Marga Broil an ihren Mann August, 29. Juni 1944

Wittlich, am Fest Peter + Paul.

Mein lieber August,

hier im Garten in der kleinen Laube habe ich ein stilles Plätzchen gefunden, wo ich mit Dir zusammen sein kann, wo keine Laute und Blicke der Menschen uns stören und nur die Blumen zu uns herüberschauen. So in der Stille mit Dir zusammen zu sein, das ist meine schönste „Freizeitgestaltung” und ich suche mir diese Freude so oft wie möglich zu verschaffen.

Die Glocken läuten zum Festtag der Apostelfürsten und wir wollen diesen Tag wie alle Sonntage und Feste in Gedanken gemeinsam begehen, trotz aller Trennung. Mit einer Rücksichtlosigkeit gegen sich selbst und mit einer Konsequenz bis zum letzten haben die beiden Säulen der Kirche ihr Leben für Christus eingesetzt bis es im Martyrium seine Vollendung fand. Mögen sie uns helfen unseren Platz, auf den der Herr uns gerufen hat, so auszufüllen wie sie den ihren ausgefüllt haben. Wie sie in dem großen Bereich der Kirche und des Heidentums das Reich Gottes errichtet und gehütet haben, so sollen wir es tun in dem kleinen Bereich unseres persönlichen Lebens, unserer Gemeinsamkeit, unserer Familie und der Menschen, die uns gegeben sind. Als ich heute früh in der Klosterkapelle das hl. Opfer mitgefeiert habe, dort, wo wir auch schon gemeinsam gekniet haben, mußte ich zurückdenken an den Peter+Paul-Tag des vergangenen Jahres, wo wir an diesem Morgen nach der großen Heimsuchung der Nacht in der düsteren Krypta von St. Gereon mit der ganzen Familie das Opfer gefeiert haben als Dank für die Errettung des Lebens aus vielfältiger Gefahr und als Bitte um Kraft

in aller Bedrängnis und Not. Ich weiß noch wie sich damals in die Worte des Priesters das unterdrückte Schluchzen der schwer geprüften Menschen mischte, während draußen erneut die Bomben niedergingen. Was ist seit jenem Tag und dem heutigen alles in meinem und unserem Leben geschehen: auf die schönsten, beglückendsten Höhen hat es uns geführt und uns Tiefen erahnen lassen, von denen man zutiefst erzittern muß. Das Menschenherz, das allem in Bereitschaft geöffnet ist, wird von den Gewalten hin und hergezerrt und weiß manchmal nicht, wie es ihrer Herr werden soll. Ja, wir haben allen Grund von einem denkwürdigen Jahr zu sprechen; der Reichtum seines Erlebens genügte, ein ganzes Menschenleben auszufüllen. Und wie schön ist es doch, daß wir nach diesem Jahr sagen können, daß gerade die Vielfalt des Erlebens, das gemeinsame Tragen von Glück und Schmerz, Freude und Sorge umeinander, unsere Herzen einander so nahe gebracht hat. Am Ende all unserer Überlegungen, die Rückschau halten, muß doch immer der Dank an den Herrn stehen, der alles so gut für uns gefügt hat, und unser Dank soll aus all unserem Tun hervorgehen, nicht zuletzt im Vertrauen und der Zuversicht für die kommende Zeit.

Die Sonne meint es heute so gut mit mir, es ist so wonnig den Leib mit all seinen Gliedern ihren wärmenden, belebenden Strahlen auszusetzen. Ich bin die Straße unter den alten Kastanien heraufgegangen, wo wir voriges Jahr uns das Geheimnis des Lebens der kleinen braunen Früchte erschlossen haben, durch die Wiesen und Felder bis auf die Höhe, wo der Bunker in all dem Frieden der Natur an die Furchtbarkeit des Krieges erinnert. Voriges Jahr hast Du

ihn Dir genau betrachtet; heute bist Du vielleicht schon selbst in unmittelbare Berührung mit all dem grauenhaften Geschehen gekommen, wer weiß, ob Du nicht schon irgendwie Schaden dadurch erlitten hast, wer weiß .... ach das Herz muß sich immer wieder wehren gegen all die Gedanken, die so furchtbare Möglichkeiten erwägen können. Ich habe mich dann eine Weile auf der Wiese über der Hecke niedergelassen, wo wir am ersten Tag unseres Hierseins im Gras gelegen haben und wie mir da die Erinnerung an all das gemeinsame Erleben an dieser Stelle kam und die Sehnsucht danach, da konnte ich die Tränen nicht mehr länger zurückdämmen. Ganz ausgestreckt habe ich da gelegen, das heiße Gesicht ins kühle Gras gepreßt. Doch bald wurde mein Herz wieder ruhig und beim Abstieg zu der kleinen Kapelle, der ein wenig beschwerlich für mich war, da mir die stützende Hand von damals fehlte, fand ich auf dem Heimweg das Frohsein wieder.

Eben habe ich einen Rundgang durch den Garten gemacht und dabei meine Generalerlaubnis, alles Reife + Eßbare in den Mund zu stecken recht ergiebig an den Johannisbeersträuchern ausgenutzt. Es war dies das erste Mal in diesem Jahr, daß ich mich nach Herzenslust am Obst ergötzen konnte. Wie hätte ich mir gewünscht, Dir von den reifen, roten Trauben in den Mund schieben zu können. Das ist doch der Wunsch bei jeder kleinen und großen Freude, bei jedem schönen Erleben, daß Du es mit mir teilen möchtest, denn darin würde alles erst zur schönsten Freude gesteigert werden.

Tante Parmena hat mir gestern abend einen feinen Strauß kleiner, roter Rosen geschenkt. Ich habe sie mit auf mein Stübchen genommen

und erfreue mich in diesen letzten Tagen des Rosenmonates daran. Als ich sie mir gestern im sinkenden Licht des Tages betrachtete, kam mir unser liebes Lied in den Sinn: „Die Röslein sind verglommen, verblüht am Bergeshang. Die Nacht ist schon gekommen, uns aber ist nicht bang.” Wann werden wir es wieder gemeinsam singen können, wann werde ich mich an den Blumen erfreuen dürfen, nicht nur um ihrer selbst willen, sondern weil Deine liebe Hand sie mir geschenkt hat? Immer wieder drängen sich solche Fragen auf. Wir wissen es nicht, wir können uns nur bescheiden und warten. Der, der es weiß, wird uns die Freude schenken zur rechten Zeit.

Liebster, Dein letzter Gruß kam von der Fahrt und seitdem weiß ich nichts mehr von Dir, wo Du jetzt stehen magst, wie das Geschehen um Dich her ist und wie es Dir ergeht. Die Nachrichten von Frankreich vor allem aus der Gegend von Cherbourg sind wenig aufmunternd. Ich habe das Kriegsgeschehen noch nie so verfolgt wie in diesen Tagen. Krieg und Kampf, ureigenste Bereiche des Mannes, bewegen erst dann die Gedanken der Frau von Grund auf, wenn sie in ihren heiligen Bereich, des Herzens und der Liebe, eingreifen. Und was vermöchte tiefer darin einzugreifen, als die ständige Bedrohung des liebsten Menschen, mit dem das eigene Leben untrennbar verbunden ist? All diese Fragen, Sorgen und Gedanken gebe ich immer wieder hinein in mein Gebet für Dich. Wie ließen sie sich sonst tragen, wenn diese Kraft fehlte und die Freude auf unser Kindlein mich nicht täglich aufrichtete? So bin ich dankbar, froh und zuversichtlich und bleibe immer

Deine Marga.

Das Blümchen habe ich auf dem Plätzchen hinter der Hecke gepflückt.