Marga Broil an ihren Mann August, 20. August 1944
Nun naht wie eine Wiege
die Nacht so schön und groß,
daß sich die Erde schmiege
in ihren warmen Schoß.
Dann wachsen ihr wie Träume,
verschwiegen und vertraut;
die Früchte aller Bäume,
die Blüten und das Kraut.
Sonntag, den 20. August 1944.
Mein lieber August,
der Sonntag neigt sich dem Ende zu. Es war ein guter, stiller Tag bei den Lieben daheim; denn seitdem gestern und vorgestern Deine Briefe vom 2. und 3.8. zu mir gekommen sind, in denen Du mir so feine Gedanken und ach so gute, liebe Worte geschenkt hast, ist es wieder besonders hell und froh in mir geworden. Mein August, was solche Briefe als Ausdruck der tiefen Beziehungen, die uns über alle Trennung hinweg verbinden, doch nich alles in uns bewirken können! Glaubst Du, daß sogar mein körperliches Wohlbefinden ganz wesentlich davon beeinflußt wird, wenn der Tag mir die Freude eines Briefes von Dir geschenkt hat? Dann weilen die Gedanken immer wieder bei Deinen Worten und das Glück, mit dem sie mich erfüllen, ist stärker als alles, was von außen an mich herantritt. Liebster, Deine herzlich innigen Worte tuen mir jetzt ganz besonders wohl, ich nehme sie ganz tief in mich hinein wie das Geschenk Deiner Liebe selbst und wünschte nur das Echo, das sie in meinem Herzen hervorrufen, könnte ich Dir in der ganzen Schönheit seines Klanges wiedergeben. Wie groß ist immer
meine Freude wenn ich aus Deinen Briefen spüren darf, daß Du alle Gedanken und Empfindungen, die ich zu Dir hintrage, so liebevoll in Dich aufgenommen hast. Sie finden dann in den Worten, die Du mir dazu schreibst, die Ergänzung und Vervollständigung, manchmal auch die Realisierung, deren sie noch bedurften. Dieses Tun, das uns so sehr bereichert und beglückt, lenkt immer wieder unseren Blick in die künftige, volle Gemeinsamkeit, die wir uns so ersehnen, in der dies alles nicht nur in Gedanken und Worten, sondern im täglichen Tun und Wirken des gemeinsamen Lebens Wirklichkeit werden wird. Wenn ich Dir immer wieder davon schreibe, wie froh ich auf unser zukünftiges Leben Ausschau halte, so darfst Du nicht glauben, daß ich mich über die Schwierigkeiten und Belastungen, die sich auch darin für uns ergeben werden, einfach hinwegsetze. Aus der Begegnung mit anderen Menschen und dem, was sie mir über ihre Schwierigkeiten aus dem persönlichen Erleben anvertraut haben, weiß ich sehr wohl welch hohe Anforderungen an uns gestellt werden, wenn wir unser Leben voll und ganz in der gottgewollten Ordnung gestalten wollen. Daß nur das gelingen möge, darum bete ich täglich bei der hl. Messe, wenn wir vor dem Evangelium Stirne, Mund und Herz mit dem Kreuz bezeichnen und damit den ganzen Menschen der hohen Forderung anheimgeben, die der Herr an uns stellt und in Seinen Worten uns offenbar werden läßt. Liebster, Du sagst mir, daß Du meine Zuversicht im Hinblick auf die Haltung in der Zukunft nicht so von vorne herein teilen konntest auf Grund der Erfahrung der Vergangenheit. Der Gedanke liegt nahe, aber Du darfst darüber
nicht vergessen, daß uns jetzt und später ein ganz entscheidender Faktor zu Hilfe kommt: unsere Liebe. Du sagst selbst so schön, daß wir eines ganz tiefen Lebens aus ihrer Fülle, die so unerschöpflich ist, bedürfen. Und wenn wir bedenken - ich setze damit eine Erfahrung gegen die andere - was sie bis jetzt auf der kurzen Strecke unseres gemeinsamen Weges alles an Hohem, Guten und Schönen in uns bewirkt hat, dürfen wir da nicht die frohe Hoffnung und Zuversicht haben, daß sie uns auch in Zukunft die Quelle der Kraft sein wird, das Maß und die Richtschnur, die unser Leben bestimmt? Ach Liebster, und wir stehen ja auch dann nicht einzeln und allein den Dingen gegenüber, sondern stets miteinander und füreinander. Wenn wir dann gemeinsam die ganze Kraft unserer Herzen und unseres guten Willens zum Einsatz bringen und mit der Gnade vereinen, die uns dazu in unserem Sakrament geschenkt wurde, dann muß doch alles gut werden.
Mein August, gestern abend konnte ich den Brief nicht mehr beenden, denn an den heißen Tagen macht sich die Müdigkeit doppelt bemerkbar. So habe ich mich zur Ruhe gelegt, und die Gedanken noch lange bei Dir weilen lassen. Als ich heute morgen erwachte - diese Nacht haben uns die Flieger mal nicht gestört und auch unser Kindlein blieb ganz still - da habe ich daran gedacht wie schön es wäre, wenn ich wieder einmal in Deinen Armen erwachte und das junge Licht des neuen Tages uns ganz vereint sähe. Auch die geringfügige Begebenheit des Alltags ruft so die Sehnsucht in mir wach. Für so manche kleine Handreichung bei der Arbeit im Haushalt muß ich jetzt jemand von den Hausbewohnern bitten, die
sich alle so lieb um mich kümmern. Vater hat mir eine gute Vorrichtung zum Wäschetrocknen auf dem Balkon gemacht, auch bei ihm brauche ich nur einen Wunsch zu äußern dann hilft er mir gerne. Aber wenn Du mal wieder ganz bei mir bist, dann brauche ich die Hilfe der anderen nicht mehr in Anspruch zu nehmen, wie schön wird es sein, wenn wir dann gemeinsam in jeder Beziehung am Bau unserer Familie und unseres Heims wirken dürfen.
Gestern bekam ich das von Familie Abels noch in Aussicht gestellte Hochzeitsgeschenk, das Dir gewiß sehr viel Freude machen wird: ein Aquarell von St. Maria im Kapitol, vom Lichthof aus gesehen. Ein persönlicheres Geschenk hätte man uns wirklich nicht machen können. Es hängt über dem Schreibtisch an Stelle des Holbeinbildes und wenn ich Dir jetzt schreibe habe ich immer das Bild der Kirche vor Augen, die aufs engste mit unserer Gemeinsamkeit verbunden ist. Wird das eine Freude geben, wenn Du zu mir heimkommst und ich Dir alles zeigen kann was in der Zeit Deines Fernseins geworden ist; ich glaube ich kann all die lieben Dinge dann erst richtig besitzen, wenn sie uns gemeinsam gedient, wenn sie auch Dir Freude gemacht haben. Das Schönste, Größte und Beglückendste, was ich Dir dann zeigen, geben und schenken kann, das wird - so wollen wir es hoffen und erleben - unser Kindlein sein, das große Geschenk, das der Herrgott uns bereitet. Ach Liebster, in meinen Gedanken und Träumen ersteht schon immer diese Stunde des Wiedersehens, der Begegnung; ach, laßt uns gemeinsam darum beten, daß der Herrgott sie in Seiner Güte bald Wirklichkeit werden lasse.
Deine Marga.