Marga Broil an ihren Mann August, 20. Juni 1944

Köln, den 20. Juni 1944.

Mein lieber August,

heute morgen bin ich ganz früh aufgestanden, um wieder im Brief zu Dir zu kommen, aber als ich mit der morgendlichen Körperpflege fertig war, - die ich jetzt noch sorgfältiger betreibe als früher, denn alles soll sich doch dem Kommen unseres Kindleins bereiten - da schien die Morgensonne so hell zum Fenster herein und ich konnte nach den langen, bedrückenden Regenwochen ihrem Ruf nach draußen nicht wiederstehen. So bin ich denn hinausgegangen in den strahlenden Morgen: „Die güldene Sonne voll Freud' und Wonne...” habe ich still vor mich hergesummt und ich hätte es wieder so froh und laut singen mögen, wie wir es früher schon gemeinsam getan haben. Die kleinen Blumen im Park, die ihre Köpfchen während der Nacht herunterhängen ließen, öffneten sich jetzt den ersten Sonnenstrahlen. Ich kam an der Bank vorüber, auf der wir vorigen Sommer einmal gesessen haben und Pläne geschmiedet haben für den Bau unserer Familie und die Errichtung unseres Heims. Vieles ist anders gekommen, als wir damals gedacht haben; der Herrgott fügt alles viel besser für uns, als wir es selbst erträumen. Diese Erkenntnis hat mich so recht froh gemacht an diesem sonnigen Morgen und als ich nachher im stillen Dämmer der Kirche die hl. Messe mitgefeiert hatte, war meine Zuversicht erst recht groß.

Mein Liebster, seitdem Dein Brief vom Fronleichnamsfeste am Sonntagabend zu mir kam, sind meine Gedanken inniger und ständiger bei Dir als je zuvor. Ja, Du hast Recht, nun hat auch

für uns der eigentliche Krieg begonnen, denn was gäbe es noch, was den Einen von uns berührt und nicht zugleich auch den Anderen betrifft? Seitdem ich Dich in ständiger Gefahr, in unmittelbarer Berührung mit dem Geschehen des Krieges weiß, gehen meine Gedanken immer wieder fragend zu Dir hin, wie es Dir wohl in diesem Augenblick ergehen mag. Und wie von selbst formen sich diese Gedanken zum Gebet: „Herr, in Deine Hände befehle ich seine Seele, in Deine Hände befehle ich seinen Geist, in Deine Hände befehle ich seinen Leib; wo wüßte ich ihn besser geborgen als bei Dir? Bleibe bei ihm in allen Gefahren und füge alles was kommen mag zu seinem Heil!” Ach August, zu welcher Inbrunst des Betens befähigt doch die Liebe, wie inständig wird das Flehen, wenn es um den Menschen geht, den man mehr zu lieben vermeint als das eigene Leben. Gib Dich nur immer voll Vertrauen und Zuversicht in mein Gebet hinein und glaube an seine Kraft, die eine Wirklichkeit ist, die wir aus unserem Leben nicht mehr fortdenken können. Wenn schon die guten Wünsche anderer Menschen etwas in unserem Leben bewirken - wir haben einmal gemeinsam gelesen, was Guardini darüber schreibt - wieviel mehr werden es die Gebete vermögen, die ein Vor-Gott-Hintragen all meiner Liebe, all meiner Wünsche und all meiner Sehnsucht sind. Und die Liebe fordert immer noch mehr, sie kann sich nicht mit dem Bisherigen begnügen und fragt immer danach was sie noch mehr für Dich tun kann. Ja ich möchte alles tun, daß mein Leben jede Stunde vor Dir bestehen kann, vor Dir und all dem Schweren, das nun auf dem neuen Platz von

Dir gefordert wird. Liebster, ich danke Dir, daß Du mir mit allem Ernst und aller Offenheit von den neuen Gegebenheiten Deines jetzigen Lebens berichtet hast. Das Wissen um die Wirklichkeit ist für mich viel leichter zu ertragen, - selbst wenn diese Wirklichkeit eine schwere und ernste ist - als das Tasten der eigenen Gedanken im Dunkel der Ungewißheit. Und wir wissen doch voneinander um unsere Bereitschaft, alles miteinander und füreinander zu tragen, Glück und Schmerz, Freude und Leid.

Es ist gut, daß wir in den Tagen des Zusammenseins, in denen wir das ganze Glück unserer Gemeinsamkeit verkosten durften, immer wieder von der Bewährung gesprochen haben, die unser noch wartet, und daß wir uns gemeinsam darauf ausgerichtet haben. Du mein August, wir wollen mit ganzer Bereitschaft und vertrauender Zuversicht in diese Zeit der Bewährung hineingehen. Mein Vertrauen und meine Zuversicht sind so groß, daß ich garnicht recht traurig sein kann. Und wie gut ist es gerade jetzt, daß ich unser Kindlein, Leben von Deinem Leben, in mir tragen darf. Wenn doch hie und da einmal eine dunkle Stunde kommt, - und daß sie zuweilen kommen, will ich Dir garnicht verhehlen - dann ist es die Verantwortung für sein kleines Leben, die mich die trüben Gedanken, - die fast wie Versuchungen sein können, - leichter überwinden läßt. Denn es soll doch nicht durch meine Schuld den Stempel der Schwermut aufgedrückt bekommen, noch ehe es das Licht der Welt erblickt. Nein, ich will so viel an mir liegt alles Licht und alle Wärme in sein kleines Herzchen strahlen lassen. Und gesundheitlich geht

es mir so gut, wie ich es mir nur wünschen kann; schon aus Dankbarkeit dafür muß ich froh und heiter bleiben. Alle Leute sagen, ich habe noch nie so gut ausgesehen wie jetzt, und sie haben kein Unrecht damit. Unsere Mütter meinen natürlich mir alle Sorge und Schonung antun zu müssen, ein Glück daß ich ihrer Sorge nicht allzu oft ausgesetzt bin. Und doch tut es in dieser Zeit so gut, das Wohlwollen und die Besorgnis der nächsten Menschen zu spüren, da der Allernächste es nur aus der Ferne bekunden kann. - Am Sonntag war ich mit Deinen Eltern bei Heinrich in Leverkusen, um seinem Junggesellenhaushalt ein wenig unter die Arme zu greifen. Es war ein recht guter Tag und bei heiterem Gespräch konnte man das schlechte Wetter vergessen, das immer ein wenig bedrückend auf mich wirkt. Mit meinen wenigen freien Tagen und Stunden gehe ich immer recht knauserig um, am liebsten bliebe ich immer für mich allein in unserem Heim würde in langen Briefen mit Dir plaudern oder ginge bei schönem Wetter hinaus in die Natur. Aber es wäre nicht recht, so ein Einsiedlerleben zu führen, das nur den eigenen Wünschen entspricht, wir sind als Menschen in die Gemeinschaft der Familie und des Volkes hineingestellt und müssen auch ihr gerecht zu werden versuchen.

Liebster, allzu schnell ist die stille Stunde mit Dir beendet. Sei frohgemut wie ich es auch bin, trotz allem Schweren, das nun an Dich herantreten mag. Denke stets, daß ich mit meinen Gedanken und meinem Beten bei Dir bin, daß Du nie mehr allein zu stehen brauchst, denn dazu bin ich doch, jetzt noch inniger denn je

Deine Marga.