Marga Broil an ihren Mann August, 14. Juli 1944
Du auserwählter einziger Trost bleib' stets bei mir.
Köln, den 14.7.44
Mein lieber August,
gestern war der Tag meines Namens. An solchen Tagen, die einmal Festtage in unserer Familie sein werden, empfindet man die Trennung doppelt schmerzlich. Und dennoch habe ich versucht, mir den Tag zu einem kleinen stillen Fest zu gestalten. Am Tage vorher hatte ich unsere Wohnung schon ein wenig festlich hergerichtet, ein paar große weiße Horthensenblüten in die braune Kugel auf dem Tisch getan und neben Dein Bild in die kleine Vase ein paar Feuerlilien. Der Tag begann so gut mit dem hl. Opfer, bei dem ich besonders gedankt habe für die Gnade der Taufe und die Berufung zur Gotteskindschaft, an die uns ja das Fest des Namens besonders erinnern soll. Dann war der Tag so schön und still wie selten einer und ich habe das als besonderes Geschenk angesehen, denn so konnte ich ihn doch wenigstens in Gedanken mit Dir begehen. Mutter und Leni Kohlhas gratulierten morgens per Telefon und Finni, die treue Seele, kam in der Mittagszeit für einen Sprung herüber, als ich mir gerade zur Feier des Tages ein Mittagsschläfchen erlaubt hatte. Nach dem Abendessen, das auch etwas besser ausfiel als gewöhnlich, habe ich es mir in unserem Heim recht gemütlich gemacht. Lange habe ich still am Schreibtisch vor Deinem Bild gesessen, in der Absicht, Dir einen Brief zu schreiben. Aber ich war nicht fähig dazu, zu sehr wogten die Gedanken in mir auf und nieder, und es war so schön sich ihnen ganz hingeben zu können. Dabei wurdest Du
mir immer näher bis schließlich die anfängliche Schwermut einer tiefen inneren Freude gewichen war. Mir kamen die frohen Weisen in den Sinn, die Du mir in den Tagen nach unserer Hochzeit so oft auf der Flöte vorgespielt hast, und dann habe ich aus frohem Herzen eines ums andere der Lieder gesungen, die wir beide so lieb gewonnen haben; unterdes meine Hände an einem Jäckchen für unser Kindlein wirkten. Als die Dämmerung hereinbrach habe ich mir und dem Kindlein einige Abendgedichte von Eichendorff und Mörike vorgelesen. Wie herrlich wußten doch die Romantiker aus dem Erleben der Natur zu schöpfen. Wir finden in ihren Worten Empfindungen wieder, die auch im eigenen Herzen, wenn auch vielleicht unbewußt, Raum haben. Wie schön wird es sein, wenn wir uns später einmal gemeinsam an ihren Werken erfreuen können und ich ihre Worte aus Deinem Mund höre. „Die Röslein sind glommen, verblüht am Bergeshang, die Nacht ist schon gekommen, uns aber ist nicht bang” das war das Abendlied dieses Tages. Dann habe ich mir wieder Deine Briefe hervorgeholt, die mir immer die schönsten Stunden bereiten, und habe all Deine lieben Worte und Gedanken recht tief in mir wirken lassen. Als da die Sehnsucht wieder ganz groß und stark in mir aufstand, habe ich das alles im Gebet vor unser Kreuz gebracht und die Bitte getan, der Herr möge Dich meine Liebe erfahren lassen über alle Trennung hinweg möge unsere Herzen immer fester und tiefer miteinander verbinden und uns vor ihm so eins werden lassen, wie wir es uns stets erwünschen und ersehnen. Sieh' Liebster, der Tag war so schön, weil ich mich Dir so nahe fühlte und Du auch in der Ferne sicher an mich gedacht hast. In herzlichem Gedenken
Deine Marga.