Marga Broil an ihren Mann August, 30. Juni 1944
Wittlich, den 30. Juni 44.
Mein lieber August,
komm, setze Dich zu mir auf die stille Bank am Berg in dem jungen Fichtenhain, laß mich Dir wieder so nahe hier sein, wie im vorigen Jahr, als wir einen so sonnenvollen Nachmittag hier verlebt haben. Es ist so wundersam still hier oben, nur der Ruf der Vögel ist vernehmbar und das Rauschen des Windes in den Bäumen. Er zaust die Blätter der kleinen Eiche über meinem Kopfe hin und her, auf deren niedrigen Zweigen Du Dich wie ein übermütiger Junge hochgezogen hast. Doch nachher hast Du Dich wieder ganz still zu mir gesetzt, ich durfte Deinen Kopf in meinen Schoß legen, Dein liebes Antlitz in meine Hände nehmen und Dir alles Liebe tun, wonach ich verlangte. Weißt Du noch wie mich das alles plötzlich so überwältigte, daß ich Dir so ganz aus dem Impuls heraus die Frage stellte: „Weißt Du eigentlich wie lieb ich Dich haben muß, um so zu Dir sein zu können!” Ach, und um wievieles ist seitdem unsere Liebe noch schöner und größer geworden, daß sie mich zu dem beglückenden Erleben unserer Ehe befähigt hat und mein Schoß jetzt die Frucht unserer Liebe, unser Kindlein, bergen darf.
Diese Stelle, die so einsam ist und still, wo niemand uns stört und die Erinnerung uns so reich überkommt, scheint mir so recht dazu angetan zu sein, daß wir einmal miteinander überlegen, welchen Namen wir unserem Kindlein geben. Es wäre ja viel schöner, wenn wir im lebendigen Wort unsere Ansichten einander sagen könnten, da das nicht möglich ist, will ich versuchen es im geschriebenen Wort zu tun. Unsere Überlegungen in den kurzen Stunden unseres Zusam-
menseins am Osterfest gingen dahin, daß wir unserem Kind den Namen einer der großen Heiligengestalten geben wollten, die für unser Volk und Land bedeutsam geworden sind. Der hl. Bonifatius und sein deutscher Name Winfried fand unserer beider Zustimmung. Wenn uns in dieser Zeit, in der unser Volk in tiefster geistiger und äußerer Not steht, ein Junge geschenkt werden sollte, wen könnten wir ihm dann besser zur Seite geben, als Patron und Beispiel, als den großen Apostel der Deutschen, der als Erster das Kreuz in unserer Heimat errichtet hat und dessen Leben uns gemahnt, unserer Berufung und Verantwortung bewußt zu sein, daß es auch weiterhin einen heiligen Ort habe in den Herzen und in dem Land deutscher Menschen. Ich meine wir sollten bei dieser Wahl bleiben.
Bei der Betrachtung des Lebens heiliger deutscher Frauen, deren Namen wir unserem Kind, wenn es ein Mädchen sein sollte, geben könnten, waren wir noch zu keinem rechten Entschluß gekommen, darum wollen wir uns jetzt noch etwas eingehender damit befassen.
Ursula, die Patronin unserer Heimatstadt, deren Zeichen sie in ihrem Wappen führt. Es wäre mir eine besondere Freude, wenn unser Kindlein ihren Namen trüge, als dankbare Erinnerung daran, daß unsere Wege sich im Kreis um St. Ursula, in der Gemeinde um ihr Heiligtum, zum ersten Mal begegneten.
Mathilde, die große deutsche Königin, Mutter Otto des Großen und des hl. Bruno, die so große Verdienste sich um unser Volk erworben hat. Ihr Name hat einen so guten, warmen, fraulichen Klang und gefällt mir darum so gut.
Roswitha, die erste deutsche Dichterin, die in der Stille des Klosters zu Gandersheim ihren Gedanken und ihrer Liebe zu Gott in einer so wunderbaren Sprache und dichterischen Schönheit Ausdruck verlieh, daß wir heute noch darüber staunen müssen. Sie hat sich um die Errichtung von Schulen und die Erziehung der Jugend verdient gemacht.
Hedwig, Fürstin von Schlesien, am äußersten Vorposten des Reiches hat sie als Witwe den Ansturm der Slavenstämme aufgehalten. Ihr Leben gleicht dem ihrer großen Nichte, der hl. Elisabeth, als rechte Mutter des Landes, dem sie mit Liebe und Sorge gedient hat.
Walburga, ihre Lebensgeschichte haben wir Ostern gemeinsam kennengelernt und hat uns ähnliches zu sagen wie das Leben des hl. Bonifatius, da es dem gleichen Ziel diente, freilich auf fraulichen Gebieten, deutsche Menschen für Christus zu gewinnen. Die Größe ihres Lebensbildes könnte uns schon veranlassen, unser Kind nach ihr zu benennen, wenn mir der Name an sich auch nicht so zusagt wie die anderen.
Das Leben all dieser Heiligen ist dazu angetan unserem Kind jenes Frauenbild vor Augen zu stellen, nach dem unsere Zeit so sehr verlangt, wonach es sein eigenes Leben ausrichten kann. Ich habe Dir nur kurz angedeutet was ich von den Einzelnen weiß, aber vielleicht genügt es doch schon, damit Du daraus erkennst, warum meine Wahl darauf fiel. Wenn dieser Brief Dich erreicht, - es wird wohl etwas dauern, - dann überlege doch mal gut und schreibe mir welchen oder welche Namen Du am liebsten haben möchtest. Es ist mir garnicht so recht, daß jetzt in so vielen Dingen die Vor-
schläge zu solchen gemeinsamen Entscheidungen von mir ausgehen müssen und ich denke dabei daran, was Du einmal im Scherz vom Ergreifen der Initiative gesagt hast. Aber die Umstände lassen es jetzt nicht anders zu, der Krieg verlangt eben, daß der größte Teil des inneren und äußeren Wirkens für die Familie von der Frau getragen wird. Wie freue ich mich darauf, all das, was Dir zukommt, einmal in Deine zarten Hände legen zu können, daß unser Tun in voller Gemeinsamkeit geschehe, in Gedanken und Werken.
Die Stunde auf der stillen Bank am Berg war so schön. Während meine Gedanken bei Dir waren, wirkten meine Hände für unser Kindlein. Ja, Du Liebster und unser Kindlein, durch Euch wurde meinem Leben vom Herrn die ganz neue Richtung gegeben, die Sinnerfüllung, die mich so glücklich sein läßt. Nun wird es Abend. Ich gehe wieder den schmalen Wiesenpfad hinunter in die Stadt, wie wir es damals gemeinsam getan, als Du aus einem langen Schweigen heraus zu mir sagtest, daß Du Dir unser künftiges, gemeinsames Leben noch garnicht vorstellen könntest. Ich konnte mir damals Deine Bedenken garnicht erklären, aber inzwischen hast Du mir ja längst gesagt, daß sie sich durch das Glück unseres Erlebens als grundlos erwiesen haben. Mein lieber August, nachdem die Erinnerung wieder so viel Schönes in mir wach gerufen hat, ist meine Sehnsucht so groß, Dir wieder alles Liebe und Gute zu tun wie damals und noch viel viel mehr, alles, wozu uns die Weihe des Sakramentes befähigt hat. Komm, laß mich einen Kuß auf Deine Lippen drücken, laß mich Dir so nahe sein, daß Du das Pochen meines Herzens und das Leben unseres Kindleins spürst und auch jetzt im Alleinsein weißt, daß ich ganz Dein bin,
Deine Marga.