangriff wieder allerhand passiert - bin ich Cordula und Richard nach hier hinausgefahren. Du kannst Dir wohl vorstellen, mit welcher Herzlichkeit ich hier empfangen worden bin. Doch auch in den Frohsinn der Familie Gilliame hat der Krieg Einbruch getan, denn seitdem es nun schon 8 Wochen her sind, daß Peter aus dem Süden geschrieben hat, sind sie sehr in Sorge um ihn. Da ist unser Besuch eine gute Abwechslung und Aufmunterung. Der kleine Bruno, ein lieber strammer Junge, ist die Freude aller. Ach August, wenn der Umgang mit anderen Kindern schon so viel Freude macht, wieviel Glück wird mir wohl erst durch das Kindlein geschenkt werden, das das Einsseins Deines und meines Lebens verkörpert. Mit viel Interesse habe ich Echen beobachtet, wie sie den kleinen Kerl versorgt hat und mich selbst dabei in die Lage versetzt, ein solch kleines Menschenleben hegen und pflegen zu dürfen. Der Pfingsttag ist so wunderschön, die Natur hat den Höhepunkt ihrer Frühlingspracht erreicht und die Sonne lacht mit solcher Kraft vom Himmel, daß es dem Körper schwer wird sich an ihre Strahlen zu gewöhnen. Doch es ist so schön, sich in das Gras zu legen und zu spüren wie die Wärme den Leib einhüllt und von ihm aufgefangen wird. Die Arme unter dem Kopf verschränkt liege ich da, schaue in den klaren blauen Himmel und träume, träume ... Immer wenn sich meine Gedanken so
im Traum verlieren, stehst Du mitten darin, Liebster, und alles, was Dich umgibt, betrifft uns beide, unsere schöne Gemeinsamkeit und unser Kindlein. Du, es geht uns so gut, dem Kindlein und mir, daß ich mich immer wieder fragen muß, womit wir das verdient haben. Nur die Füße wollen manchmal nicht mehr so recht, sie sind - zumal jetzt in der Hitze - immer sehr geschwollen, mir paßt kein Schuh mehr richtig. Aber so ein ganz klein wenig muß man ja auch davon spüren, daß sich so Großes in mir bereitet, und ich glaube, jede Frau, die wirklich Frau ist, würde freudig alle Beschwerden auf sich nehmen, wenn sie sich das Glück des Mutterseins damit erkaufen könnte. Ich darf es jetzt schon bei jeder Regung unseres Kindleins verkosten und zwar so schön und tief, daß ich meine, es könnte garnicht mehr gesteigert werden. Das Einzige, was ich immer wieder vermisse, ist, daß ich Dich nicht unmittelbar daran teilnehmen lassen kann; ich weiß ja, wie sehr es Dich erfreuen würde und darum drängt es mich, Dir wenigstens immer wieder davon zu erzählen. Ich spüre recht gut, wie unser Kindlein wächst, denn die Bewegungen, die anfangs nur unten in der Leistengegend vernehmbar waren, steigen jetzt immer höher und werden immer deutlicher. Doch allzu oft macht mir unser Kindlein die Freude nicht - es scheint doch kein wilder junge zu werden - manchmal läßt es mich, besonders in den wachen Stunden der Nacht, lange vergebens lauschen und warten bis es mich mit einem Lebenszeichen beglückt, das ich dann doppelt dankbar entgegennehme. Nach außen hin macht sich das Wachsen des Kindleins von Woche zu Woche mehr bemerkbar, sodaß mir die Kleiderfrage manchmal
etwas Sorge macht. Hoffentlich hat Gertrud bald Einsicht und erbarmt sich meiner. Unser Elein hat mir dieser Tage so fein zu verstehen gegeben, daß es Bescheid weiß, daß ich es Dir erzählen muß. Es kam, wie so oft zu mir zu Besuch und hatte während ich noch im Büro war, oben so viele kleine Handreichungen gemacht, gespült, Schuhe geputzt und aufgeräumt, daß ich darüber und über seine auffallende Herzlichkeit schon erstaunt war. Beim Kaffee rückte sie endlich mit der Sprach heraus: „Marga, ich gratuliere auch.” Auf meine Frage wozu denn: „Daß Ihr euch ein Kindchen bestellt habt”. Ich war erfreut und erstaunt über diese „Offenbarung” und als ich frug, woher sie das denn wisse, kam es etwas zaghaft heraus: „die andern meinen immer, ich wäre noch zu klein und dumm, aber ich habe das doch gemerkt und mir gedacht, jetzt gehst Du einfach zur Mutter und frägst sie.” Ich habe ihr dann in kurzen Worten gesagt, wie wunderbar es doch ist, daß der liebe Gott, zwei Menschen, die verheiratet sind, wenn sie sich ganz ganz lieb haben Vater + Mutter werden läßt und ihnen ein Kindchen anvertraut. Echen ist so dankbar, wenn man ihm ein wenig Verstehen und Vertrauen entgegenbringt. „Jetzt komme ich ja nach hier mit den Puppen spielen” sagt es, „wenn Du aber erst mal eine lebendige Puppe hast, komme ich jeden Tag zu Dir.” Eine stürmische Umarmung bildete den Schluß unserer Unterhaltung und seitdem weiß es garnicht, was es mir an Liebes antun soll.
Eben waren wir am Bahnhof, um wieder nach Hause zu fahren, doch der Zug fuhr uns vor der Nase weg, und so müssen wir unserem Pfingstbesuch noch ein paar Stunden zusetzen. Ich bin
aber garnicht böse darum, denn ich spüre richtig, wie mir die frische Luft, die Sonne, die Ruhe und der Anblick all des Schönen in der Natur so gut tut. Ich habe mit Mutter Gilliam auch schon versucht, hier im Ort ein Quartier für mich zu finden, aber alles ist vom Militär beschlagnahmt. Ich habe auch schon bei anderen angefragt, bis jetzt ohne Erfolg; doch es wird sich schon etwas finden, ich mache mir garkeine Gedanken darum. Es wäre ja gut, wenn ich wenigstens die letzten Wochen vorher aus Köln weg könnte. Anfang Juli habe ich vor 14 Tage nach Wittlich zu fahren. Ein längerer Aufenthalt wird dort wohl nicht möglich sein.
Mein lieber August, die anderen rufen nach draußen und ich will die Stunden hier in der guten Luft noch etwas ausnutzen. Leb' wohl, Du mein Liebster, ich grüße Dich aus frohem Herzen. Hoffentlich hat Dir das Erleben des Pfingstfestes auch ein wenig Freude gemacht. Ich denke an Dich und bleibe immer
Deine Marga.
Verzeih' wenn der Pfingstbrief erst später ankommt. Er liegt noch unfertig zu Hause, da die Flieger mir Tag und Nacht keine Zeit dazu ließen.