Marga Broil an ihren Mann August, 12. Juni 1944

Köln, Montag den 12. Juni 44.

Mein lieber August,

es fehlt mir immer etwas am Sonntag, wenn es mir nicht möglich war, im Brief zu Dir zu kommen, denn das Wort an Dich gehört mir zur Feier des Herrentages, wie ich ihn jetzt erlebe, dazu. Als ich gestern abend von den Eltern nach Hause kam in unser Heim, in dessen Wänden ich mich Dir am nächsten weiß, weil Deine Gedanken sicher oft da verweilen, war es schon spät und ich war nicht mehr fähig einen Brief zu schreiben. Und dennoch habe ich eine ganz wundersame Stunde mit Dir verlebt. Der Abend war so schön nach dem trüben Regentag, ganz langsam schwand das Licht des Tages im Dämmer dahin. Träumend habe ich mich auf unser Lager niedergelegt und mir in Gedanken ausgemalt, wie wir wohl solch einen Abend, an dem man die Stille fast mit Händen greifen kann, gestalten würden, wenn Du bei mir wärest. Ganz fest und tief habe ich mich in das Glück hineingedacht, das uns in solchen Stunden geschenkt wurde. Und all meine Gedanken sind dann eine Zwiesprache mit Dir, Du mein Liebster. Ach, sie lassen sich garnicht alle im Wort fassen; das Geheimnis und die ganze Schönheit und Größe unserer Liebe ruht ja in ihnen. August, und wenn ich bei diesen Gedanken an Dich wieder das Leben unseres Kindleins spüre, ganz zart und fein und doch so deutlich vernehmbar, dann schließe ich es ein in die Zwiesprache mit Dir, denn wir hören doch so ganz und untrennbar zusammen, Du, das Kindlein und ich. Und wie es mich immer danach verlangt, Dir meine Liebe zu zeigen, das tiefe Sehnen meines Herzens zu offenbaren, so möchte

ich es auch unserem Kindlein tun und sagen: Schau, mein Kindlein wie lieb ich Deinen Vater habe! Und ich möchte diese Liebe ganz tief in sein kleines Herzchen senken, mit jedem Tropfen Blut, das durch seine kleinen Adern pulst, mit jedem Gedanken an Dich und jedem Gebet an den Herrn. Ach August, es kann doch garnicht anders sein, als daß in diesem unseren Kindlein offenbar wird, wie tief wir einander zugetan sind; muß es nicht die incarnation unserer Liebe werden, so wie das Gotteskind die incarnation der Liebe Gottes zu uns Menschen geworden ist? Ich kann Dir garnicht sagen, wie glücklich mich diese Gedanken machen und wie froh, trotz des Schmerzes, den die Sehnsucht im Wissen um die räumliche Trennung erleidet. Ich muß Dir wohl gestehen, daß ich auch zuweilen einmal schwach geworden bin in diesem Schmerz, besonders in den letzten Tagen, da die Gefahren um Dich immer größer werden. Aber die Gedanken an unser Kindlein und ein inniges, vertrauendes Gebet zum Herrn helfen über alle Kleinmut hinweg. Ja Liebster, und haben wir nicht allen Grund voll Freude und Zuversicht zu sein, trotz allem?

Mein lieber August, heute in der Frühe des erwachenden Tages, als alles noch still war im Schlaf und nur ein kleiner Vogel sein erstes Morgenlied versuchte, habe ich diese Gedanken schon zu Dir geschickt. Es war ein so gutes Beginnen heute, nach der ersten ungestörten Nacht seit langer Zeit. Wie haben wir doch gelernt für das, was uns früher so selbstverständlich schien, dankbar zu sein; mit ganz anderem Schwung und neuer Tatkraft bin ich heute an das Werk der Woche herangegangen.

Nun wird es Abend. Die Sonne sendet ihren letzten Glanz in

unser Zimmer, in dem ich in Gedanken mit Dir zusammen bin, und es ist jetzt so schön hier. In der kleinen Kugel unter dem Kreuz und neben Deinem Bild blüht der Jasmin, den ich gestern von meinem Heimweg durch die Anlagen mitgebracht habe, - ich mußte mich beim Verteilen der Zweige daran erinnern, daß doch das Schönste dem Herrn gebührt! - Ich habe die schlichten Blüten so gerne. Die Knospen haben sich im Laufe des Tages zu leuchtenden weißen Sternen erschlossen. Wenn ich sie so betrachte neben dem frischen Grün der Blätter, werde ich irgendwie an unsere Hochzeit erinnert; auch da grün und weiß: welch feine Symbolik der Farben. In der braunen Kugel auf dem Tisch steht ein großer Strauß leuchtend gelber Trollblumen, den die Zwillinge mir am Samstag aus den Bergen mitgebracht haben. Ihr erster Besuch galt mir; mit braunen Gesichtern, strahlenden Augen und voll Begeisterung über all die Schönheit da oben, sind sie heimgekehrt, um diese Woche für lange Zeit von uns Abschied zu nehmen. Die ganze Schule wird auf die Insel Usedom (Ostsee) verlegt, auch Elisabeth muß mit, da in Köln alle Schule geschlossen sind. So war unsere Familie gestern zum letzten Mal zur Feier des Sonntags zusammen, den wir mit der Feier des Opfers im Dom begonnen haben. Wird das einsam und still zu Hause werden, wenn Finni nur noch alleine bei den Eltern ist. Besonders für Mutter wird es sehr schwer sein. Die Zwillinge gehen schweren Herzens fort, aber Echen freut sich auf das neue Leben. Ihre einzige Sorge ist, daß sie dann vielleicht noch nicht zurück sein wird, wenn unser Kindlein geboren

wird. Ich werde den kleinen Stropp wohl auch sehr vermissen. So reißt der Krieg mit kalter Gewalt die jungen Menschenblumen aus dem Mutterboden der Familie heraus, noch ehe sie fähig sind in fremdem Erdreich eigene Wurzeln zu schlagen.

Aber ich war dabei, Dir noch etwas zu erzählen, wie es jetzt in unserem Heim aussieht. Ich habe einen alten guten Handwerker gefunden, der mir noch ein paar Bilder eingerahmt hat, an denen ich mich nun erfreuen kann: Dürers betende Hände gleich am Eingang des Schlafzimmers weisen auf das Becken mit geweihtem Wasser hin, mit dem ich Dir und mir das Zeichen des Kreuzes gebe, ehe ich zum Gebet unter unser Kreuz trete, wie wir es an jedem Tag unseres Zusammenseins gemeinsam getan haben. - Von der schmalen Wand neben dem Fenster schaut mir das liebe Bild der Madonna von Altenberg entgegen; ihr gilt am Ende des Tages immer mein letzter Gruß, wenn ich Dich und mich und unser Kindlein in ihrer guten Hände befehle. - Über unserem Lager erinnert die kraftvolle Gestalt des Adam von Michelangelo daran, wie erhaben groß und verantwortungsvoll das Wirken ist, das der Herrgott in unsere schwachen Hände hineingelegt hat: Sein Schöpfungswerk, das Er an Adam unmittelbar vollzogen hat, will Er durch unser Tun fortführen. - Und auf der gegenüberliegenden Wand fällt mein Blick auf das Kinderköpfchen von Rubens. Ganz in sich verschlossen nur seiner kleinen Welt lebend, schaut er wie sinnend vor sich her und man möchte wissen, was alles in dem kleinen, und doch schon so selbstbewußt scheinenden Köpfchen vor sich geht. Ich betrachte es so gerne, das kleine Menschenkind auf dem Bild

und denke dann daran wie es sein mag, wenn ich bald, ach schon so sehr bald, das wirkliche, lebende Menschlein betrachten darf, unser Kindlein, das mein und Dein Leben in sich vereinigt. August, wenn die Gedanken daran schon so beglücken können, wie groß wird dann erst einmal das Glück des Erlebens selbst sein?

Am 13. Juni. Der heutige Tag hat mir so viel Freude gebracht: zwei ganz liebe Briefe von Dir. Ach August, ich kann Dir garnicht sagen wieviel Liebes Du mir damit getan hast! Aus all Deinen Worten, die so fein sind und zart, leuchtet mir Dein liebes Herz entgegen, das sich ganz tief hineinversenkt in das große beglückende Geschehen, das uns Drei so fest umschließt. Es tut mir so wohl, das in jedem Brief, der zu mir kommt, neu spüren zu dürfen; und ich brauche dieses Wissen, denn allein ließe sich die Fülle garnicht ertragen. Wenn ich Deine lieben Worte lese, ist es mir, als hätte ich Dich ganz nahe bei mir. Ich stehe gleichsam an der Türe der Soldatenstube und sehe Dich vor mir, wie Du zu nächtlicher Stunde beim Schein der Kerze dasitzt und Deine Gedanken im Brief zu mir herüberschickst; ich möchte immerfort so da stehen bleiben und Dich anschauen, Du mein Liebster, und versuche das Glück dieses Schauens ganz lange zu verkosten. Wenn dann der Gedanke an die Ferne, die Trennung, die Türe zwischen uns jäh verschließt, dann kommt bald der barmherzige Schlaf und drückt mir tröstend die Augen zu.

Ja, August, wir müssen immer wieder miteinander staunend und bewundernd betrachten, was die Liebe in uns vollbringt, zu welch nie geahntem Geben und Nehmen sie uns befähigt.

Und durch das Kindlein unter meinem Herzen noch seelisch und körperlich beeinflußt - wie fein hast Du das aus meinen Briefen herausgespürt - erfährt dieses Erleben eine so wundersame Steigerung, daß ich mich immer wieder fragen muß, wie wir für all das uns nur dankbar zeigen können. Aber wir brauchen garnicht nach Gelegenheiten zu suchen, jeder Tag bietet sie uns neu; und wenn es nur das Eine ist, daß wir die Sehnsucht, die uns so stark zueinander drängt, in ihrem ganzen Glück und Schmerz täglich vor den Herrgott tragen, daß Er sie heilige; daß wir sie ertragen in Seiner Kraft und in freudiger Bereitwilligkeit.

Mein lieber August, wieder findet ein Tagewerk im Wort an Dich seinen Abschluß. Das Abendgebet verbindet uns wieder ganz fest miteinander über alle Ferne hinweg. Und wenn ich mich dann zur Ruhe lege, meine ich auch Dir den Platz bereiten zu müssen, ja, und ich möchte wieder Dein liebes Antlitz in meine Hände nehmen, es ganz nahe zu mir heranziehen und Dir lange in die Augen schauen. Und Du sollst in meinen Augen lesen können, wie groß und schön die Liebe zu Dir den ganzen Raum meines Herzens erfüllt, und was ich Dir alles, alles Liebes tun möchte

Deine Marga.

Ich bin gespannt darauf, in welcher Gegend Du bist, laß mich es bitte wissen (Das Geld für Juni habe ich bereits am 3.6. an Dich abgeschickt.)