Marga Broil an ihren Mann August, 13. August 1944
Kumme, kumm Geselle min
ich entbiete, harre Din.
Kumm, kumm, kumm Geselle min,
ich entbiete, harre Din.
Sonntag, den 13. August 1944
Mein lieber August,
gestern abend mußte ich den Brief an Dich allzu schnell beenden, denn Mutter rief an, ich möchte noch nach Bayenthal kommen. Nun will ich den Sonntagmorgen, der so still ist nach den langen Alarmstunden der Nacht, mit Dir beginnen, Liebster.
Vor mir liegt Dein Brief von dem Du sagst, daß Du garnicht recht zufrieden damit bist. Ich aber bin besonders froh und dankbar für diesen Brief, weil er wieder so manches enthält, was unserer Gemeinsamkeit besonders bedarf, das wir gemeinsam aufnehmen müssen in der Erkenntnis und in einem guten, zielbewußten Tun.
Du sagst mir von den harten Belastungen, die der Krieg dem inneren Menschen auferlegt und wie Dich das Bewußtsein darum gerade am stärksten packte, als Du nach langer Zeit der Entbehrung endlich wieder vor dem Altare stehen durftest, um am hl. Opfer teilzunehmen. Du hättest Dir gewünscht, daß Dir dieses Geschehen, nach dem Du gewiß schon lange im Stillen Ausschau gehalten hast, zu einem Erlebnis geworden wäre, das den ganzen Menschen erfaßt und in seinen Bann zieht. Statt dessen mußtest Du erfahren, daß Du die Sammlung, die Dir früher Selbstverständlichkeit schien, garnicht aufbringen konntest wie die Gedanken Dich hart bestürmen und das Gemüt von dem großen Geschehen, das sich vor Dir vollzieht, garnicht angesprochen wird.
Ach August, ich kann mir so gut denken wie schwer Dir diese Stunde geworden sein muß, wie Dich da auf einmal die ganze Härte der Forderung des Krieges an die letzten Tiefen unseres Mensch- u. Christseins überkam. Ja, wir wollen diesen Tatsachen klar ins Auge sehen und unser gemeinsames Wirken so ausrichten, daß wir ihnen gefestigt entgegentreten können, jetzt schon und erst recht in der ersehnten vollen Gemeinsamkeit, auf die diese Dinge ja auch nicht ohne Auswirkung bleiben werden. Wir müssen uns darüber klar sein, daß der Krieg eine Bewährung aller Kräfte von uns verlangt und zwar in einem Ausmaß, von dem wir früher keine Vorstellung haben konnten. Aber diese Erkenntnis soll uns keineswegs mutlos machen, sie muß uns vielmehr Ansporn sein, wirklich alles einzusetzen, damit wir am Ende geläutert und bereichert aus all den Prüfungen hervorgehen. Sieh' Liebster, bei allem Ernst, mit dem wir diesen Dingen begegnen, wollen wir auch auf der Hut sein, daß sie uns nicht mehr bedrücken als ihnen entspricht; denn sie könnten dadurch unsere Tatkraft hemmen und hätten damit ebenso viel erreicht, als wenn wir sie leichtfertig in den Wind schlügen.
Und was das Erleben des Meßopfers dort im fremden Land und überhaupt Deine Beziehung zu Gott und ihre Auswirkung im religiösen Leben, im Denken und Tun betrifft, so wollen wir nicht vergessen, daß es dabei nicht zuerst auf das gefühlsmäßige Erleben ankommt, das allzu leicht eine Selbstzufriedenheit in sich birgt, sondern auf unsere Gesamthaltung, den guten Willen, mit dem wir an die Dinge herangehen. Es fällt uns freilich schwer, auf den inneren Trost zu verzichten, den uns die gefühlsmäßige Durchdringung und Erfahrung
des Glaubens zu schenken vermag. Aber hat nicht wohl jeder Mensch solche Zeiten zu durchstehen, in denen eine seelische Dürre und Leere und eine Kälte des Gemütes sich seiner zu bemächtigen scheint.
Wir hören doch gerade von denen, die es zur höchsten Vollendung menschlichen Daseins gebracht haben, den Heiligen, wie hart sie sich durch das Dunkel solcher Zeiten durchgerungen haben. Und sogar Christus selbst hat sich als Mensch der Leiden unterworfen, mit denen nur die letzte innerste Einsamkeit und Gottverlassenheit ein Menschenherz bedrücken kann, da Er am Kreuze rief: „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!” Und sollten wir nicht das Vertrauen haben daß Er, der die Not dieser Stunde tiefer durchlitten hat als wir es je vermögen, unserem schwachen Bemühen beistehen wird, damit wir diese Prüfung bestehen? Er sieht ja ins Herz und weiß, daß es viel mehr von uns fordert, wenn wir ohne den inneren Antrieb der „guten Stunde” vor Gott hintreten und wenn wir es nicht zu mehr brächten, als nur dem stammelnden Anruf: Vater unser!, so wird Er an der Treue, die wir Ihm darin beweisen, allen Schwierigkeiten zum Trotz, ein besonderes Gefallen finden.
Mein lieber August, Du ziehst aus den Gedanken über die Schwierigkeiten, die der Krieg Dir auferlegt, die rechte Folgerung: die Forderung an die Heimat und damit an mich. Denn alles, was in diesen Tagen von Dir gefordert wird, ist ja direkt oder indirekt, als Auswirkung der tiefen Gemeinschaft, der wir uns erfreuen dürfen, auch Forderung an mich. Darum muß all unser Tun jetzt von einer größeren Verantwortung, einer doppelten Treue getragen sein. Und Du darfst mir glauben, Liebster, daß ich mich bemühe ihr, soweit es in meinen Kräften steht,
gerecht zu werden. Hans Schroer schrieb in einem Brief an Kpl. Ang., den ich Dir mitschicke, den bedeutsamen Satz: „Unser Weg zu Gott geht im Augenblick stärkstens über die Frau.” Ach, daß es uns mit der Gnade Gottes doch gelingen möge, Euch der gute Weg zu sein, der sein Ziel nicht verfehlt.
Mein lieber August, der Sonntag neigt sich dem Ende zu und die Gedanken, von denen ich Dir ein Teil geschrieben habe - ganz lassen sie sich ja garnicht zum Ausdruck bringen - haben mich den ganzen Tag über begleitet. Gleich beim Nachtgebet gilt Dir wieder mein besonderes Gedenken. Du, August, laß auch da draußen im Getriebe des Soldatenlebens keinen Tag enden, ohne einen kurzen Aufblick zu Ihm, aus dessen Hand uns jeder Tag als Geschenk und Aufgabe gegeben ist. Dann werden auch Deine Tage dort, und mögen sie Dir zuweilen noch so schwer werden, Seinen Segen tragen und sowohl für Dich als auch für unser künftiges gemeinsames Leben zum Heile werden.
August, Du mein Liebster, ich kann Dir garnicht sagen wie groß mein Verlangen ist, Dir in all den Schwierigkeiten mit guter helfender Tat zur Seite zu stehen, so wie auch ich in allen Lagen des Lebens Deiner liebenden Hilfe gewiß bin. Ach, daß ich doch mehr für Dich tun könnte! Aber was ich für Dich tun kann, Liebster, das tue ich mit der ganzen Inbrunst meines Herzen, mit aller Glut der Liebe, die Dir gehört. So bleibe denn froh und stark, trotz aller Bedrängnis und bewahre Dein Herz gut und rein in allen Stürmen für den Herrn, aber auch für mich und unser Kindlein, das Deiner so sehr bedarf.
Deine Marga.