Marga Broil an ihren Mann August, 14. Juni 1944
Köln, den 14. Juni 1944.
Mein lieber August,
nachdem wir diese Nacht wieder manche Stunde Alarm hatten, haben uns die Flieger heute morgen früh auch schon wieder aus dem Schlaf aufgestört. Aber ich bin nicht böse darum, denn ich will die Zeit nutzen, um noch ein wenig mit Dir zu plaudern. In der vorigen Nacht sind zwei Blindgänger ganz in unserer Nähe gefallen, einer in die Anlagen am Bahndamm und der zweite in den kleinen Innenhof der Sakristei direkt neben der Maternuskirche. Sie sind beide nach einigen Stunden krepiert, haben aber nicht viel Schaden angerichtet.
Aber ich wollte Dir noch etwas von der 5-Jahr-Feier unserer Komplet am vorigen Samstag erzählen. Am frühen Abend hatten wir eine gute Stunde miteinander, in der wir Lieder und Gedichte von Eichendorff hörten. Wie klingt aus all seinen Werken die Sehnsucht des Romantikers auf, nach der Welt in der „alles, alles gut ist!” Die Stunde war mir eine besondere Freude, weil ich weiß wie gerne Du Eichendorff's Werke hast, hast Du ihn kürzlich doch noch in einem Briefe erwähnt. Den Abschluß der Stunde bildete eine köstliche Lesung aus dem „Leben eines Taugenichts”, Flöten- und Geigenspiel und einige gemeinsame Lieder.
Als wir dann zur Stunde der Komplet in die Krypta hinunterstiegen, erstrahlte der uns allen so liebe Raum in festlichem Glanz: Blumen, Kerzen, und die Priester in Festgewändern. Dr. Frotz war von Hennef herübergekommen, um die Stunde mit uns zu begehen. Mit der Fröhlichkeit und persönlichen Wärme, die seinen
Worten eigen ist, hielt er einen Rückblick über das Tun der Gemeinschaft in den 5 Jahren und stellte besonders den Wert der geistigen Verbundenheit mit den Brüdern draußen in allen Teilen der Welt heraus. Seine Forderung hieß: das Licht des Lebens, das der Herr in so reichem Maße in den Herzen junger Menschen entfacht hat, leuchten zu lassen mitten in das Dunkel unserer Tage: das Licht des natürlichen Lebens im Bemühen, alle Kräfte wahr, echt und rein zur Verherrlichung Gottes einzusetzen; das Licht des Geistes, im Suchen und Ringen um die Erkenntnis der Wahrheit; und endlich und vor allem das Licht Seines göttlichen Lebens in uns, das sich mit Seiner Gnade immer herrlicher in uns entfalten möge. - Das Beten und Singen war ein einzig großer Lobgesang und fand seine Krönung in dem deutschen Te Deum: Herr Gott Dich loben wir. Die Fünjahrfeier, die allen ein starkes Erleben war, klang aus in dem Bekenntnislied: „Das Banner ist dem Herrn geweiht, geweiht ist unser Leben. Dem Herrn sei Dank in Ewigkeit, der uns Sein Wort gegeben. Er geb' den Segen uns darauf und stärke uns im Streiten, dann brechen alle Guten auf und alle Bösen weichen.” Wir müssen doch recht dankbar sein, daß wir in eine solche Gemeinschaft, in ein so schönes Tun miteinbezogen sind, in die wir unser persönliches Wirken am Ende der Woche hineingeben und die uns reich beschenkt aus ihrer Mitte in das Alleinsein des Alltags entläßt. August, und wie schön ist unsere Gemeinsamkeit, die uns zum tiefsten menschlichen Einssein geführt hat, aus dieser großen Gemeinschaft gewachsen. Die Komplet, die Gemeinschaft, die sie trägt und der starke Raum, der sie umschließt, hat alle
Schritte und Stufen dieses Wachsens und geheimen Zueinanderstrebens gesehen und miterlebt: das Fragen und Bangen um die Erkenntnis des rechten Weges, die wundersame Stunde der Entscheidung in der Weihnachtsmette, das zarte und beglückende Aufblühen bräutlicher Liebe und das aus ihr gewachsene Verlangen zur Bindung vor Gott und den Menschen im heiligen Gelöbnis unseres Pfingsttages; den Zusammenklang unserer Gebete und Gedanken über alle Trennung und Ferne hinweg und schließlich das tiefe, letzte Einander-Schenken und Hingeben, die Erfüllung unserer Sehnsucht im Empfang unseres heiligen Sakramentes, zu dem uns der Herr vor diesem Altare aus seinen Segen und seine Gnade gab. - An all das mußte ich in dieser Abendstunde der Woche denken und in den stillen Minuten während der Psalmen-wechsel, wenn nur das langsame Ticken der alten Wanduhr vernehmbar war, recht innig dafür danken, daß unser Weg eine so feine Entwicklung nahm und daß er nun fortschreitet im Wachsen unserer Gemeinsamkeit zur Familie, für das mir das pochende Leben unseres Kindleins täglich frohe, beglückende Bestätigung ist. Und ich lege den geheimen Wunsch, daß unser Kindlein, wenn die Umstände es irgendwie ermöglichen, auch in der Krypta, der Stätte der wir so verbunden sind, die hl. Taufe empfangen möchte. Die Verwirklichung ist vielleicht garnicht so unmöglich, denn ich bekam in diesen Tagen von Papa Gilliame, der in einem ihm bekannten Krankenhaus in Rheinbach bei Bonn für mich angefragt hatte, den Bescheid, daß ich dort für die Zeit der Entbindung und auch noch kurze Zeit vor und nachher dort unterkommen kann. Ich bin sehr froh darum, denn alle
anderen Anfragen waren bisher erfolglos. Es ist nicht so weit von Köln weg, sodaß unsere Lieben leicht einmal hinkommen können - besonders für unsere Mütter doch erfreulich - und man kann doch auch damit rechnen, in dem kleinen Ort mehr Ruhe zu haben als in der Großstadt. Ich will versuchen in der nächsten Zeit einmal dort hinzufahren, um mir das Haus anzusehen und mich anzumelden. Das hältst Du doch sicher auch für richtig.
Gestern war ich in Bayenthal zu hause. Gertrud hat mir aus dem von Tante Godeharda geschenkten Stoff ein schönes Kleid gemacht, unter dem unser Kindlein in den kommenden Monaten genügend Raum hat. Vater und Mutter sehen beide erschreckend schlecht aus, Mutter hat sich von der Grippe noch nicht ganz erholt und Vater hat auch ein paar Tage mit hohem Fieber gelegen. Sie haben sich endlich entschlossen in 14 Tagen für 4 Wochen alle drei nach Amelunxen zu fahren, das wird ihnen gut tun. Jede Nacht stundenlang im Bunker zubringen und all die Aufregungen der Angriffe greift ja einen jungen Menschen an, ist es da verwunderlich, daß den Eltern, die schon so viel in ihrem Leben hinter sich haben, die Kräfte versagen? Mutter gab mir den Brief, den Du ihr zum Muttertag geschrieben hast und ließ ihn sich nochmal vorlesen. Ich danke Dir, daß Du ihr mit den guten Worten so viel Freude gemacht hast. Wir haben noch einige praktische Fragen in Bezug auf das Kommen unseres Kindleins besprochen, worauf Mutter das Gespräch auf Taufe und Patenschaft lenkte. Sie sagte, bei Gisela sei die Frage der Paten leicht zu lösen gewesen, da ja nur noch ein
Elternpaar dafür dagewesen sei. Ich habe darauf entgegnet, daß wir beide über die Wahl der Paten noch nicht gesprochen hätten und uns brieflich noch darüber verständigen müßten. Zugleich habe ich ihr gesagt, daß ich es richtiger und dem Sinn der Patenschaft entsprechender fände, wenn man jüngere Menschen zu Paten wähle. Sie war erst etwas enttäuscht, daß ich in der Beziehung anders dachte, als sie wohl gewünscht hatte, aber ich habe versucht ihr mit aller Vorsicht meinen Standpunkt, von dem ich glaube, daß er mit dem Deinen übereinstimmt, klar zu machen. Am Ende unserer Unterhaltung sagte sie mir mit herzlichem Verstehen, daß sie unser Kindlein genau so lieb haben werde, ob sie nun Patin sie oder nicht.
Ich habe früher schon über alles, was die Taufe betrifft, viel nachgedacht, als ich noch nicht glaubte, daß mich die Dinge einmal so persönlich angehen würden wie jetzt. Wie schön wäre es, wenn wir jetzt zusammen darüber sprechen und überlegen könnten. So laßt uns wenigstens hie und da einmal unsere Gedanken darüber im Briefe festhalten.
Als Herr Raskop mir vor 2 Jahren voll Freude die Geburt seines dritten Kindes mitteilte, stellte er mir die Frage, warum er nicht selbst als Vater die Patenschaft über sein Kind übernehmen könne. Ich war über die Frage etwas erstaunt, aber meine Antwort, daß das dem Sinn der Patenschaft nicht entsprechen könne, leuchtete ihm ein. Der Sinn der Patenschaft ist doch der, daß neben den Eltern, denen an erster Stelle das Recht, die Pflicht u. Verantwortung für das Wohl und Wehe, die Erziehung und das Zu-Gott-
Hinführen des kleinen Menschenkindes anvertraut ist, noch einer da ist der die Eltern in - seinem - ihrem schweren Amt wenn nötig unterstützt, und in Bereitschaft die Verpflichtung übernimmt, die elterlichen Aufgaben auf sich zu nehmen, wenn diese zu ihrer Erfüllung nicht mehr fähig sein sollten. Die Kirche stellt so hohe Anforderungen an das Amt des Paten und ich finde den Gedanken an der geistigen Verwandtschaft, die zwischen Täufling und Paten besteht, so schön. Man sollte beide auf diese enge Beziehung immer wieder hinweisen, und auch die Frage der Patenwahl recht ernst nehmen.
Ich kann heute auch den Wunsch des Vaters, sein Kind selbst zum ersten Mal in das Haus des Herrn zu tragen, gut verstehen, und fände es sehr sinnvoll, wenn er auch tatsächlich verwirklicht würde. Wäre es nicht ein schöner Gedanke, wenn der Vater das kleine Menschenkind, das Leben von seinem Leben ist, das er in der Erfüllung des Auftrages Gottes hat zeugen dürfen, auf seinen Armen zum Herrn bringt, auf daß Er ihm in der Taufe das größere Leben schenke und es anerkenne als Sein Kind? Dieses Tun wäre ein feines Zeichen für die tiefe Bezogenheit zwischen dem irdischen Vater und der ewigen Vaterschaft Gottes, und ein heiliges Bekenntnis seiner Vaterschaft vor Gott, seinem Kind und den Menschen, wie der Ewige Vater es vor aller Zeit Seinem Sohn abgelegt hat: „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.”
Es ist etwas so Großes und Herrliches um das Geschehen der Taufe und da all dies sich bald an unserem Kindlein vollziehen soll, habe ich in letzter Zeit viel darüber nachdenken müssen.
Auch über die Wahl der Paten für unser Kindlein habe ich nachgedacht. Das sind doch alles Dinge, die wir gemeinsam entscheiden müssen und ich möchte doch alles nur so tun, wie Du es auch am liebsten hättest. Es ist wohl am besten, wenn wir einander unseren Wunsch in diesen Fragen wissen lassen und sie dann auf einen „gemeinsamen Nenner” bringen. Der Kreis junger Menschen unserer Geschwister und Freunde, aus dem wir die Paten für unser Kindlein wählen können, ist ja recht groß. Ich habe mir gedacht, - aber es soll nur ein Vorschlag sein - daß wir zunächst unsere Geschwister dazu nehmen, einen aus Deiner und einen aus meiner Familie. Mir wäre es am liebsten, wenn Finni Patin unseres ersten Kindes würde. Sie ist der Mensch, der mir am nächsten stand, bevor Du in mein Leben tratst; ihr würde ich die schöne Aufgabe gerne anvertrauen. Als Paten kämen dann Bruno und Heinrich in Frage; bei Bruno weiß man nur nicht, ob er zu der Zeit noch in Deutschland ist und von einer Stellvertretung in solchem Falle halte ich nicht viel. Mit Heinrich könnte man wohl immer rechnen und er wäre mir als Pate auch sehr lieb. Schreibe mir doch bitte, was Du Dir gedacht hast und was Du von meinem Vorschlag hältst. Bezüglich der Wahl der Mädchennamen bin ich mir selbst noch nicht ganz im klaren. Ich werde noch einmal gut überlegen und Dir dann auch darüber schreiben.
Mein lieber August, heute ist schon Freitag und der Brief ist noch nicht an Dich abgegangen. Ich mußte mir die Zeit dazu so richtig stehlen. Gestern kam Dein Päckchen an. Ich habe die Büchse noch nicht geöffnet; was mag wohl Gutes für mich
darin sein? Du hattest es so gut verpackt, es war mir eine Freude langsam Knoten um Knoten zu lösen, den Deine lieben Hände geknüpft haben. So gerne möchte ich auch Dir etwas Gutes tun, aber die Post nimmt immer noch keine Päckchen an. Es war mir eine Beruhigung als Du schriebst, daß Du wenigstens mit dem Notwendigen gut versorgt bist. Es ist so lieb, daß Du dabei gleich auch an mich gedacht hast. Bei den knappen Geldmitteln wird aber neben Deiner „zusätzlichen Nahrung” wohl für andere Dinge nicht mehr viel übrig bleiben, so erfreulich es wäre, wenn Du dort noch das eine oder andere für unseren Haushalt erstehen könntest, denn es mangelt ja noch überall. An kleineren Gegenständen, die sich leicht schicken lassen, wären mir Bestecke, Holzlöffel + Stampfer, Bürstenwaren, Schneebesen, Siebe u. Aufnehmer sehr willkommen, da hier an diese Dinge nicht mehr zu kommen ist. Die größte Freude würdest Du mir ja machen, wenn Du noch irgend etwas an Säuglingssachen auftreiben könntest, denn damit sieht es hier sehr böse aus. Bis jetzt habe ich auf meine Punkte nur ein einziges Hemdchen erstanden. Doch damit genug mit diesen Dingen.
August, ich verfolge jetzt mit Interesse die militärischen Ereignisse in Frankreich und hinter jeder Nachricht darüber steht die Frage, ob es wohl mit Deinem persönlichen Ergehen in irgend einem Zusammenhang stehen mag, und hoffe immer, daß Du noch nicht direkt in die Kampfhandlungen mit einbezogen bist. Seit dem Beginn der Invasion ist noch keine Post nach hier durchgekommen und heute spricht man sogar von einer
allgemeinen Postsperre für Frankreich. Wie ein schweres Gewitter, das lange schon schwarze Wolken vor sich herschickte, sind die Ereignisse über uns hereingebrochen. Die Ungewißheit um das Leben des liebsten Menschen läßt uns mit erhöhter Spannung auf ein Lebenszeichen Ausschau halten und lastet schwer auf den meisten Menschen um uns. Alles scheint in Frage gestellt zu sein, da wir ja um die bloße menschliche Existenz Sorge tragen. Da fällt mir wieder das Wort des Heilandes ein: „Sorget, aber sorget nicht ängstlich!” Für uns Christen kann es ja eine Ungewißheit in ihrer letzten Trostlosigkeit garnicht geben, denn wo könnte unser Geschick gewisser und geborgener sein, als in der Hand des Vaters? Wenn die Sorge um Dich mich einmal wieder übermannt hat, dann schäme ich mich so recht wegen meines Schwachwerdens. Ach, unsere Liebe ist so klein und unser Vertrauen zu schwach. Der Herr hätte allen Grund auch uns mit vorwurfsvollen Blick zu sagen: „Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen!” Wir müßten mehr um das rechte Bestehen der Prüfungen, als um die Befreiung von ihnen beten.
Es ist Juni. Der Monat, in dem die Kirche ihre Gedanken und Gebete auf das Herz des Gottessohnes richtet, hat schon seine Mitte erreicht. Die zunehmende Erfahrung - und das Erleben unserer Liebe hat entscheidenden Anteil daran - läßt uns der Verehrung des Göttlichen Herzens immer näher kommen, zu der wir früher auf Grund schiefgeratener äußerer Formen keine Beziehung finden konnten. Wenn all die Dinge, die wir heute in der Welt erleben: Sünde, Haß, Krieg und Feindschaft, Not und
ein empfindsames Menschenherz schon so verwunden können, wieviel mehr muß es dem Göttlichen Herzen des Herrn antun, das doch der Urgrund der Liebe ist. Wie groß und schön ist der Gedanke, dem Herrn dafür Sühne zu leisten - nicht mit einer gewissen Berechnung, nur ein „Konto auszugleichen”, die uns im Religiösen immer abstößt, sondern aus dem freien Antrieb der Liebe, die nichts anderes vermag, als auf die unendliche Fülle der Liebe Gottes zu uns mit der ganzen Hingabe des Herzens zu antworten. Mein Liebster, wollen wir nicht versuchen all die Sorge umeinander, alle Ungewißheit der uns bedrängenden Ereignisse und Nöte, aller Verzicht und jede Entbehrung einmal in diesem Sinne zu ertragen, auf daß das Leid unserer Tage jene erlösende Kraft gewinnt, die ihm nur die Vereinigung mit dem Erlöserleiden Gottes schenken kann? Die Liebe muß dazu unser Herz frei machen von aller Enge und dem Egoismus, dem wir so leicht verfallen. „Entzünde in uns Deine Liebe!” So wollen wir immer wieder bitten und nur wenn Seine Liebe in uns ist, wird uns unser Bemühen gelingen.
Mein lieber August, möge auch unsere Liebe zueinander, die wir im Glück und Schmerz täglich so tief erleben und erfahren, unser Herz immer weiter, hochgesinnter, uneigennütziger und lauterer machen.
Was gibt es nicht alles an Gutem und Schönen, Hohen und Edlen und alles alles Lieben, das ich Dir nicht antun möchte, Liebster. So nimm mich heute wieder ganz, wie ich Dir gehöre, mit allem was ich bin
Deine Marga.