Marga Broil an ihren Mann August, 30. Juli 1944
Gar manche Wege führen
aus dieser Welt hinaus,
o daß wir nicht verlieren
den Weg zum Vaterhaus.
Sonntag, den 30. Juli 1944.
Mein lieber August,
eine recht bewegte, arbeitsreiche Woche liegt hinter mir und nun ist Sonntagmorgen und ich kann endlich all die Pflichten in Büro und Haushalt einmal zurückstellen und zu Dir kommen, Du mein Liebster. Das sind doch für mich jetzt die schönsten Stunden, wenn ich so ganz still mit den Gedanken, mit all meiner Sehnsucht bei Dir sein kann. Gestern nachmittag hatte ich mich schon so darauf gefreut, und im stillen glaubte ich es auch redlich verdient zu haben; aber da kam einer nach dem andern von meinen Mietern, die teils dienstlich teils privat irgend einen Rat haben wollten. Da hieß es für mich umschalten, die Enttäuschung über die kostbare, ach so viel lieber anders verwendete Zeit hinunterschlucken und sich ganz in die Sorgen und Nöte der anderen hineindenken. Um 9 Uhr abends war ich dann endlich wieder allein und ich habe mir Deine Briefe hervorgeholt, besonders den, den Du mir am Fest meines Namens geschrieben hast. Und in der stillen Beglückung, die mir Deine lieben Worte immer schenken, fand die Woche dann einen so feinen Abschluß.
Nun ist Sonntagmorgen. Ich erfreue mich daran, daß unser Heim ein sonntägliches Gepräge trägt, es ist doch schon ein bißchen Mühe wert. Wie wird es erst einmal sein, wenn ich für Dich
alles schön machen kann, wenn ich alles so gestalten darf, daß Du Dich wohl fühlst in unserem Heim und gerne bei mir daheim bist. Draußen ist es trotz der vorgerückten Morgenstunde noch ganz still. Die Menschen versuchen wohl die verlorenen Nachtstunden nachzuholen. Von Ferne nur höre ich das Läuten einer einsamen Glocke, die zum sonntäglichen Dienst vor dem Herrn ruft. Sie war auch mir eine Mahnung zum Gebet, daß der Herr auch Dir diesen Tag irgendwie zu Seinem Tag werden lassen inmitten des Getriebes des Soldatenlebens; daß Er mit Seinem Segen und dem erhöhten Maß Seiner Gnade den Ausgleich schaffen möge für all das, was Du sonst an innerer und äußerer Hilfe, Anregung und Kraft entbehren mußt. Ich spüre es ja immer mehr aus Deinen Briefen heraus, auch da, wo Du nicht ausdrücklich davon sprichst, wie schwer Dir die Entbehrung all unseres liebgewordenen Tuns, der Verzicht auf jede eigene, persönliche Gestaltung des Lebens wird. Wie Du die Gefahr siehst und damit ringst, der so viele Brüder im grauen Rock erlegen sind: daß die Gebundenheit, Ruhelosigkeit und Unordnung des Soldatenlebens von den äußeren Bezirken auf die inneren übergreift, daß sie sich wie ein Gift allmählich auch in die letzten, heiligsten Bereiche einzuschleichen versucht, in denen die Quelle unseres eigentlichen Seins, die Wurzel unserer Persönlichkeit ruht. All die vielen Soldatenbriefe, die ich in den vier Jahren Krieg gelesen habe, sprachen versteckt, manche auch - besonders einige Briefe von Hans Schroer - mit erschütternder Deutlichkeit davon, und als es dann soweit war, daß auch Du in dieses Leben der Be-
währung hineingestellt wurdest, da habe ich nur gewünscht und gebetet, daß Dir diese Schwierigkeiten erspart bleiben möchten. Ach August, ich bin Dir ja so dankbar, daß Du mir nun, da diese Schwierigkeiten an Dich herantreten, so offen davon schreibst, daß Du mir sagst, wie Du ihrer Herr zu werden versuchst.
Weißt Du, daß Du die Gefahr so klar siehst und wie Du Dich bemühst ihr zu begegnen, das läßt mich ganz froh und zuversichtlich sein, daß Du sie meistern wirst. Wenn Deine Briefe mir von diesen Dingen sprechen, dann sind sie mir stets ein neuer Anruf dazu, alles für Dich zu tun, um Dir zu helfen. Denn dazu sind wir doch einander gegeben, daß wir gemeinsam am Bild unseres Menschseins wirken und es so formen, daß es einmal vor Gott bestehen kann. Im wirklichen, dauernden Zusammensein könnte das freilich noch viel besser geschehen, aber wir wollen auch darin nicht über Mangel an Gelegenheit klagen, sondern die Möglichkeiten, die uns gemeinsam und jedem einzeln gegeben sind, herzhaft ergreifen und recht auszunutzen versuchen. Der Herrgott verlangt ja nichts Unmögliches von uns, Er weiß ja um all die inneren und äußeren Gegebenheiten, die unser Wirken fördernd oder hemmend beeinflussen können, aber unsere Liebe zu ihm, und auch unsere Liebe zueinander muß uns dazu drängen, stets das Bestmögliche herzugeben, um selbst noch aus der schwierigsten Situation noch etwas Gutes zu wirken. Sieh' Liebster, und mögen wir es manchmal auch noch so schwer haben - wir wissen ja, daß es uns beiden schon mal recht schwer werden kann - wir brauchen dennoch nie zu verzagen, sondern wollen uns bemühen in gläubigem Vertrauen
und froher Zuversicht unseren Weg zu gehen und alles tun, was in unseren Kräften steht. Auch da gilt uns das Apostelwort, das am Schluß der heutigen Lesung steht: „Gott ist getreu; Er wird euch nicht über eure Kräfte versucht werden lassen, sondern bei der Versuchung auch den guten Ausgang geben, so daß ihr bestehen könnt.” Freilich gehört beides untrennbar zusammen, die Gnade Gottes und unser guter Wille, der ganze Einsatz unserer Kraft, um den „guten Ausgang” zu gewinnen, den der Herr uns schenken möge.
Mein August, es war mir eine Freude, daß Dir die Evangelienhefte da draußen doch zu etwas von Nutzen sind, daß Dir die Lesung der Bergpredigt so viel bedeutet hat. Der Herrgott weiß oft mit seiner Gnade an Stellen anzusetzen, wo wir es garnicht erwarten, wieviel mehr aber bei dem Wort, das Er uns selbst gegeben hat. Wir haben uns diese Quelle der Kraft bisher noch viel zu wenig erschlossen.
Mein lieber August, nun hast Du unserem Kindlein seinen Namen gewählt: Winfried oder Ursula. Ich bin sehr erfreut über diese Wahl, weißt Du, ich hatte den Namen Ursula an die erste Stelle der fünf Namen gesetzt, mit dem geheimen Wunsch, daß Du in der Reihenfolge auch eine gewisse Rangstufung sehen möchtest und Du hast ohne daß ich davon etwas gesagt habe, den Namen gewählt, den ich auch für unser Kindlein, wenn es ein Mädchen ist, am liebsten hätte. So haben wir auch diese Frage im Briefe recht gut gelöst; ach weißt Du, für zwei Menschen, die so eins werden durften wie Du und ich, kann es eigentlich garnicht schwer sein, auch über alle Trennung hinweg stets zu einer glücklichen Lösung aller ge-
meinsamen Fragen und Anliegen zu kommen. Und welche Dinge könnten noch im Leben des Einzelnen eine Rolle spielen, die uns nicht gemeinsam berührten? Ist es nicht herrlich, daß wir fast gleichzeitig, unabhängig voneinander in unseren Briefen zum Ausdruck gebracht haben, daß uns die Gedanken und Erlebnisse, die uns einzeln beschäftigen, erst dann wieder ruhig werden lassen, wenn wir sie, dem inneren Verlangen entsprechend, dem anderen mitgeteilt haben! Mein August, so sehen wir wie unsere schöne Gemeinsamkeit sich immer mehr festigt und vertieft, trotz aller Schwere, die uns die Trennung auferlegt. Und das Wissen um dieses immer mehr sich vollziehende Einssein, das alle Bereiche unseres Seins umschließt, läßt uns ganz zuversichtlich und vertrauensvoll an die Lösung aller Fragen und Probleme herangehen, die uns das Leben jetzt und in Zukunft stellen wird. Du erwähnst in Deinem Brief so fein das Zusammenwirken unseres Tuns mit dem Segen Gottes, das einmal die Zahl der Kinder, die Gott uns schenken wird, bestimmen wird. Die Gedanken und Überlegungen, die darum kreisen, und unsere Einstellung dazu wird einmal für die Gestaltung unseres Lebens, wenn wir es in voller Gemeinsamkeit führen dürfen, entscheidend sein. Ich glaube hier begegnen wir dem wunden Punkt in den meisten Ehen unserer Tage; wenn in dieser Beziehung keine Übereinstimmung herrscht, muß doch das Zusammenleben eine Qual werden. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß wir es auch hierin zu jener schönen, beglückenden Einheit bringen werden, die uns so ganz von Herzen froh sein läßt. Wie Du mir schriebst, Liebster, daß wir über diese Frage
einmal sprechen müßten, wenn ich neben Dir liege, meinen Kopf in Deinen Arm geborgen, ach da stieg die Sehnsucht ganz stark in mir auf, daß uns doch bald einmal wieder das Glück solchen Zusammenseins geschenkt werden möge. Heute feiern wir schon den neunten Sonntag nach Pfingsten, eine lange Zeit seit dem Osterfest das uns zuletzt so ganz vereint gesehen hat. Und doch ist mir das Erleben dieses Tages noch so gegenwärtig, als sei es gestern gewesen, denn immer wieder hat die Sehnsucht es aus der Erinnerung aufsteigen lassen. Damals schien uns das Ereignis der Geburt unseres Kindleins noch in so weiter Ferne zu liegen, und heute stehen wir nur noch acht Wochen davor. Je mehr die Vorbereitungen darauf von mir fordern, umso weniger kann ich es abwarten bis es endlich soweit ist. Ach Liebster, und unser Kindlein scheint mir mit jedem Tag mehr zeigen zu wollen, wie es dem Leben und der Fähigkeit es selbständig führen zu können, immer mehr entgegenwächst. Seine Bewegungen sind oft so heftig, daß es durch die Kleidung deutlich vernehmbar ist und ich jede Nacht viele Stunden dadurch nicht schlafen kann. Aber weißt Du, diese Stunden des Wachseins sind etwas so unsagbar Beglückendes, daß ich sie garnicht mehr entbehren möchte. Wie schön wäre es erst, wenn Du sie mit mir teilen könntest, wenn ich mich selbst und unser Kindlein, die wir beide Deiner starken Nähe jetzt besonders bedürfen, ganz in Deine liebende Obhut gehen könnte. Was uns die Wirklichkeit noch versagt, das will ich jetzt in Gedanken umso inniger vollziehen, komm, Liebster, nimm uns ganz hin, die wir Dir gehören, das Kindlein und mich,
Deine Marga.