Marga Broil an ihren Mann August, 5. Juni 1944

Köln, den 5. Juni 1944.

Mein lieber August,

zum Abschluß des gestrigen Sonntages hatte ich mir noch eine gute Freude aufbewahrt, ein Brief von Dir. Ach Liebster, es war wieder ein so beglückender Brief, den Du mir am Vorabend des Pfingstfestes geschrieben hast, daß ich Dir sogleich dafür von ganzem Herzen Dank sagen muß. Es ist doch etwas wunderbar Schönes um die Wonne, die wir uns mit unseren Briefen bereiten dürfen. Wie sind sich unsere Gedanken an den Pfingsttagen in der Erinnerung an unser gemeinsames, großes Erleben im vergangenen Jahr begegnet; es macht mich so froh die meinigen in Deinem lieben Brief wiederzufinden. Und mit welch feinen, zarten Worten hast Du ausgesagt, was unser beider Verlangen, unsere tiefste Sehnsucht ist: einander gut zu sein, alles Liebe anzutun in den stillen Zeichen der Hingabe, die nur die Liebe ersinnen, weihen und heiligen kann. Wie Du mir gesagt hast, daß es Dich danach verlangt, mir mit Deinen guten Händen und Deinem Mund Liebes zu tun, hätte ich Dir entgegeneilen mögen auf dem weiten Raum der Trennung, auf daß das Ersehnte Wirklichkeit werden könne. Unser Leib kann freilich die Ferne, die zwischen uns liegt, nicht überwinden, aber die sehnenden Gedanken vermögen sie zuweilen so zu überbrücken, daß wir uns dennoch über alle Trennung hinweg uns ganz nahe sein dürfen und darin höchste und schönste Beglückung finden. Alle Not und Sorge unserer Tage kann uns dieses Glück nicht nehmen, sondern läßt es uns nur mit noch größerer Bereitschaft, Offenheit und Dankbarkeit entgegennehmen.

Heute feiert die Kirche das Fest des hl. Bonifatius, des Apostels der Deutschen. Bei unserer Überlegung wegen der Namenswahl für unser Kindlein haben wir ihn zum Patron und seinen deutschen Namen Winfried in Erwägung gezogen. Wir wollen die Frage der Namen doch beide noch gut überlegen; bei den Mädchennamen hatten wir ja noch keinen gefunden, bei dem uns Heilige und Name in gleicher Weise zusagte. Ich werde mich in einer stillen Stunde nochmal darangeben das Leben der deutschen Heiligen zu betrachten, die wir unserem Kind als Vorbild u. Fürsprecher mit auf den Lebensweg geben möchten. Ich will Dir dann gerne Vorschläge dazu machen, aber die letzte Entscheidung möchte ich Dir in die Hand geben, da ich die Namenbestimmung als eine vorwiegend väterliche Aufgabe betrachte.

Im Schöpfungsbericht heißt es, daß Gott Adam, dem Vater der Schöpfung, alles Geschaffene, Pflanzen und Tiere, übergab und daß er jedes bei seinem Namen nannte und ihm den Namen gab, der seinem Wesen und seiner Bestimmung entsprach. - Als der Engel Zacharias die Kunde von der Geburt des Johannes brachte, gab er ihm zugleich die Aufgabe: Du sollst ihn Johannes heißen. Und Z. Schrieb auf eine Tafel: Johannes ist sein Name; entgegen allen Gepflogenheiten der jüdischen Sitte. Der Vater im Himmel ist es, der jedem neuen Menschenkind von Ewigkeit her seine Berufung, Bestimmung und Einmaligkeit des Wesens zuteil werden läßt, der es beim Namen gerufen hat, daß es wurde. Wir wissen noch nichts von der Bestimmung und dem Wesen unseres Kindleins und möchten ihm dennoch den Namen geben, der ihm entspricht. Ich meine, die Sache ist wichtig

genug, um darum zu beten, daß wir die rechte Wahl treffen. Das wollen wir gemeinsam tun und ich will Dir auch meine Wünsche sagen, daraus möge sich dann Deine Entscheidung bilden, die Dir als Vater zusteht. Auch die Frage des Paten wollen wir schon in Erwägung ziehen, damit alles bereit ist, wenn unser Kindlein ins Leben tritt. Wie schön ist doch dieses Planen und Tun der Erwartung!

Am 6. Juni.

Mein lieber August, nun hat das blutige Ringen des Krieges auch in dem Lande begonnen, in dem Du nun stehst, Du mein Liebster. Ich weiß nicht ob Du unmittelbar in das Kampfgeschehen mit einbezogen bist oder ob Du noch in einem Abschnitt weilst, den es noch nicht berührt hat. Es ist hart, das Leben des liebsten Menschen so in Gefahr zu wissen, ach, was möchte die Liebe nicht alles ersinnen und einsetzen, um es vor allem Übel zu bewahren. Die Soge wächst mit jeder Nachricht, die uns von der ganzen Furchtbarkeit des Geschehens berichtet; aber größer noch als alle Sorge ist mein Vertrauen, daß Du jetzt wie stets in Gottes Hand stehst und Er in Seiner Vaterliebe nur Dein Heil wirken wird, was auch immer geschehen mag. Möge Er uns nur die Kraft geben, alle Prüfungen in Seiner Gnade zu bestehen. Es können freilich Stunden kommen, in denen die Phantasie uns Möglichkeiten erwägen läßt, die das liebende Herz zutiefst verwunden und alle Sinne erzittern lassen. Aber das soll mir nur ein Anlaß sein mehr noch als bisher für Dich zu beten und all meine Liebe im Gebet einzusetzen, denn das ist doch das Einzige, das ich jetzt für Dich tun kann. Ach, könnte ich doch dadurch einen Wall

um Dich errichten, der alles Unheil von Dir fernhält. Wenn ich nie ein Verhältnis zum Bittgebet gefunden habe, die Liebe und Sorge um Dich hat es mich gelehrt. Doch zuerst und vor allem will ich die Vaterunser-Bitte tun: Herr, Dein Wille geschehe! Das ist oft schwer und trotz gutem Willen können wir aus eigenem Bemühen nie zu dem Beten gelangen, das der Zwiesprache mit Gott würdig ist, wir vermögen es nur aus der Gnade. An einem der letzten Abende habe ich die Gnade des rechten Betens erfahren dürfen wie nie zuvor. Wie dankbar müssen wir für solch eine Stunde sein.

Mein lieber August, wer weiß wie lange es jetzt wieder dauern wird bis wir etwas voneinander hören; doch unsere Gedanken und unsere Sehnsucht bringen uns einander ganz nahe, wenn auch alle äußeren Brüche einmal abgeschlagen sein sollten.

So komm denn Liebster, laß mich Dir wieder eine Weile ganz nahe sein und Dir alles Liebe und Gute tun, wonach meine Liebe verlangt. Laßt uns in festem Vertrauen und froher, gläubiger Zuversicht unsere Tage füreinander gestalten und stets in treuem Gedenken miteinander verbunden bleiben.

Deine Marga.