Marga Broil an ihren Mann August, 19. Juli 1944
Der auserwählter einz'ger Trost gedenk daran,
mein Leib und Seel' das sollst Du ganz zu eigen han.
Köln, den 19.7.44.
Mein lieber August,
nach einer bösen Nacht und einem durch dauernden Alarm bewegten Morgen ist nun ein so schöner, stiller Sommerabend. Die Sonne sendet ihre letzten Strahlen in unser Zimmer und ich komme eine Weile ganz zu Dir. Die Gedanken gehen ja alle Stunden des Tages zu Dir, auch während der Arbeit und auf meinen Wegen und sie verweilen so gerne bei den Gedanken und lieben Worten, die Du mir in Deinen Briefen geschenkt hast. So kann ich mit Recht an den Anfang meines Briefes die Worte setzen, die wir zuletzt in Bremen miteinander gesungen haben: All mein Gedanken, die ich hab die sind bei Dir. Aber die schönsten Stunden sind mir doch die, in denen ich mich ohne irgend ein anderes äußeres Tun ganz diesen Gedanken an Dich hingeben kann, wenn ich Deine lieben Briefe wieder und wieder lese oder selbst im Briefe zu Dir komme. Das ist dann meist der Feierabend meines Tages, der ihn so schön ausklingen läßt in die Stille der Nacht. So habe ich auch eben wieder einen um den anderen Deiner lieben Briefe hervorgeholt und es ist mir beim Wiederlesen immer eine Freude zu spüren, wie sehr mir seit ihrer Ankunft Deine Worte und Gedanken schon Besitz geworden sind. Und immer neue Gedanken wachen in mir auf, die ich Dir darauf erwidern möchte; die Antwort, die ich Dir im Briefe gebe, scheint mir viel zu unzulänglich. Ich freue mich so sehr, wenn Du mir von Deinem Erleben dort in der Schönheit der Natur erzählst, daß Du sie noch so tief
zu erleben vermagst, trotz der Schrecknisse des Kriegsgeschehens, die Dir allenthalben begegnen, und vor allem, daß Du mich so offen an allem Frohen und Beglückenden, allem Ernsten und Wehmutvollen teilnehmen läßt, das es in Deinem Innern bewirkt. Ich bin Dir so dankbar dafür und ich bitte Dich, es auch weiterhin so zu halten, denn es gibt mir die Möglichkeit mich ganz tief in das hineinzudenken, was in dieser Zeit Dein Leben mitgestaltet. Und das ist es ja, wonach wir uns sehnen, in dieser Zeit der Trennung wenigstens geistigerweise am Leben dessen, dem die ganze Liebe gilt, teilzuhaben, wenn es auch äußerlich in so ganz anderen Bahnen verlaufen muß. Und daß unsere Gedanken und Empfinden trotz aller Ferne oft die gleichen Wege gehen, dafür finden wir in unseren Briefen immer wieder beglückt Bestätigung.
Wie groß war meine Freude, daß Du mir bei den Überlegungen für die Wahl der Paten für unser Kindlein die gleichen Vorschläge machst, die ich Dir bereits geschrieben hatte. Während meine Begründung dazu nur aus dem kleinen, persönlichen Bereich hervorging, hast Du der Deinen die feine Ausrichtung auf die größere Weite gegeben: eine wesentliche Aufgabe des Mannes in der Familie den kleinen, eigenen Kreis, in dem die Frau oft notwendig beharren muß, über die eigenen Grenzen hinaus in der größeren Gemeinschaft von Volk und Kirche wirksam werden zu lassen. Damit hätten wir also schon eine wichtige Frage, die uns das große Geschehen der Geburt und Taufe unseres Kindleins stellt, gelöst. Ich fände es schön und sinnvoll, wenn Du als Vater den beiden die Patenschaft über unser Kindlein antrügest.
Nun wollen wir beide den Herrn bitten, daß wir auch die rechte Wahl des Namens für unser Kindlein treffen. Im letzten und eigentlichen ist Er es ja allein, der jedem neuen Menschenkind seinen Namen, seine Bestimmung und Berufung, seine Sendung und Aufgabe gibt. Darum wollten wir von Ihm die Gnade erflehen den Namen für unser Kindlein zu finden, der seiner Bestimmung entspricht und dem von Ihm von Ewigkeit geschauten Bild, das unser Kindlein in seinem Leben zu verwirklichen hat.
Mein lieber August, es ist etwas so Schönes, wenn uns aus unseren Briefen die Sehnsucht entgegenstrahlt, die wir füreinander im Herzen tragen, und wir spüren immer mehr, wie diese Sehnsucht den ganzen Menschen erfaßt, Fühlen und Denken, Wünschen und Wollen, Seele und Leib. Wir haben in unseren Briefen davon gesprochen, daß wir diese Sehnsucht als unseren kostbaren Besitz hüten und wahren wollen und uns immer wieder neu die Kraft dazu erflehen müssen. Das Erleben unserer Ehe, das seelische und körperliche Einswerden mit Dir, hat mich in eine ganz neue Beziehung zu meinem Leib treten lassen, in der ich erst einmal festen Stand gewinnen mußte. Durch Dich habe ich meinen Leib erst kennengelernt, Du hast mir das Buch aufgeschlagen, das ich bisher verschlossen verwahrte, und dessen Geheimnis ich nur schwach zu ahnen vermochte; ich durfte darin lesen und dieses Tun hat mich mit ehrfürchtigem Staunen erfüllt. Die Bewahrung der Reinheit, das Leben in der gottgewollten Ordnung, das mir früher eine unbewußte Selbstverständlichkeit war, - außer den ersten Jahren der Reife, in denen ich manchmal schwer darum ringen mußte,
habe ich keine Schwierigkeiten in der Beziehung gehabt, - muß nun aus der Erfahrung des vollen Menschenlebens heraus ganz bewußt weitergeführt werden. Es erscheint zunächst nicht mehr so leicht wie vordem, aber mit der wachsenden Erkenntnis aus der größeren Verantwortung heraus wächst auch unsere Kraft. Und da der Herrgott mich gewürdigt hat das Geheimnis neuen Lebens in meinem Leib zu bergen, kann es da schwer fallen Ihm die Werkstatt Seines Schöpfungswirkens rein und makellos zu bewahren? Das wachsende Leben unseres Kindleins und die damit verbundene Neugestaltung meines Leibes zwingt mir doch täglich heilige Bewunderung ab: Herrgott, wie wunderbar hast Du uns doch erschaffen! Aber zu der dankbaren Verantwortung Gott gegenüber tritt noch ein zweiter Beweggrund, die Liebe zu Dir. Es heißt doch in der Schrift von der Ehe: Die Frau gehört nicht mehr sich selbst, sondern ihrem Manne, ebenso wie der Mann seiner Frau angehört! Kann es für uns in der Zeit der Trennung ein schöneres Bestreben geben, als daß wir dem geliebten Menschen, dem wir nur alles Liebe und Gute zu erweisen wünschen, sein Eigentum, uns selbst mit Seele und Leib, so rein und schön bewahren wie es nur möglich ist? Wenn das unser Bemühen und Bestreben ist in der schweren Zeit der Trennung, wie groß wird dann das Glück der Stunde werden, da Du wieder zu mir heimkehrst, da wir uns wieder ganz einander schenken dürfen und sagen können: Nimm mich hin, Liebster, sieh' so wie Du von mir gegangen bist am Abend des Ostertages, so schenke ich mich Dir zurück und die Liebe zu Dir ist in der langen Zeit der Trennung
nicht unwirksam geblieben.
Mein lieber August, die Gedanken, die wir einander anvertrauen, berühren die letzten Tiefen unseres Herzens. Es ist doch etwas Wunderbares, daß wir uns auch in diesen Dingen so ganz offen einander hingeben dürfen. Durch Deine Worte veranlaßt, habe ich in den letzten Tagen öfter über das nachgedacht, was ich Dir jetzt aufgeschrieben habe, und mir auch die Frage gestellt, ob es Dir wohl durch das Erleben unserer Gemeinsamkeit leichter oder schwerer geworden sei, mit diesen Dingen fertig zu werden. Ich weiß ja daß Du mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen hast, die mir bis jetzt erspart geblieben sind. Aber wir sind uns ja darüber klar geworden, daß es nicht darauf ankommt, ein möglichst einfaches müheloses Leben zu führen, sondern das Leben mit all seinen inneren und äußeren Gegebenheiten zu bestehen, und mit dem ganzen Einsatz unseres guten Willens zur Herrlichkeit Gottes zu gestalten. Ach Liebster, ich bin so zuversichtlich, daß uns das in gemeinsamem Bemühen gelingen wird, jetzt und erst recht dann, wenn wir einmal das Leben in voller Gemeinsamkeit führen dürfen. Wir wollen nur immer wieder den Herrn um Seine Gnade und Kraft dafür bitten.
Mein lieber August, ich möchte Dir so gerne noch manches sagen, aber der Körper meldet mit Gewalt sein Recht auf Schlaf an. So nehme ich für heute wieder Abschied von Dir, Du mein Liebster, so ganz innig und mit der ganzen Freude, die mir die Stunde des stillen Zusammenseins geschenkt hat. In herzlicher Verbundenheit wie stets
Deine Marga.