Marga Broil an ihren Mann August, 12. Juli 1944
All mein Gedanken, die ich hab, die sind bei Dir.
Köln, den 12. Juli 1944.
Mein lieber August,
der Alltag mit seinen vielfältigen Forderungen hat nun wieder begonnen, aber diesmal brauche ich die freien Tage im Büro nicht zu büßen, da Frl. Feuser in meiner Abwesenheit so gut gewirkt hat. Du müßtest sehen wieviel Mühe sie sich gibt, um mich so viel wie möglich zu entlasten. Ich habe sie heute in Ferien geschickt, denn jetzt kann ich die Sache noch gut allein bewältigen. Ach, alle Menschen sind so gut zu mit, das habe ich in Wittlich so wohl empfunden und nun, da ich wieder zu Hause bin, ist es genau so. Ich habe manchmal ein ganz schlechtes Gewissen, wenn sie so lieb zu mir sind, denn verdient habe ich das bestimmt nicht. Zu Hause war gestern abend die Freude groß, daß ich wieder da bin. Seitdem die drei Kleinen weg sind ist es recht einsam und still um die Eltern geworden und Mutter richtet umso mehr ihre Sorge auf mich und unser Kindlein. Sie ist fast täglich auf der Suche nach den Dingen, die ich nötig habe und hat schon manches kleine Teil für unser Kindlein selbst gemacht. Gestern ist Dein Brief v. 12.6. bei den Eltern angekommen. Die Freude, mit der Mutter mir erzählte was Du geschrieben hast, hat mir bestätigt, daß sie Dich doch recht lieb gewonnen hat, und Vaters erste Frage, wenn ich nach Hause komme, gilt Dir. In Bayenthal muß ich jetzt ab und zu mal nach dem Rechten sehen, die ganze Familie ist ja nach Amelunxen ausgeflogen; das wird den Eltern gut tun. Von Leni erfuhr ich eben, daß Bruno wieder in Rußland ist.
Er wurde von seiner alten Einheit, die im Mittelabschnitt liegt, angefordert. - Ich wollte Dir aber noch weiter davon erzählen, wie gut alle zu mir sind. Die Schwestern im Kloster haben gemerkt, daß ich in der letzten Zeit sehr wenig esse - mein anfänglicher Heißhunger ist ins Gegenteil umgeschlagen, ich muß mich jetzt zum Essen zwingen, nur Obst esse ich gerne - und seitdem sie wissen, daß ich ein Kindlein trage, versuchen sie mir etwas besonderes zuzuschustern. Jetzt gehe ich immer schon früher als die anderen und bekomme statt der Gemeinschaftsverpflegung immer das beste, was sie auftreiben können. Diese Güte der anderen Menschen verpflichtet doch, auch allen mit viel Liebe zu begegnen und es ist mir jetzt oft ein richtiges Bedürfnis anderen Gutes zu tun.
Heute mittag war ich auf dem Bahnhof ein paar Minuten mit Lore zusammen, die auf der Rückreise von ihrem Erholungsaufenthalt an der Lahn durch Köln kam. Michael ist ein strammes, schönes Kind geworden und die kleine Mechthild schaut schon so klar in die Welt hinein. Es war ein so schönes Bild, die junge Mutter mit den beiden Kleinen. Lore ist wieder recht gut dabei und als ich ihr sagte, für ein so großes Geschenk, wie die beiden Kinder, könne man schon gerne etwas ertragen, bestätigte sie mir meine Ansicht glücklich lächelnd. Sie hat jetzt eine Güte in ihrem Wesen, die ich früher bei ihr nie entdeckt habe. Ach August, es ist doch etwas wunderbar-schönes, daß auch mich der Herrgott schon so früh zu so Großem berufen hat, Mutter zu werden; daß Er mir ein neues Menschenkind anvertraut, das unter meinem Herzen dem Leben entgegenwächst, das ich
hüten und für das ich sorgen darf mit dem ganzen Einsatz meiner Liebe. Dieses große Ereignis ist ganz in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt und ich bete immer wieder darum und bemühe mich, ihm auch in jeder Beziehung ganz gerecht zu werden. Mein August, es macht mich so glücklich zu wissen, wie fein und tief Du Dich trotz aller Ferne in dieses mein Erleben mit dem Kindlein hineindenkst und es jetzt schon in unsere Liebe mit einbeziehst, so wie ich es auch tue. Und ich meine es könnte garnicht anders sein, als daß unser Kindlein Dir darauf in seinem späteren Leben mit einer besonderen Liebe antwortet. Durch all das, was in dieser Zeit meine Gedanken und Gefühle bewegt und erfüllt, was die Sehnsucht aus den tiefsten Schichten meines [..] immer wieder aufsteigen läßt in Glück und Schmerz, muß es doch so innig mit Dir verbunden sein, wie es schöner und tiefer garnicht möglich ist und selbst durch das physische Einssein mit mir nicht überboten werden kann. Ach August, könnte ich Dir doch einmal sagen, was die Liebe zu Dir in mir bewirkt, wie sie mein ganzes Denken, Fühlen und Tun bestimmt. Manchmal überwältigt sie mich so, daß ich weinend betend frage: „Herrgott, wie ist es nur möglich, daß ich ihn so lieb habe? Mache mein Herz weit und groß daß es fähig ist diese Liebe, Dein kostbares Geschenk, zu fassen.”
Ich muß immer wieder staunend danken wenn ich bedenke, wie sie mein ganzes Sein umgewandelt hat, wie sie mich aus der Enge meiner Ich-Bezogenheit herausgeführt hat und meinem Leben die ganz neue Richtung gab: für Dich da zu sein, in der Hingabe an Dich in höchste menschliche Beglückung und in der gemeinsamen
gottgewollten Lebensgestaltung mit Dir die höchste Erfüllung menschlichen Daseins zu finden: die Gloria Dei. Du hast all die Kräfte in mir wach gerufen, die so viel Glück in unser Leben strahlen lassen und erst in der tiefsten Begegnung mit Dir habe ich mein eigentliches Wesen erkennen dürfen, das mir selbst vorher tief verborgen war.
Ich mußte den Brief an Dich unterbrechen, denn Herr Fieth brachte mir eine Kostprobe Kirschen, die gleich verarbeitet werden mußten. Dieses Tun hat mir viel Freude gemacht bei dem Gedanken, daß es uns vielleicht einmal zu gute kommt, wenn wir uns gemeinsam an den Tisch setzen und ich die Mahlzeiten für Dich bereiten darf. Und ich dachte daran, daß in den Wintertagen, wenn uns solche Labsale der Natur versagt bleiben, unser Kindlein schon so weit sein kann, daß es gerne sich die roten Früchte in den kleinen Mund schieben läßt, die ich jetzt, derweil noch sein kleines Leben unter meinem Herzen schlägt, schon für diese Zeit bereite.
Sieh' Liebster, so erhält all mein jetziges Tun, und sei es das geringste, im Ausblick und der Hoffnung auf das zukünftige gemeinsame Leben in unserer Familie eine ganz andere Bedeutung. Wie ließe sich die Zeit der Trennung und des Wartens ertragen, wenn nicht im stillen Wirken auf die ersehnte, volle Gemeinsamkeit, der auch jetzt schon in der Trennung der ganze Einsatz von Seele und Leib gelten soll! Mein lieber August, empfange wieder von mir alles Liebe und Gute, das ich Dir schenken möchte, und behalte uns lieb in Deinem Herzen, das Kindlein und mich,
Deine Marga.