Marga Broil an ihren Mann August, 15. August 1944
Süßer rosenfarbener Mund
komm und mache mich gesund,
süßer, süßer rosenfarbener Mund
komm und mache mich gesund.
Köln, am Fest Maria Himmelfahrt
Mein lieber August,
heute feiern wir das Fest der Himmelfahrt Mariens, ein Anlaß, mit besonderer Innigkeit unser Gebet zu ihr emporzuschicken, die der Herr gewürdigt hat, Mutter Seines Sohnes zu werden. Ihr heiliger Leib, der den Gottessohn hat tragen dürfen, so wie ich nun das Kindlein unserer Liebe tragen darf, sollte nicht der Verwesung anheimfallen, sondern sofort nach ihrem Tode an der Herrlichkeit ihrer schönen Seele Anteil haben. Wie schön ist es doch, all die Geheimnisse ihres einzigartigen Lebens zu betrachten; ich hätte es früher nie so vermocht wie jetzt, da ich im eigenen Leben so nahe Beziehungen dazu finde.
Liebster, seit Tagen halte ich wieder Ausschau nach einem Brief von Dir, denn seit dem v. 29.7. hat mich keiner mehr erreicht. Es gelingt mir nicht immer gleich gut, dieses Warten und Ausschau halten zu bestehen, diesmal hat es mich mehr beunruhigt als sonst und läßt mir selbst in den kurzen Stunden Schlaf im Traum keine Ruhe. Manchmal aber, wenn der Traum mich Dir so ganz nahe sein läßt, wie die Sehnsucht es verlangt, dann wache ich wunderbar getröstet und voll froher Zuversicht, daß das alles so und noch viel schöner einmal Wirklichkeit werden wird, wieder auf. Dann gehen meine Gedanken so innig zu Dir hin, daß ich meine Du müßtest dort in der Ferne etwas davon spüren. Mein August, es scheint mir so, als ob unser Kindlein, je mehr es dem Leben entgegenwächst,
uns immer tiefer und inniger miteinander verbindet und die Sehnsucht immer noch stärker in uns aufsteigen läßt. Könnte ich Dir doch sagen, wie sehr mich das beglückt, wie tief es mich täglich neu erfaßt und den Schmerz der Trennung, der ja wie ein stetes Feuer brennt, überwinden hilft. Ja, wir haben eine doppelte Kraft ihm zu begegnen, die geistig-seelische Verbindung in unseren Gedanken und Gebeten, und das leibliche Einssein in unserem Kindlein. Ach Liebster, wie dankbar müssen wir dem Herrn sein, daß Er uns diese Kräfte geschenkt hat, denn wie sollen wir ohne sie die große Prüfung der Ferne ertragen können? So wollen wir immer wieder in dankbarer Freude aus ihnen schöpfen und mit der ganzen Liebe, die wir füreinander im Herzen tragen, diese schwere Zeit zu bestehen suchen. Du weißt, daß mir gerade jetzt das Alleinsein oft recht schwer fällt, da wir beide, das Kindlein und ich, jetzt Deiner starken Nähe mehr bedürfen als je zuvor. Wie oft sehne ich mich danach, wenn ich abends noch einen kleinen Gang zum Rhein mache und die Füße ihren Dienst versagen, Deinen Arm zu nehmen, meinen Kopf auf Deine Schulter zu legen und das heiße Gesicht in Deinen guten Händen zu bergen. Aber da es in Wirklichkeit nicht möglich ist, tröste ich mich mit dem Gedanken, daß Du aus der Ferne jetzt alle meine Schritte mit besonders innigen Gedanken begleitest und sicher oft die gleiche Sehnsucht verspürst wie ich. So laßt uns unsere Sehnsucht immer wieder zueinander tragen. Jetzt, da ich nach diesen kurzen Worten wieder von Dir scheiden muß, gebe ich mich Dir wieder ganz anheim, Du mein August, laß mich von Deiner Liebe getragen sein bis der Herr uns ein gutes Wiedersehen schenkt
Deine Marga.