Marga Broil an ihren Mann August, 5. Juli 1944

Wittlich, den 5. Juli 1944.

Mein lieber August,

das war ein recht bewegter Tag gestern in Trier, all die Eindrücke, die eine unbekannte Stadt vermittelt, das Treiben der Geschäftslebens und des Verkehrs, der noch von der Einwirkung des Krieges verschont geblieben ist, das fast lebensgefährliche Gedränge im Zug, das stundenlange Gehen durch die lebhaften Straßen, das alles hatte mich bei der Rückfahrt so müde gemacht, daß ich die Augen kaum noch aufhalten konnte. Ich habe mich still in meine Ecke zurückgelehnt und an unsere gemeinsamen Bahnfahrten gedacht, nach und von Wittlich auf denen wir so viel Gelegenheiten hatten zum Plaudern und Schauen; die stillen Fahrstunden bis Recklinghausen besonders das letzte Mal als Du nach Bremen fuhrst ehe Du wieder kamst, um auf immer mein zu werden; und ich habe mir gewünscht, wieder meinen müden, schmerzenden Kopf an Deine Schulter legen zu können, Deine Hände zu fassen und Dir ganz gut zu sein, während die Dunkelheit uns so barmherzig empfing wie damals. Als ich in Wittlich ankam, hätte ich mich am liebsten gleich ins Bett fallen lassen, aber an der gründlichen abendlichen Wäsche halte ich eisern fest. Schon deshalb bin ich froh nicht im Kloster zu schlafen, weil ich in meinem Quartier so gute Möglichkeit dazu habe. Danach war ich wieder ganz frisch und vor dem Einschlafen konnten meine Gedanken noch lange bei Dir sein. Ich habe jetzt fast jede Nacht die Freude, daß sie auch noch im Schlaf meine Phantasie beschäftigen. Diese Nacht durfte ich Dich im Traum

auf Deinen Fahrten durch das französische Land begleiten und das Glück des Zusammenseins ließ uns alle Grauen des Krieges vergessen, nur dem Schauen der Schönheiten in der Natur geöffnet sein.

Viel Schönes habe ich auf meinem Gang durch Trier gesehen: den alten Dom, dessen wuchtige Fassade mit den schweren Rundbögen ein Gefühl von Ruhe und gelassener Geborgenheit vermittelt. Das Innere war dann ganz anders, als ich es nach dem äußeren Bild vermutet hatte: nicht die einheitliche Linienführung der Romanik empfing mich, jede Zeit hat hier walten können, aber nicht willkürlich, wie ich es in manchen Kirchen bedauernd gefunden habe, sondern jede zeigte auf dem ihr angewiesenen Raum[?] ihre besonderen Reize in klarer Schönheit. So erschien mir dieses Kircheninnere wie eine Symphonie, zu der alle Zeiten und Stile, Romanik, Gotik, Barock und Renesance ihr Bestes hergegeben haben. Der Schmuck der Altäre fiel mir durch besondere Schlichtheit auf und auch die kleine Gnadenkapelle der Mutter Gottes, die in ihrer einfachen Ausgestaltung allen sonst meist üblichen Kitsch angenehm entbehren ließ. - An der starken Mauer des Domes angelehnt erhebt sich gleich daneben die Liebfrauenkirche, deren gotisches Innere in seiner leichten Gestaltung gegen den wuchtigen Raum des Domes fast spielerisch anmutet. Beim Ganz über den Marktplatz und beim Betrachten seiner alten schönen Bauten, wurde ich an unseren gemeinsamen Rundgang durch Bremen erinnert. - Den stärksten Eindruck hat die Mathias-Kirche auf mich gemacht, ein hoher Bau mit weitem

Hochchor, das gleich die frühere Abteikirche erkennen läßt. In einer Seitennische unter tiefgezogenem schweren Rundbogen steht im Halbdunkel von 12 kleinen, roten Ampeln erleuchtet das Marienbild, das der hl. Lucas gemalt haben soll. Dieses Bild zeigt ein Antlitz so zart und fein, soviel Hoheit und Würde und zugleich dienende Hingabe, daß man schon glauben kann, daß die schönste der Frauen, daß die Mutter des Herrn so ausgesehen hat. Der einzige Schmuck dieser kleinen Kapelle bestand in 3 Vasen mit hohen, weißen Lilien, deren eigenartiger Duft den ganzen Raum erfüllt. Wie wohl tat es in der Stille des Raumes - außer mir war niemand mehr in der weiten Kirche - alles, was mein Herz bewegt vor diesem Bild der Mutter zu Füßen legen zu können. Es war mir noch nie im Leben ein so großes Bedürfnis, mich ihr anzuvertrauen wie jetzt.

Heute ist wieder ein so schöner, strahlender Sonnentag und ich bin eine gute Weile durch die Felder und Wiesen gegangen. „Sonne leuchte mir ins Herz hinein, Wind verweh' mir Sorgen und Beschwerden..” Ach, ich kann garnicht anders als froh sein, beim Anblick all der Schönheiten in der Natur, auf meinen stillen Wegen, bei meinen Gedanken an Dich, Liebster, und an unser Kindlein unter meinem Herzen. Jetzt zum Schreiben habe ich mir den Tisch in den Garten gestellt, mitten in das Beet der Rosen und Lilien hinein und ich wünschte ich könnte alle Freude, die in mir ist, mit in diesen Brief für Dich hineingeben.

Seit meinem Hiersein liebäugele ich mit dem Gedanken, jetzt noch einmal unseren unvergeßlichen „M”-Weg zu gehen und

nun mit dem Kindlein unter meinem Herzen all das in Gedanken noch einmal nachzuempfinden, was uns auf unserem gemeinsamen Weg damals geschenkt worden ist. Aber nach den Erfahrungen des gestrigen Tages sehe ich ein, daß ich mir das jetzt doch nicht mehr zutrauen kann, ein wenig Schonung verlangt unser Kindlein doch schon und ihm zu liebe will ich es gerne tun. Es hat ja bisher noch fast garnichts besonderes von mit beansprucht, ich staune immer wieder darüber wie gut es mir ergeht und daß ich so garkeine Beschwerden habe.

Am 6. Juli. Gestern nachmittag war ich mit Tante Parmena im Ort bei einer jungen Familie und habe mich an dem kleinen Buben von 1 Jahr erfreut. Hätte ich jemals geglaubt, daß es mir soviel bedeuten könnte, ein Kind auf den Armen zu tragen? Und jede Bewegung unseres Kindleins unter meinem Herzen sagt mir: bald, bald wird es soweit sein. Und die Freude, sein kleines Leben spüren zu dürfen, wird mir jetzt immer öfter zuteil und was das jedesmal für eine Wonne ist, kann ich Dir garnicht beschreiben. Ich glaube meine täglichen Spaziergänge hier tun unserem Kindlein recht gut, ich wünschte ich könnte es einrichten, daß ich auch zu Hause etwas mehr Bewegung habe, denn das ist uns beiden doch zuträglicher als das dauernde Stillsitzen.

Gestern abend ist noch ein Familienbesuch hier eingetroffen, meine Cousine Marianne, Agnes' Schwester. 10 Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, aber da Agnes so viel zwischen den Familien vermittelt, fiel das Kernenlernen garnicht schwer. Nun wird

es freilich etwas lebhafter um mich werden, wenn sie auch nicht ganz so viel Temperament hat wie Agnes. Aber vielleicht ist ihre Gesellschaft auch ganz gut für mich, denn ich verspüre immer mehr die Gefahr, daß ich mich zu sehr von allen anderen Menschen absperre, daß mir fast die Zeit leid tun will, die ich im Gespräch mit ihnen zubringe und mich immer wieder danach sehne allein zu sein, um mit meinen Gedanken ganz ungestört bei Dir sein zu können. So verständlich das an sich ist, aber ich muß versuchen auch darin Maß zu halten, denn es wäre doch undankbar, immer nur möglichst viel für sich haben zu wollen und alle anderen darüber zu vergessen. Marianne hat die gleiche offene Art wie Agnes und hat mir gleich beim ersten Spaziergang von sich und ihrem Mann erzählt. Es ist doch etwas wunderbares die Liebe, wie vielfältig und unterschiedlich ihr [..] über die Menschen kommt, wie sie sich in jedem Menschenherzen anders entfaltet und doch alle mit dem höchsten Glück erfüllt. Das Glück das uns gleich zu Beginn unserer Ehe durch unser Kindlein geschenkt wurde, ist Marianne - sie hat 1 Jahr vor uns geheiratet - bisher versagt geblieben. „Ich möchte platzen vor Neid” sagt sie mir in ihrer kindlich-offenen Art. Auch eine andere junge Frau ist mir hier begegnet, die sich so sehnlich ein Kindlein wünscht. Ich frage mich dann jedesmal, womit wir das verdient haben, daß uns unser Wunsch schon so bald erfüllt worden ist. Aber alles Große und Schöne können wir uns ja garnicht verdienen, es ist Gnade, Geschenk, und was ist uns in unserem Leben Höheres geschenkt worden, als das Geschenk

unserer Liebe, das nun in unserem Kindlein die schönste Erfüllung findet? Ach Liebster, laßt uns dafür immer wieder von ganzem Herzen dankbar sein.

Nun sind meine Tage hier gezählt. Samstag geht's wieder heimwärts. Ich werde die Stunden noch so gut wie möglich ausnutzen, daß wir alle drei etwas davon haben, wir drei, die wir in der Liebe so ganz eins sind: Du mein lieber August, ich und unser Kindlein. Ich denke ganz fest an Dich, Liebster, und bin ganz

Deine Marga.

Lieber August!

Komisch, daß ich Dich mit „Du” anreden soll, solch einen fremden Mann! Aber wir sind ja nun verwandt. Also, ohne Hemmungen: August und Du.

Ich habe mich sehr gefreut, daß ich Marga hier antraf. Ich kannte sie gar nicht mehr. Natürlich haben wir uns viel zu erzählen und werden die Zeit mit gemeinsamen Spaziergängen nutzen.

Herzlichst grüßt Dich

Deine Cuisine Marianne