Marga Broil an ihren Mann August, 8. Juni 1944
Fronleichnam 1944.
Mein lieber August,
es ist ein trüber, regnerischer Tag heute, nach außen hin ein Werktag wie jeder andere. Doch wir wissen um das große Geheimnis dieses Festes und müssen versuchen es umso mehr in uns zu begehen. Unsere Erinnerung geht zurück in frühere Jahre, da wir dem Herrn an diesem Tag das Geleit gaben durch die Straßen der Stadt, von der Er bei diesem Triumphzug jedes Jahr neu gleichsam Besitz nahm. Es war meist ein strahlender Sommertag. Sonne, Blumen, festlich-frohe Menschen, die Klänge der Musik, Fahnen, Wimpel und Herzen, alles diente dazu den Gang des Herrn aus dem engen Raum der Kirche in die Weite der Welt möglichst würdig zu gestalten. Nun aber, in den Tagen des Krieges, ist es offenbar geworden, daß im Raume der Welt ein anderer das Zepter führt, der der Königsherrschaft Gottes widerstreitet. Seine Zeichen sind Haß, Streit, Lieblosigkeit, Verrat, Treulosigkeit, Vernichtung und Tod. Daß er doch wenigstens an uns keinen Anteil habe! Die Königsrechte des Herrn, die Ihm auf so breitem Raum heute streitig gemacht werden, möge Er wenigstens in uns unumschränkt ausüben können. „Sieh', ich bin bei euch bis ans Ende.” die Verheißung, die der Herr den Aposteln und uns allen gegeben hat, ist in dem Geheimnis dieses Festes heilige Wirklichkeit geworden. Wie oft haben wir in unserem Leben die Gnade des „Gott-mit-uns-Seins” erfahren dürfen; wie oft sind wir gestärkt und getröstet durch die Vereinigung mit Ihm wieder in unseren Tag hinausgegangen, in neuer Bereitschaft und größerer Liebe. Und wie
gut war es doch, daß wir all die bedeutsamen Schritte unseres gemeinsamen Weges durch die Feier des Opfers und der Eucharistie erhöht, bekräftigt und besiegelt haben. So läßt mich heute in der Zeit der Trennung, da Du auf die körperliche Teilhabe an all dem gnadenhaften Geschehen verzichten mußt, - geistig und seelisch vermag ja nichts daran zu hindern, wenn wir nur guten Willens sind - der Gedanke an Dich und unsere Gemeinsamkeit mit besonderer Dankbarkeit an dem großen Gottesgeschenk teilnehmen, das Er uns täglich anbietet. Du weißt um dieses mein Tun und ich weiß von Dir, daß Du Dich ganz bewußt da hineingibst. Ist das nicht eine Möglichkeit innigster Verbindung und gemeinsamem, fruchtbarem Wirken trotz aller Trennung und Ferne wie sie herrlicher garnicht möglich ist? Ach August, es ist für mich ein so beglückendes Erleben, wie nach allen anfänglichen Schwierigkeiten die Liebe zu Gott und die Liebe zu Dir in mir zu einer Einheit geworden ist; wie die eine dazu beiträgt, daß die andere nur noch schöner und größer werde.
Die stille Stunde des Mittags ist vorüber, der Tag ruft wieder mit seinen Pflichten und meine Hand, die Dir noch so gerne manches liebe Wort aus meinem Innern aufschreiben möchte, muß wieder Kolonnen von Zahlen aufzeichnen. So muß ich heute nach diesen kurzen Zeilen wieder Abschied von Dir nehmen, Liebster. Ich lege meine Hände in die Deinen hinein und spüre ihren festen Druck, der mich so stark und froh macht, und mich alle sorgenden, zagenden Gedanken in gläubigem Vertrauen besiegen läßt. Mein lieber August, ich will auch in der Zeit bangen Wartens stark und tapfer sein und denke so fest an Dich
Deine Marga.