Marga Broil an ihren Mann August, 11. Juli 1944

Köln, den 11. Juli 1944.

Mein lieber August,

nun bin ich wieder daheim, zu Hause in unserem kleinen Reich und habe mir so viel Freude, Ruhe und neue Kraft aus den stillen Ferientagen mitgebracht. Es war eine gute Fahrt durch das schöne Eifelland: die Wälder und Wiesen, die feuchttragenden Felder, die kleinen Ortschaften mit den grauen Schieferdächern, die sich um die Spitze des Kirchturms scharen, das alles hat dem Auge ein so trauliches, friedliches Bild, daß mir die Zeit viel zu schnell verging. Ich dachte daran, wie wir voriges Jahr auf der Heimfahrt über die Eindrücke sprachen, die uns die Landschaft vermittelt. Wie das gepflügte Feld, die offenen, bereiten Ackerschollen mir wie ein Gleichnis waren für [..] Geschehen in mir, das Öffnen und Bereiten für Dich in bräutlicher Liebe. Heute lassen sich noch tiefere, engere Beziehungen erahnen zwischen mir und dem sommerlichen Land da draußen. Die reifenden Kornfelder sind mir so schwesterlich vertraut, ihr Auf- und Niederwogen ist eine der vielen Stimmen im Lobgesang der Schöpfung: „Wir sagen Dir Dank ob Deiner großen Herrlichkeit!” Und ich bin mir froh bewußt, daß das Geheimnis, das ich jetzt tragen darf, das Wachsen des neuen Menschenlebens in mir, eine jener Stimmen im Chor der Schöpfung ist, durch die der große Gesang erhöht und verschönt wird.

So bin ich reich beschenkt mit Freuden und innerer Ruhe aus dem Erleben in Gottes schöner Natur heimgekehrt. Und zu Hause erwartete mich gleich wieder eine große Freude, die einzige, die ich lange entbehren mußte: Deine Briefe, gleich 5 auf einmal, 2 davon waren fast 4 Wochen unterwegs und hatten sich gerade richtig zu meinem

Empfang eingestellt. Ich habe das Päckchen, das ich dem Briefkasten entnahm, mit einer Innigkeit an mein Herz gedrückt, als sei es ein Stück von Dir. Ja, und das sind ja die Briefe auch, ein immer neues Schenken und Hingeben an den anderen, an das Du, dem die Liebe gilt. Ich habe dann zunächst die Fenster weit aufgemacht, daß die frische Abendluft hereinströmen konnte und den Staub weggeputzt, der sich in den 14 Tagen breit gemacht hatte. Dann habe ich mich in den Sessel vor dem Schreibtisch gesetzt und dann bist Du zu mir gekommen, Liebster, und hast mir mit Deinen Briefen eine Empfangsstunde bereitet, so wunderbar schön, daß ich in meinem Innern Dir immer wieder zurufen mußte: Ich danke Dir. Wie jede gute Gabe uns nach langer Entbehrung doppelt wohl tut, so erging es mir auch mit Deinen Briefen. Wie tief sind sie alle in mich eingegangen, die lieben und guten Worte, die Du aus Deinem Innern für mich hervorgeholt hast. Alle Müdigkeit der Reise habe ich darüber vergessen und mußte immer wieder lesen, was Du mir sagen wolltest. Könnte ich doch das, was Du damit in mir bewirkt hast, in seiner ganzen Schönheit im Brief offenbar werden lassen. So vieles möchte ich Dir darauf erwidern, aber die ersten Tage fordern mich so stark ein, daß ich heute nicht mehr damit beginnen kann. So nimm für jetzt mit diesen kurzen Worten vorlieb, sie seien Dir ein Zeichen meines steten Gedenkens an Dich, Du mein Liebster, der Du mich und unser Kindlein durch Deine Liebe so froh und glücklich machst

Deine Marga.