Marga Broil an ihren Mann August, 7. Juli 1944
Wittlich, den 7. Juli 1944.
Mein Liebster,
gestern war wieder ein so wunderschöner Tag, der mich so von Herzen froh gemacht hat und ich weiß garnicht wie ich Dir davon erzählen soll, damit Du recht viel von der Freude mitbekommen kannst. Bei strahlendem Sonnenschein bin ich mit Marianne den Lieserpfad gegangen, erst durch das Tal und dann in den Wald hoch den Berg hinauf, weißt Du, wo es so ganz still ist, wo wir beide auf dem Holzstoß beieinander gesessen haben und das Röhren der Hirsche hörten. Jeder Schritt war mir so vertraut, als ob es erst gestern gewesen wäre, daß wir ihn gegangen sind und ich war recht dankbar dafür, daß Marianne ein so schweigsamer Begleiter war. Ich habe die Stelle wieder gefunden, wo ich am Weg im Gras gesessen habe während Du am Abhang Brombeeren gesucht hast. Dann fiel der Weg in Serpentinen wieder zum Flüßchen ab und wir standen lange auf der kleinen Brücke über dem Wasserfall, der mit seinem Rauschen den ganzen stillen Raum erfüllte. Auch den steilen Abhang bin ich wieder heraufgeklettert, bei dem es mir damals schwindlig geworden ist und ich war ein wenig stolz auf diese „Leistung”. Auf den Wiesen der anderen Uferseite luden die Bauern das Heu auf, der Ruch davon begleitete uns noch lange. An der Straßenbiegung stiegen wir den steilen, steinigen Pfad durch den Fichtenwald hinauf, wo ich damals vor lauter Freude ein Lied nach dem anderen vor mich hingesungen habe u. a. „Sitzt a kleiner Vogel im Tannenwald” ach, und ich weiß noch so gut, was Du dabei zu mir gesagt hast. Dann waren wir bald auf dem
„Jaköbchen” und lange haben wir da auf dem weichen Waldboden gelagert und meine Gedanken gingen dabei zurück zu der Stunde, wo wir da miteinander gelegen haben und es so schön war. Der Wald, die Felder und Berge hier, das alles läßt mich so froh sein, aber es ist doch doppelt schön, weil die Wege und stillen Orte mich an unser gemeinsames Erleben erinnern.
Nun gehe ich sie alle noch einmal, wieder bin ich nicht alleine, denn unser Kindlein ist ja überall bei mir und teilt alle meine Freude und so gerne möchten wir auch Dir etwas davon mitgeben können. Das Wandern hier durch die schöne Gotteswelt ist die einzige Form des „Nichtstuns”, die ich mir erlaube, für die mir keine Stunde zu schade ist. Als es in den letzten Tagen regnete und ich von Tante Parmena u. Oma überall mit meiner Strickerei angetroffen wurde, hieß es immer „Du tust zu viel”, aber die wissen ja garnicht wieviel Freude es mir macht.
Vom Jaköbchen aus sind wir über den anderen Berg nach Grünewald gegangen und sind dann so ins Blaue hinein durch den Wald. Das ist besonders schön, so ganz ohne Ziel, nur um zu schauen und sich an der Natur zu erfreuen. Oft habe ich mich am Wegrand gebückt, um die kleinen roten Walderdbeerchen zu pflücken, die in rauhen Mengen da standen.
Wenn ich nach solch einem Tag wohlig müde vom Gehen, den Leib vollgesogen von Sonne und das Herz voll Freude im Bett liege, dann überdenke ich noch einmal all das Schöne und erzähle es Dir. Die Schönheit und Tiefe dieser gedanklichen Zwiesprache läßt sich im Brief garnicht wiedergeben. Und wenn ich dem Herrn dann
für all das Schöne Dank sage, bitte ich ihn darum, daß Er auch Dir an jedem Tag ein Freudenlichtlein brennen lassen möge, und wenn es auch nur ein ganz kleines ist, daß es Dein Herz hell mache und froh. Und ich meine immer, wenn ich einen so guten Tag hinter mir habe, dann könnte er auch für Dich nicht ganz dunkel gewesen sein, irgend etwas davon müßte durch all mein Denken auf Dich übergegangen sein. Und wenn ich manchmal so mitten im Alltag eine Freude in mir verspüre, die ich mir nicht zu erklären weiß, dann denke ich mir, Dir müsse sicher an diesem Tag etwas Gutes begegnet sein, daß auf mich übergeht. Wenn uns auch die Gemeinsamkeit des Erlebens durch die Trennung des Raumes nicht möglich ist, die Gemeinsamkeit des Denkens und Empfindens kann durch nichts gestört werden.
Meinen 23. Geburtstag habe ich heute mit einer stillen Stunde in der Kapelle begonnen. Ich hatte mich verfrüht und dadurch Gelegenheit noch bevor ein anderer in das kleine Gotteshaus kam mit dem Herrn Rückblick zu halten auf das verflossene Jahr und Ausblick auf das kommende, zu dem uns ja solch ein Tag veranlaßt. Was kann uns dabei anderes bewegen als Dank und Freude? Wie schön wird es einmal werden, Du mein Liebster, wenn wir diese Tage einmal in unserer Familie gemeinsam gestalten werden. Alles Tun und Denken der gegenwärtigen Trennung blickt in dieses erwünschte und ersehnte „Später” hinüber. Du, wir wollen die Hoffnung darauf immer in uns lebendig halten damit wir froh und stark bis dahin auszuharren vermögen.
Heute morgen habe ich wieder unter den Apfelbäumen gestanden, wo wir voriges Jahr so froh Ernte gehalten haben. Ach August, die Tage hier könnten nicht halb so schön sein, wenn mir nicht auf Schritt und Tritt die Erinnerung an unsere gemeinsamen Erlebnisse wach gerufen würde. Es war noch sehr früh, als wir dann weiter in den Wald gingen. Die Blätter des Buchenwaldes glänzten so schön in der Morgensonne doch die dichten Fichten ließen nur hier und da einen Strahl durch. Marianne ist mir ein recht guter Begleiter auf all den schönen Wegen, wir plaudern recht vergnügt miteinander, können aber auch eine ganze Strecke schweigend nebeneinander hergehen; Du weißt ja wie gerne ich das habe. Marianne kommt mir mit kindlicher Offenheit entgegen und doch weiß sie sehr gut die persönlichen Geheimnisse zu wahren. Das gefällt mir so gut an ihr, denn ich kann es nie verstehen, wenn so viele junge Frauen, die mir begegnet sind, die schönsten Geheimnisse ihrer Ehe preisgeben und darüber reden können wie über die gewöhnlichsten Geschehnisse des Tages. Mir kommt das immer wie eine Treulosigkeit dem Manne gegenüber vor und ich bin schon mal versucht die Frage zu stellen: Wenn ihr Mann dabei wäre, würden sie mir das dann auch erzählen? Mein lieber August, wir haben so viel wunderschöne, stille Wege gefunden auf unseren Streifzügen durch das sommerliche Land hier, so viel lauschige Pfade, die dicht bewachsen sind und selten begangen werden. Die Wiesen mit all den vielen Blumen strahlen die Wärme der Sonne wider und das Wasser der Lieser springt so lustig über die großen Steine. Wenn man den lustigen
Wellen so zuschaut, kommt das Verlangen über mich, mal wieder so im Wasser herumtollen zu können wie früher auf den Fahrten, aber dann denk ich wieder: „Du bist doch kein kleines Mädchen mehr!” Gesicht und Arme haben in der Sonne der letzten Tage eine ganz schöne Farbe angenommen und ich fühle mich so wohl und bin so froh wie lange nicht mehr. Unserem Kindlein werden die Tage hier gewiß auch gut getan haben. Es hat durch die Geschehnisse des Krieges schon so viel ernste, traurige Eindrücke mitbekommen, daß ich für jede Freude, die mir begegnet, um seinetwillen besonders dankbar bin. Eben in der Mittagszeit, als es zum Laufen zu heiß war, haben wir uns in einen Fichtenwald gelegt. Es ist so schön sich auf dem weichen Waldboden auszustrecken, über sich das Grün der Bäume und den blauen Himmel, woran nur hier und da ein kleines weißes Wölkchen vorüberzieht. „Zum Blauhimmel hin wo ein Wölklein zieht, wie ein Wollgrasflöckchen so leicht und mein Herz es singt ein leises Lied, das auch zum Himmel steigt.” Die Worte des Liedes kamen mir in den Sinn, als ich lange träumend in den Himmel schaute. Der gleiche blaue Himmel wölbt sich über Dir, Du mein Liebster, er spannt den Bogen von Dir zu mir, von mir zu Dir über alle Trennung hinweg. Und ich wünschte, wenn Du zu ihm aufschaust könntest Du um alles wissen, was ich in den stillen Stunden erdacht und erträumt habe. Nur noch einen Tag werde ich die Freude der schönen Landschaft, der Stille und des Alleinseins hier verkosten dürfen. Aber es ist jetzt eine so schöne Ruhe und Ausgeglichenheit in mir, daß
ich sie gewiß auch mit in den Alltag mitnehmen werde. Ich freue mich auf das nach-Hause-Kommen, weil ich hoffe, daß mich daheim ein Brief von Dir erwartet, der mir wieder etwas von Dir erzählt; denn ich warte doch darauf von Tag zu Tag. Morgens in der Frühe werde ich hier vom Lied der vorbeiziehenden Soldaten geweckt und abends höre ich von der Kaserne her den Zapfenstreich blasen. Lange Zeit stand auch Dein Leben in diesem äußeren Rahmen, wie mag es jetzt wohl sein? Ach August, so oft stelle ich mir die Frage und doch finde ich keine rechte Antwort darauf, immer wieder muß ich mich gedulden und warten. Wenn die Sonne so heiß vom Himmel scheint oder der Regen den Boden aufgeweicht hat, dann denke ich daran, ob Du den Unbilden des Wetters wohl ausgesetzt bist und wie Du mit all dem fertig wirst. Wenn ich mittags gesättigt vom Tisch aufstehe dann ist mein erster Gedanke, ob Du wohl auch keinen Hunger zu leiden brauchst. Auch die kleinsten Verrichtungen des Tages lenken meine Gedanken zu Dir hin, Liebster, und lassen das Sehnen in mir größer werden, etwas Gutes für Dich tun zu können, für Dich sorgen zu dürfen und alle Entbehrungen und Not von Dir fern zu halten. Jetzt kann es nur in Gedanken geschehen, aber wir wollen uns jetzt schon auf die Zeit freuen, da all das Verlangen Wirklichkeit werden wird, nicht nur für kurze Zeit, wie bisher, sondern für unser ganzes gemeinsames Leben. Liebster, ich reiche Dir wieder meine Hände und lasse sie lange in Deinen guten Händen ruhn, damit Du mein Verlangen spürst, was ich Dir Liebes tun und sagen möchte.
Deine Marga.