Marga Broil an ihren Mann August, 1. Juli 1944

Wittlich, den 1. Juli 1944.

Mein lieber August,

als ich heute morgen zum Frühstück ins Kloster kam, erwartete mich eine besondere Freude: Deinen Brief v. 24.6. aus Paris hatte mir Frl. Feuser nach hier nachgeschickt. Er ist seit Deinem Gruß von der Fahrt vom 10.6. das erste Lebenszeichen von Dir, das zu mir durchkommt. Die Freude, die mir solch ein Wort von Dir bringt, macht mir den Tag zum Fest und ist wie eine Labung für mein seelisches und körperliches Wohlbefinden. Nun haben meine Gedanken wieder neue Anhaltspunkte, um Dich auf Deinen Fahrten durch das französische Land zu begleiten, auf denen Dir die gegensätzlichsten Dinge begegnen. „Von meinen einsamen Fahrten ohne Dich” schreibst Du mir. Weißt Du, wie sehr mir dies Wort zu Herzen gegangen ist! Es birgt die ganze Härte der Trennung und des Verzichtes, der uns auferlegt ist. Was sind alle äußeren Entbehrungen des Krieges, selbst alle Schrecken der Fliegernächte gegen jene große Bewährungsprobe, die uns in der Trennung voneinander auferlegt ist. Was mir früher eine Selbstverständlichkeit war, in der ich mich recht wohl fühlte, das Einsamsein, die Abgeschlossenheit in sich selbst, sie ist mir jetzt eine Unmöglichkeit, nachdem wir einmal das ganze Glück unseres Einsseins verkostet haben. Wenn nicht die sehnenden Gedanken immer wieder, zu jeder Stunde, die Brücke schlügen über den weiten Raum der Trennung, wie wäre sie dann zu ertragen. Der schönste Trost, der uns geschenkt ist, ist doch unser Kindlein, und wenn es einmal traurig in mir werden will, ob des Fernseins von Dir, dann erinnert es mich mit seinen zuckenden Bewegungen daran, daß ich doch im

letzten garnicht allein, garnicht ohne Dich bin. Dieses unmittelbare Erleben mit unserem Kindlein, das mir über so vieles hinweghilft, bleibt Dir versagt und so wie ich es Dir in den Briefen andeuten kann - von denen ich noch nicht einmal weiß, ob sie Dich erreichen - kannst Du es doch nur erahnen. So muß für Dich das alles noch viel schwerer zu ertragen sein, zumal die direkte Begegnung mit dem Kriegsgeschehen noch dazu kommt. Aber ich weiß, wie sehr Du Dich bemühst damit fertig zu werden und ich bitte den Herrn immer wieder darum, daß Er Dich das Alleinsein überwinden lasse und Dein Herz stets froh mache. Ja, wir müssen sogar von uns aus die Freude suchen, keine leeren, äußeren Freuden, sondern die wahre Freude des Herzens, die ein Gnadengeschenk Gottes ist. Es fällt manchmal nicht so leicht, jederzeit für die Freude bereit zu sein aber ich bemühe mich immer darum, um unseres Kindes willen und bin so dankbar dafür, hier in den stillen Tagen so viele feine Freuden zu finden, die das Erleben der Natur mir schenkt und aus der Tiefe das eigenen Herzens aufsteigen.

Heute nachmittag habe ich wieder einmal Rückblick gehalten und alle Höhen und Tiefen meines Tuns seit der Osterbeichte vor den Herrn getragen. Die Erkenntnis der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit kann mich in solcher Stunde zutiefst erschüttern und ich kann Dir garnicht sagen,was mich das Bekenntnis, der Versuch die verborgensten Beweggründe aufzudecken, manchmal kostet. Heute habe ich wieder so recht erfahren, daß diese erlösende Einrichtung des Herrn, das so viel angefeindete Sakrament unserer Kirche, wirklich Begegnung im Heiligen Geiste ist;

denn die Art, wie der Priester auf mein Bekenntnis einging, die Worte, die er dazu fand, waren ganz das, was ich nötig habe und hätten nicht anders sein können, wenn er meinen Weg schon lange begleitet hätte. Als er auf seine Frage von meiner Sorge um Dich erfuhr, versprach er mir das morgige Sonntagsopfer als Bitte zu begehen, daß der Herrgott Dich mir heil aus allen Gefahren zurückgeben möge. Das ist ja das Anliegen, das mich zutiefst bewegt, und das ich doch nur so selten auszusprechen wage. Die Beichte und die stille Stunde in der alten Pfarrkirche haben mich recht froh gemacht und mit neuer Zuversicht bin ich wieder hinausgegangen.

Am Sonntag, Fest Maria Heimsuchung

Es ist ein rechter Sommertag heute, die Sonne scheint warm und gut vom blauen Himmel und die Luft ist erfüllt vom Duft der vielen blühenden Blumen in den Wiesen. Ich schreite durch ein Ährenfeld. Die Halme, die an der Last der Frucht schon schwer zu tragen haben, reichen mir bis zur Schulter. Der Wind streicht darüber hin und läßt sie in ruhig-wallender Bewegung auf und niederwallen. Er erfaßt auch im Schreiben die weiten Falten meines bunten Kleides, darunter die schönste Frucht geborgen ist, die diese Erde zu tragen vermag: ein neues Menschenkind, unser Kindlein, die vom Herrn gesegnete Frucht unserer Liebe. Ich fühle mich an diesem Sommertag der fruchttragenden Erde so verbunden wie nie zuvor in meinem Leben, da mir die gleiche Berufung zuteil geworden ist wie ihr, nur noch in erhöhter, geheiligter Weise: Träger neuen Lebens zu sein, Werkstatt der immer neu sich vollziehenden

Schöpfertat Gottes. Wie gut konnte ich bei diesem einsamen Gang durch die schöne Gotteswelt das Geheimnis des Festes betrachten, das die Kirche heute begeht und gerade in der letzten zeit meine Gedanken so oft beschäftigt hat. Wird es Maria, der Mutter des Herrn, bei ihrem Gang durch das Gebirge nicht ähnlich zu mute gewesen sein, wird sie nicht die gleiche Freude bewegt haben wie mich heute? Der Besuch der Gottesmutter bei Elisabeth, um ihr in ihrer schweren Stunde beizustehen, offenbart uns ihre ganze menschliche Güte und frauliche Liebenswürdigkeit. Sie kapselt sich nicht, vom Geschehen ihrer Gottesmutterschaft überwältigt, von den Menschen ab, sondern ihr Herz ist erst recht bereit in dienender Liebe ihnen zu begegnen; würdig der unendlichen Liebe, die das göttliche Kind in ihrem Schoße ihnen entgegenbringt. Durch ihren Liebesdienst, durch die Begegnung im Mutterschoße, empfängt der hl. Johannes, „der Größte unter den vom Weibe Geborenen”, seine Heiligung, Segnung und Berufung. Kann es für mich in diesen Tagen und überhaupt für mein Leben als Frau und Mutter ein besseres Vorbild, ein schöneres Ideal geben als Maria? „Den Du o Jungfrau zu Elisabeth getragen hast” beten wir im freudenreichen Rosenkranz, „trage Ihn auch in unser Leben hinein, laß auch das Kindlein in meinem Schoße durch die tägliche Begegnung mit Ihm in der hl. Kommunion Segnung und Heiligung erfahren. Stehe uns bei mit Deiner mütterlichen Liebe und laß auch uns Deiner Heimsuchung teilhaftig werden.”

Mein lieber August, wie wunderbar ist es, wenn die Geschehnisse von Natur und Übernatur ineinandergreifen, der Reichtum der

Empfindungen und Gedanken, die sie in uns bewirken, scheinen mir oft unerschöpflich. Nur ein klein wenig davon konnte ich Dir aufschreiben.

Am 3. Juli. Heute ist es ein halbes Jahr her, daß wir uns am Altar in der Krypta das Ja-Wort fürs Leben gaben und unsere innigste Gemeinschaft ihren Anfang nahm. Sechs Monate hindurch ruht das Kindlein schon unter meinem Herzen. Nun wird es nur noch die Hälfte der vergangenen Zeit dauern bis es sein selbständiges Leben beginnt. Ich spüre fast mit jedem Tag, wie sein kleines Leben und Bewegen zunimmt, wie es der Stunde entgegenreift, da es die Hülle meines Leibes sprengen kann, um seinen eigenen Lebensweg zu beginnen. Ach August, haben wir nicht allen Grund recht froh und dankbar zu sein? Und die Freude war heute so groß in mir, daß ich bei meinem stillen Spaziergang durch Feld und Wald hätte hüpfen und springen mögen; doch da fiel mir ein, daß sich das für mich doch jetzt eigentlich nicht paßt und ich war froh, daß es ringsum niemand gesehen hat.

Als ich heute morgen in den Spiegel sah habe ich festgestellt, daß mich die Sonne schon ziemlich gebräunt hat und die Sommersprossen zahlreicher geworden sind als in den früheren Jahren. Man sagt allgemein mein Gesichtsausdruck habe sich geändert. Mein Liebster, alle Menschen können die Veränderungen feststellen, die unser Kindlein an mir bewirkt hat, nur Du, dem allein das Recht zusteht mich ganz zu besitzen, da ich mich Dir geschenkt habe, Du kannst es nicht, weil Du so fern von mir sein mußt.

Da Du es körperlich nicht miterleben kannst bei unserem ersten Kindlein - wir wollen doch hoffen, daß es uns später einmal vergönnt sein wird das Gleiche in voller, ungeteilter Gemeinsamkeit zu erleben - versuche ich immer wieder Dir in den Briefen etwas davon zu sagen; denn Du hast doch ein Recht darauf es zu erfahren, und es wenigstens in Gedanken nachempfinden kannst.

Gestern war ich mit Tante Parmena in Grünewald, um Tante Christine, die voriges Jahr in Wittlich war, zu besuchen. Es war ein herrlicher Weg und vom Hause aus, das mitten im Wald liegt, hat man einen weiten Blick über die Züge der Eifelhöhen und die Moselberge. Das Grün der Wälder und Wiesen leuchtete in der Sonne in allen Schattierungen. Ich hätte Dir das alles zeigen mögen als ich still ans Fenster gelehnt da stand und hinausschaute. In solchen Augenblicken kann mich die Sehnsucht, die mein Herz lauter schlagen läßt, ganz stark überkommen und ich habe mir gewünscht Deine Hand zu fassen und an mich zu drücken, daß es wieder ruhig werde. In Gedanken tue ich es auch jetzt wieder, da ich im Briefe von Dir Abschied nehme, mit aller Herzlichkeit und Liebe

Deine Marga.

Tante Parmena und Oma lassen Dich herzlich grüßen.