Marga Broil an ihren Mann August, 27. Juni 1944
Wittlich, den 27. Juni 1944.
Mein lieber August,
nun bin ich wieder hier an dem lieben Ort, wo wir beide im vorigen Herbst so schöne Tage verlebt haben; wo mich so viele Wege daran erinnern, wie schön es war, als wir zusammen hier waren. Bei strahlendem Sonnenschein bin ich gestern hierher gefahren - das Fortkommen vom Büro war wieder ein kleiner Gewaltakt - und habe wohl den hier so lange erwarteten Regen von Köln mitgebracht. Jetzt sitze ich am Fenster in dem kleinen Zimmer, wo wir gemeinsam unsere Mahlzeiten gehalten haben und so manches Wort und Zeichen der Liebe wechselten. Ich schaue hinaus in die blühende Linde, auf die ein leiser Regen niedergeht und weiß garnicht, was ich zuerst aufschreiben soll von all dem, was ich Dir sagen möchte. Mein Herz hat immer so viel aufgespeichert für Dich, wenn ich ein paar Tage nicht schreiben konnte, daß sich das Wort nicht so leicht findet, um es auszusagen.
Wie habe ich mich darauf gefreut, hier ein paar stille Tage verleben zu dürfen, alle Hast und Unruhe der Stadt hinter mir zu lassen, damit es wieder ganz still in mir werden kann. Ich habe die Stille jetzt besonders nötig, denn in ihr kann ich doch all das, was ich unserem Kindlein an Gutem und Schönem mitgeben möchte für sein Leben, am besten entfalten. Und wenn es ganz still in mir ist, wenn ich gleichsam die Türe verschlossen habe gegen alles, was da von außen hereindrängen will, dann bin ich Dir am allernächsten. Liebster, so nahe, daß es mir scheint, die Gedanken vermöchten auch die körperliche Trennung, die Ferne, die zwischen
uns liegt, überwinden. Ich glaube, daß ich mich hier dieser Stille wirklich hingeben kann, Tante Parmena hat sich gleich als ich ankam entschuldigt, daß sie sich mir nicht viel widmen könne; Oma stellt auch keine allzu großen Ansprüche an mich. Zum Schlafen bin ich ausquartiert worden in ein kleines, nettes Stübchen, weißt Du in dem Möbelgeschäft auf der Hauptstraße, kurz vor dem Kloster. Das ist mir sehr lieb so, denn ich bin dort nicht so abhängig wie im Kloster. Gestern nachmittag habe ich mit Oma eine Rundreise durch die Stadt gemacht, um nach Säuglingswäsche Ausschau zu halten. Weißt Du noch wie wir voriges Jahr hier unsere ersten gemeinsamen Einkäufe gemacht haben? Die einzelnen Geschäfte erinnern mich daran, was wir damals miteinander gesprochen haben; wir hätten dabei wohl beide nicht gedacht, daß ich heute schon mit unserem Kindlein unter dem Herzen die gleichen Wege machen würde. Ich habe bis jetzt wenig Erfolg bei meinen Bemühungen gehabt, umso eifriger will ich mich in diesen Tagen darangeben selbst etwas fertig zu bringen. Deine Mutter hat mir Garn besorgen können, wozu ich allerdings Deinen Zigarettenbestand angreifen mußte; aber da bist Du doch sicher mit einverstanden. -
Vom Kindergarten nebenan dringen helle Stimmchen zu mir herüber, weißt Du noch, wie wir lachend einen Ferienaufenthalt unserer künftigen Familie in Wittlich geplant haben, wobei wir unsere Kinder dort lassen wollten, um selbst etwas weiter in der schönen Umgebung herumschweifen zu können. Immer wieder suchen die Gedanken in dieses „Später” „nach dem Kriege” „wenn wir immer zusammen sein können” vorzudringen und alles ist darauf ausgerichtet. Manch-
mal meine ich es schon mit Händen greifen zu können, das ersehnte dauernde Zusammenleben mit Dir; doch dann kommen wieder Stunden in denen die Geschehnisse des Krieges mich hart bedrücken, da es mir in unerreichbare Fernen entrückt zu sein scheint. Doch das Sehnen, Wünschen und Träumen in die erhoffte gemeinsame Zukunft ist stärker als alle Bedrückung und ihre hellen frohen Bilder löschen die düstern aus.
Eben komme ich von einem feinen Gang zurück. Es wird mir eine besondere Freude sein in diesen Tagen all die vielen stillen Winkel aufzusuchen und die Wege zu gehen, die uns im vorigen Jahr zusammen gesehen haben. Wie wird da das gemeinsame Erleben wieder wach! Ich bin wieder den kleinen stillen Pfad durch die Gärten an der Lieser gegangen. Es duftete mir daraus entgegen von der Pracht der Rosen und Nelken und die Tausendschön in ihren bunten Farben gaben ihnen ein so frohes Bild. Ich meinte Deine liebe Stimme wieder zu hören und erinnere mich an den einzelnen Stellen genau was du damals zu mir gesprochen hast; wie Du an der Wegbiegung mir die Nadeln hieltest, damit ich die Haare, die der Wind so zerzaust hatte, wieder ordentliche aufstecken konnte. Durch die Wiesen am Ufer der Lieser bin ich wieder gekommen, wo wir die kleinen Birnen aufgelesen haben und ich sehe Dich wieder das Messer zücken, um erst alles Schlechte zu entfernen ehe Du mir die guten Stücke lachend in den Mund schiebst. Und dann habe ich wieder in der „Wildnis” auf dem großen Stein gesessen und an all das gedacht, was uns die Sonntagsmorgenstunde doch geschenkt hat. Wie glücklich hat es uns gemacht, daß wir uns da so gut sein durften
und ich habe das alles in der Erinnerung noch mal erlebt und ich hätte es unser Kindlein so gerne wissen lassen mögen: schau, wie lieb Deine Eltern einander haben. Weißt Du noch wie das kleine Wiesel plötzlich vor uns hersprang? Lange habe ich dort auf dem Stein gesessen dem Plätschern des Wasserfalls gelauscht und dabei die Gedanken in die Erinnerung schweifen lassen. Auf dem Rückweg war ich ein wenig müde, die Füße wollen doch nicht mehr so leicht den Dienst für uns beide, das Kindlein und mich, versehen. Ach wie hätte ich mir gewünscht auf dem stillen Weg Deinen Arm nehmen zu können, Deine starke Nähe zu spüren, auf die ich vertrauen kann. Ich hätte so gerne meinen Kopf an Deine Schulter gelehnt und mich so ganz bei Dir geborgen gewußt. Sieh' Liebster, so ist die Gegenwart, mein Tun und Wirken darin, mein Sehnen, Wünschen und Träumen, getragen und erfüllt von dem gemeinsamen Erleben der früheren Tage - von vergangenen Tagen kann ich nicht sprechen, denn zu lebendig greifen sie ins Heute hinein - und ist ausgerichtet auf das künftige, gemeinsame Leben, dem all unsere Sehnsucht und mein innigstes Verlangen gilt. Wenn die Geschehnisse des Krieges dieses künftige Leben allzu sehr in Frage stellen, ist mir das pochende Leben unseres Kindleins die schönste Bestätigung und wie eine von all dem Druck befreiende Garantie dafür. Ja, mein August wir wollen uns dessen freuen und nichts soll uns diese Freude nehmen können. Die Tage hier werden meine Gedanken und mein Herz sicher ganz frei machen und ich freue mich darauf öfter und ungestörter bei Dir verweilen zu können als in den Tagen des Alltags. Für heute gute Nacht, Du mein Lieber, Guter. Morgen komme ich wieder zu Dir.
Deine Marga.