Marga Broil an ihren Mann August, 3. Juni 1944

Köln, den 3. Juni 1944.

Mein lieber August,

als ich am Mittwochmorgen aus Odendorf zurückkam - es war gut, daß ich noch einen Tag zugesetzt habe, denn dadurch ist mir wieder eine Schreckensnacht erspart geblieben - erwarteten mich daheim zwei Briefe von Dir. Du hast darin Worte gefunden, mein Liebster, die ganz aus der Tiefe Deines Herzens stammen und mein Herz im Innersten anrühren. Wie fein und zart und behutsam hast Du alles aufgenommen, was ich Dir mit meinen Briefen sagen wollte und wie liebevoll gehst Du auf alles ein, was ich Dir aus der Stille der Dernbacher Tage hinausgeschickt habe. Du, ich kann Dir garnicht sagen wie gut es mir tut, zu wissen, daß Du nun an dem großen Erleben, das mir durch unser Kindlein täglich geschenkt wird, in so feiner Weise teilnimmst. Denn so wie das Leid und der Schmerz zuweilen für des einen Schulter wird, so kann auch das Glück das Fassungsvermögen des Einzelnen übersteigen, sodaß er wie hilfesuchend nach dem anderen Ausschau hält, der ihm von Gott als Gefährte, als treuer Wegbegleiter, ja, mehr noch, als sein zweites Ich geschenkt worden ist. Ach August, spüren wir nicht wie dieses so gewagte Wort vom zweiten Ich bei uns immer mehr Wirklichkeit wird; ist nicht jeder Brief eine geheime Bestätigung dafür? Es ist für mich immer eine so beglückende Entdeckung, wenn uns trotz aller Trennung und Ferne fast gleichzeitig die selben Gedanken bewegt haben. Wenn ich bedenke, wie tief Du Dich in mein Erleben mit dem Kindlein hineingedacht hast, wie nahe Deine Gedanken an mein Empfinden heranreichten,

so sehe ich darin schon die bescheidene Erfüllung meiner Sehnsucht, Dir möglichst viel, ja alles Glück meines Erlebens mitteilen zu können. Und nur in der gemeinsamen Teilhabe können wir uns seiner ganzen Fülle erfreuen; denn ist es nicht eine Notwendigkeit, daß das große Geschenk, daß uns aus unserem innigsten Einssein erwachsen ist, auch wieder zu neuem Einswerden, zu immer noch tieferer, innigerer Verbundenheit hinführt. Wo täglich und stündlich der Strom unserer Gedanken, unseres Wünschens und unserer Sehnsucht hinüber und herübergeht, muß sich da nicht unsere Verbundenheit festigen und vertiefen und geistig vervollkommnen, trotz aller äußeren Trennung?

Mein Liebster, da ich Dir dies geschrieben habe, sitze ich lange sinnend da und finde keine Worte mehr, Dir das zu sagen, was mich so stark bewegt. Du müßtest mich sehen können, müßtest in meine Augen schauen können, um zu wissen, wie schön und groß meine Sehnsucht zu Dir ist, wie sehr das Verlangen nach Dir in mir lebendig ist. Es ist - ich möchte fast sagen - ein Bestandteil meines Wesens geworden und ich kann mir mein Leben ohne dieses Warten, Wünschen, Hoffen und Ausschau-halten schon garnicht mehr denken. Du, und ich glaube unser Kindlein trägt sehr viel dazu bei. Mit den zarten Regungen seines Lebens ruft es fast zu jeder Stunde neue Gedanken an Dich in mir wach. Am schönsten ist das immer in den wachen Stunden der Nacht, die jetzt manchmal recht zahlreich sind. Dann kann ich mich in der Stille ganz den Gedanken an unsere Liebe und unsere schöne Gemeinsamkeit hingeben und ich fühle mich Dir dann so nahe, als ob Du wirklich bei mir wärest.

Am Dreifaltigkeitssonntag.

Diese Woche wollte es mit dem Schreiben garnicht so recht klappen; es tut mir leid, Dich so lange warten lassen zu müssen und ich selbst kann es ja garnicht abwarten, bis ich wieder die Feder zur Hand nehmen kann. Die Stunden des Abends, die ich immer so gern damit ausgefüllt habe, sind jetzt meist die einzigen, die uns zu ungestörtem Schlaf übrigbleiben. Da heißt es vernünftig sein, wenn es dem liebenden Herzen auch oft recht schwer wird sich der Vernunft zu beugen. Aber auch das geschieht ja im Hinblick auf unsere Gemeinsamkeit, unser Kindlein, unsere künftige Familie.

Heute bin ich bei den Eltern. Die Wohnung hat bei dem Pfingstangriff viel abbekommen, das Dach ist vollständig abgedeckt, Türen u. Fenster und Wände stark beschädigt. Dazu hatten wir gestern ein furchtbares Unwetter, das Wasser floß bis in den Keller und hat viel Schaden angerichtet. Finni und die Zwillinge sind in den Bergen, so hatte Mutter die ganze Arbeit alleine, und ich konnte ja auch nur wenig helfen.

Wir feiern das Fest der Hl. Dreifaltigkeit. Es ist, als ob die Kirche am Ende der österlichen Zeit allen Jubel und alle Freude der Festgeheimnisse zusammenfassen wollte im Lob des Dreifaltigen Gottes. Groß und für uns unfaßbar ist das Leben in Gott, das wir heute betrachten. Gott tront nicht als Einsamer in eisiger Kälte über allem Leben, Er, der die Fülle des Lebens in sich schließt, schenkt das Leben an Seinen Sohn und der Wechselstrom der Liebe zwischen Vater und Sohn wird Gestalt und Person im Hl. Geiste; durch Ihn, der in der Taufe von uns Besitz ergriffen hat, sind wir Menschen und die

gesamte Schöpfung in das Leben und die Liebe des Dreifaltigen Gottes mit einbezogen. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, daß es die vornehmste Aufgabe des Menschen ist der Ehre Gottes zu leben. Heute, am Fest des Dreieinigen Gottes, dessen Geheimnis der Prüfstein unseres Christseins ist, tritt diese unsere Berufung mit besonderer Eindringlichkeit an uns heran. Gestern abend haben wir unsere Komplet ganz besonders unter dem Gesichtspunkt der Verherrlichung Gottes gefeiert. Wie fein kommt das am Ende jedes Psalmes zum Ausdruck, wenn wir uns nach den Betrachtungen des übrigen Textes unmittelbar an Gott wenden im Lobpreis der Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste - und die darauf folgende Stille hebt die Bedeutung dieser Stellen besonders hervor. Sie sind mir stets die liebsten gewesen und seitdem mein Beten durch das Erleben unserer Gemeinsamkeit bereichert worden ist, fasse ich in den Lobpreis alles Tun der vergangenen Woche zusammen, das Deine und meine, und vor allem das gemeinsame unserer Liebe, auf daß es der letzten Bestimmung unseres Menschseins diene, der Verherrlichung Gottes. Mit besonderer Innigkeit habe ich heute morgen bei der Feier des Opfers im Dom das große Loblied der Kirche, das Gloria, gebetet. „Wir sagen Dir Dank, ob Deiner großen Herrlichkeit...” Ach August, wie haben wir doch gerade im letzten Jahr die Herrlichkeit Gottes erfahren dürfen und das Erleben mit dem Kindlein unter meinem Herzen läßt den Dank dafür aus den tiefsten Schichten der Seele aufsteigen. Da der Herrgott unsere Liebe gesegnet hat, dürfen wir auch im Bild des „zwei-in-einem-sein”, eine Einheit zu dreien darstellen, ein schwaches Abbild, das in der

Dreieinigkeit Gottes sein Urbild, seine Vollendung hat. Möge doch auch in unserer Gemeinsamkeit und der aus ihr wachsenden Familie die Liebe, der Hl. Geist, die tragende Kraft und innige Verbindung sein und bleiben.

Mein August, wie eng sind doch die Geheimnisse unseres Menschenlebens mit den großen Geheimnissen Gottes verknüpft, sodaß uns die Betrachtung des einen stets auf das andere hinweist.

Es ist Abend geworden. Ich bin wieder daheim in unserem Zimmer und freue mich, noch ein Stündchen still bei Dir zu verweilen. Das sind die Feierstunden meines Lebens, ohne die der Alltag allen Glanz verlieren würde. Ich sitze an unserem Tisch vor Deinem Bild und trage wieder das gleiche Kleid, wie an jenen schönen Ferientagen, von denen das Bild erzählt. Ich habe ein wenig daran ändern müssen, doch nun ist der bunte, krause Rock weit genug, um auch noch das Kindlein darunter zu bergen; verbergen kann ich es ja nun nicht mehr, aber ich versuche mich so gut zu kleiden und meinen Leib so zu halten und zu pflegen, wie es seiner neuen hohen Würde, Schöpfungswerkstatt Gottes zu sein, entspricht. Alles geschieht ja jetzt aus einer besonderen Verantwortung heraus und ich bemühe mich, alles so gut wie möglich zu machen; die Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens, das ich nun erfahren darf, soll all mein Tun bestimmen, dann wird es schon recht werden. Nun muß ich schon bald an die Beschaffung und das Herrichten all der kleinen, zarten Dinge denken, die unser Kindlein nötig haben wird. Gestern wurde mir auf mein Attest von der Bezirksstelle die Säuglingskarte ausgestellt, damit heißt es haushalten und unsere Mütter, die noch

an die Zeiten denken, wo man alles so kaufen konnte, machen sich viel Sorge darum wie alles zusammenkommt. Aber ich mache mir keine Gedanken darum, das Nötigste wird sich schon finden, es heißt doch so schön: Gibt Gott ein Häslein so gibt Er auch ein Gräslein. Sieh' mein Lieber, auch von diesen kleinen, äußeren Dingen muß ich Dir erzählen, denn sie gehören doch mit dazu und wenn Du bei mir wärest, würden wir das doch auch sicher alles miteinander besprechen. Jetzt ist es wieder ganz unwillkürlich gefallen, das Wort, das mein geheimes Wünschen verrät und auch in den Wendungen meiner Gedanken immer wiederkehrt: Wenn Du bei mir wärest ... Ach August, es ist so, als ob mit dem Wachsen unseres Kindleins auch die Sehnsucht nach Dir größer und größer würde, sie überkommt mich oft mit einem Glück und so namenlosem Weh zugleich, daß sie die Tiefen des Herzens aufwühlt bis auf den Grund. Dabei habe ich zum ersten Mal die Tränen, das Weinenkönnen, als eine Wohltat kennengelernt und dafür dankbar sein. Wenn ich bedenke welch wundersame Steigerung die Sehnsucht zu Dir in der kurzen Zeit unserer Gemeinsamkeit erfahren hat: aus der bräutlichen Sehnsucht wuchs das Verlangen nach völligem Einssein und erblühte immer schöner in der immer vollkommener werdenden Hingabe von Seele und Leib. Nun aber ist es mehr noch als die Sehnsucht der Frau nach dem Mann, dem Geliebten und Geschenkten, es ist mir oft, als ob schon die Sehnsucht des Kindes nach dem Vater darin mitschwinge. Und an dieser Sehnsucht muß doch die Liebe erstarken, weiter und größer werden. Ich kann es darum garnicht verstehen, wie für so viele Menschen die Zeit der Trennung

an der Liebe zehrt und sie schließlich ganz erkalten läßt. Liegt es daran, daß sie die Sehnsucht nicht mehr ertragen können und sie irgendwie im Bereich des Nur-Sinnlichen zu befriedigen suchen? Wir wollen den Hl. Geist, der der Urgrund der Liebe und der Antrieb allen guten Verlangens ist, bitten, daß Er uns die Kraft gebe, die Sehnsucht zueinander in unseren Herzen rein und unbefleckt zu bewahren, daß unsere Liebe daran erstarke und wachse bis zu dem Tag, da uns der Herr im neuen Vereintsein ihre beglückende Erfüllung schenkt. Alles Wünschen und Sehnen, selbst die kleinsten Verrichtungen des Tages sind darauf ausgerichtet: Wenn ich am Abend eine neue Speise hergerichtet habe, denke ich daran, wann ich sie wohl für Dich zubereiten kann, denn das nur-für-sich-selbst-sorgen macht garkeine Freude. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, daß der Herrgott uns bald das Kindlein schenken wird, für das ich sorgen kann, das mich braucht und dem ich alles Liebe erweisen kann, das ich Dir so gerne zugefügt hätte. Als ich vor Pfingsten die reinen, weißen Tücher über das Bett breitete, tat es mir fast weh, die alten entfernen zu müssen, die uns noch gemeinsam in der Osternacht eingehüllt haben. Sie schienen mir die Nähe Deines Leibes eingefangen zu haben und bei ihrem Anblick stellte ich mir die Frage, wann es mir wohl wieder vergönnt sein wird, für uns beide das gemeinsame Lager zu bereiten. So sind es oft die kleinsten und unscheinbarsten Anlässe, die die Sehnsucht ganz groß und schön aufbrennen lassen und es ist so beglückend zu erfahren und zu erkennen, wie sich Seele und Leib darin vereinen und sich die Waage halten.

Liebster, nun hat das Herz den Verstand doch wieder besiegt, denn es ist über dem Schreiben unversehens 1 h geworden. Du liegst jetzt sicher auf Deinem Soldatenbett und atmest in den großen ruhigen Zügen, auf die ich in unseren gemeinsamen Nächten immer so gerne gelauscht habe; oder Du stehst wieder in der Einsamkeit und dem Dunkel der Nacht auf Wache. Wie fein hast Du mir in den letzten Briefen von dem Erlebnis dieser Stunden erzählt, die Du so fein zu gestalten weißt. Dabei schreibst Du mir auch, daß Dir der Rosenkranz ein vertrauter Freund geworden sei. Sieh' Liebster, da sind sich unsere Gedanken wieder begegnet, denn auch ich habe im Marienmonat jede Gelegenheit zum Rosenkranzgebet benutzt, auf dem Weg, in der Straßenbahn, beim Warten auf den Ämtern. So manche „verlorene Stunde” läßt sich dadurch fruchtbar gestalten. Gerade die Betrachtung des freudenreichen Rosenkranzes hat mich der Gottesmutter so viel näher gebracht. Nach meiner Fahrt nach Altenberg wollte ich Dir ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben haben, - so wie in der Karwoche die Gedanken zum schmerzhaften Rosenkranz -, habe ich dann aber aus einer gewissen Scheu heraus doch nicht getan. Umso größer war meine Freude, als Du mir ohne um meine Gedanken zu wissen von Deiner Erfahrung erzählt hast. - Mein lieber August, ich möchte noch so viel mit Dir plaudern, doch die Augen fallen mir zu. Unser Kindlein regt sich und mahnt zur Ruhe. Wie schön wäre es, wenn Du mich zur Ruhe betten würdest, so zart und behutsam wie es nur Deine guten Händen vermögen, denen ich mich so gerne anvertraue.

Deine Marga.