Marga Broil an ihren Mann August, 24. Juli 1944

Die Wege sind verlassen
und oft sind wir allein
in diesen grauen Gassen
will niemand bei uns sein.

Montag, den 24. Juli 1944.

Mein lieber August,

eben komme ich von einem kleinen Abendspaziergang zurück. Ich mußte nach den vielfältigen Aufregungen im Büro - die Mieter rufen ununterbrochen wegen der Instandsetzung der Dächer an und all meine Bemühungen haben keinen Erfolg, - ein wenig hinaus, um auf andere Gedanken zu kommen, um innerlich ganz ruhig zu werden. Und nun komme ich zu Dir, Liebster, um Dir von dem gestrigen Sonntag zu erzählen. Es war ein trüber, regnerischer Tag, aber diesmal sollte mich nichts mehr von meinem Vorhaben, die kleine Anneliese in Gladbach zu besuchen, abbringen können. So bin ich denn nach der Feier des hl. Opfers in der Klosterkapelle hinausgefahren, bin wieder die stillen schönen Wege gegangen, die wir so oft zu nächtlicher Stunde in so schöner Gemeinsamkeit gegangen sind; habe von weitem dem Baumstamm einen Gruß herübergeschickt, auf dem wir mal einige Stunden des Sonntagmorgens in so gutem Gespräch zusammensaßen; kam an der Heitkamper Kirche vorüber, in der wir das Fest der Erscheinung des Herrn, das erste Hochfest der Kirche in unserer jungen Ehe, miteinander gefeiert haben, und wo ich die beiden Stunden in Anneliese's Leben miterlebt habe, da sie im Sakrament der Ehe ihren Toni ganz zu eigen erhielt und da sie ihn in der Totenmesse an den Herrn zurückgab. Dann bin ich den Kutschweg weitergegangen im gleichen Kleid wie damals, als Du dort meine Gestalt im Bilde festhieltst, das Du

mit Dir nach draußen genommen hast - und doch so ganz anders, um so einen unnennbaren Schatz reicher als da. Dann stand ich bald in dem kleinen Häuschen im Wiesengrunde, wo das Bächlein so friedlich murmelt, und wo man sich bei den guten, schlichten Menschen so heimisch fühlt. Mutter Heeger hieß mich so herzlich willkommen und die kleine Anneliese gestand mir, daß sie im Geheimen schon lange auf mich gewartet habe. Die Trauer um Toni's Tod hat das frohe Leuchten in ihren Augen nicht auszulöschen vermocht, es tat ihr sichtlich wohl mir von Toni, seinem Leben mit ihr und seinen letzten Tagen zu erzählen. Das geschah alles so zart und behutsam und aus einem Starkmut heraus, den man nur bewundern kann. Und dann ihre Freude auf das Kindlein! „Ist es nicht ein herrlicher Gedanke, das leibliche Leben eines Menschen, dessen Seele vielleicht schon zur Anschauung Gottes gelangt ist, unter dem Herzen tragen zu dürfen?” Ich hätte mich tief verneigen mögen vor der großen Seele, die aus solchen Worten spricht. So manche Gedanken, die um Liebe, Glauben, Leben und Tod kreisten, haben wir noch miteinander ausgetauscht und während dessen an den Dingen für unsere beiden Kindlein eifrig gearbeitet. Sie zeigte mir voll Freude die kleine Aussteuer, die sie schon zusammen hat, und Mutter Heeger machte mir eine große warme Decke zum Geschenk, aus der ich manches gute Tuch für unser Kindlein machen kann. Als wir am späten Nachmittag auseinandergingen, war unsere Verbundenheit größer als je zuvor, und ganz froh bin ich nach einem kurzen Besuch bei Anneliese Höller, der die Hoffnung auf ein Kindlein auch im letzten Urlaub nicht erfüllt wurde,

wieder nach Hause gefahren. Da aber erwartete mich die schönste Freude des Sonntags, auf die ich im stillen den ganzen Tag über schon gehofft hatte, ein Brief von Dir. Und es war nicht nur einer, sondern gleich drei auf einmal, v. 2.7., vom Tage meines Namens und v. 14.7. Ach Liebster, wieviel Gutes und Liebes hast Du mir mit diesen Briefen getan! Bis spät in die Nacht hinein mußte ich sie immer wieder lesen und Du wurdest mir darüber ganz nahe und ich durfte dabei ein klein Wenig von dem Glück verspüren, das wir in seiner ganzen Fülle nur verkosten dürfen wenn wir ganz zusammen sind. Mein August, so viel möchte ich Dir auf Deine guten Worte erwidern, aber ich muß es mir für eine bessere Stunde aufheben, denn eben bringt Finni mir einen großen Korb Johannisbeeren, die ich heute noch verarbeiten muß. Aber auch solches Tun, das mir früher so banal und nebensächlich vorkam, macht mir jetzt so viel Freude, denn es geschieht doch alles im Hinblick auf unsere Gemeinsamkeit, unsere Familie.

So vereinige ich jetzt schon das Wirken meiner Hände, das Tun des Geistes und das Sehnen des Herzens und alles soll nur eins sein: Dienst der Liebe für Dich und unser Kindlein. Vorher habe ich zu solchem Dienen nie eine Beziehung finden können, erst jetzt spüre ich wie sehr es beglücken kann. Und muß nicht der kleinste geringste Dienst, der, würde er auf äußeren Zwang hin ausgeübt erniedrigen könnte, den Menschen adeln wenn er aus der Freiheit seines Wollens und dem reinen Beweggrund der Liebe heraus geschieht? Sieh' Liebster, so schenke ich Dir heute, da ich auf ein längeres Zusammensein mit Dir im Briefe verzichten muß,

all die kleinen, unscheinbaren Verrichtungen meiner Hände, die genau so vom Verlangen meines Herzens, für Dich da zu sein, Dir alles Gute und Liebe zu erweisen, getragen sind, wie meine Gedanken und Worte. In herzlichem Gedenken bin ich heute wie immer ganz

Deine Marga.