Marga Broil an ihren Mann August, 23. August

Und Kinder sind geboren
und Herden werden reich,
was sich in Stolz verloren
wird wieder klein und weich.
Und himmlisches Erbarmen
davor die Erde schweigt
ist wie mit Mutterarmen
zum Wiegenrand geneigt.

Köln, den 23. August 1944.

Mein lieber August,

heute habe ich zum ersten Mal große Wäsche gehalten, damit all die kleinen Sachen recht rein und weich sind, wenn unser Kindlein sie braucht. Es ist ein so schöner Anblick für mich, wie all die niedlichen Dinge jetzt draußen im hellen Sonnenschein im Winde flattern. Die Sonne meint es recht gut mit uns in diesen Tagen; ich habe sie ja sonst immer gesucht, aber jetzt muß ich ihr doch zuweilen den Eintritt in unser Heim mit Hilfe der Rolläden verwehren. In der Stadt gehe ich nur noch wen dringend nötig, denn in den Trümmern ist die Hitze fast unerträglich. Draußen in der Natur, da empfindet man die Sonne und ihre Glut freilich mehr angenehm. Das war am Sonntag so schön, als ich mit Elisabeth in Gladbach war und wir lange Zeit am Waldrand im Grase lagen, und der Blick weit über die bunten Sommerwiesen, die Felder und Wälder ging. Ich hatte so Freude daran, daß das Kind neben mir so aufgeschlossen für all die Schönheit war, wie es mich auf manche kleine Dinge aufmerksam machte; das spielende Falterpaar, Blumen und Käfer, und mich dann lange Zeit schweigend meinen Gedanken nachgehen ließ. Die Freunde in Gladbach hatten sich so sehr bemüht

noch etwas für mich zu beschaffen. Unser Kindlein muß sich in seinem künftigen Leben recht bemühen, wenn es all der Güte gerecht werden will, die es schon vor seiner Geburt von den Menschen erfahren hat. Jeden Tag werden mir so neue kleine Freuden geschenkt, jemand bringt mir ein wenig Obst - ein sehr rarer Artikel -, ein anderer ein paar Blumen, eine aus Gladbach brachte mir dieses Briefpapier, nachdem ich gerade den letzten Bogen des anderen an Dich abgeschickt hatte. Als ich zuletzt in Bayenthal war, erfreute mich Mutter mit einer Anzahl Windeln, die sie aus alten Sachen genäht hatte. All diese Freuden und jede kleine Aufmerksamkeit nehme ich jetzt doppelt dankbar entgegen.

Mein August, es ist so schade daß unsere Briefe so lange Zeit brauchen bis sie ihr Ziel erreiche; wenn ich Dich darin um einen Rat frage, dann muß ich meist doch die Entscheidung alleine treffen ehe Deine Antwort bei mir sein kann. So war es auch mit der Frage ob ich nach Rheinbach oder Marialinden gehen soll. Ich habe mich für Rheinbach entschlossen als man mich auch dort schon zum 15. Sep. aufnehmen wollte. Das Kloster ist mehr auf diese Dinge eingestellt, ich bin durch unsere Tanten - die Schwestern des gleichen Ordens - bestens empfohlen, Arzt und Hebamme sind Papa Gilliam bekannt und die Verbindung ist günstiger. Da ich nun weiß, daß es Dir lieber ist, wenn ich auch nachher nicht gleich in Köln bleibe - 14 Tage - 3 Wochen kann ich wohl nachher in Rheinbach sein - habe ich in Marialinden angefragt, ob ich dort später noch unterkommen kann, was mir auch zugesagt wurde, wenn zu dem Zeitpunkt eben etwas frei ist. So glaube ich wohl die günstigste Lösung

gefunden zu haben. Es macht mich manchmal ganz traurig, daß ich solche Dinge nicht mehr mit Dir überlegen kann, aber ich versuche immer alles so zu entscheiden, wie ich glaube daß Du es am liebsten hast.

Gestern fiel mir ein kleiner Band Gedichte von Clemens Brentano in die Hand und als ich diese Nacht wieder lange wach gelegen hatte, habe ich darin gelesen. Die Worte des Dichters bringen so manche Saite des Herzens zum Klingen, besonders dann wenn das eigene Erleben an das Ausgesagte heranreicht. Ich habe in der letzten Zeit über der Fülle des eigenen Empfindens, Denkens und Erlebens und den notwendigen Arbeiten dieses Tun etwas vernachlässigen müsssen und wenn ich mir mal eine Mußestunde gönnte, dann habe ich sie im Brief oder auch nur in den Gedanken mit Dir zugebracht. Wenn wir aber einmal immer zusammen sind, dann werden wir den Werken unserer Dichter und Denker einen guten Platz in den Abend- und Feierstunden einräumen und wenn ich ihre Worte dann aus Deinem Munde höre, dann werden sie mir wohl noch viel mehr zu sagen haben als jetzt, da ich sie leise für mich lese. Aber auch jetzt will ich mir hier und da ein paar Minuten dafür nehmen, denn es wird gewiß auch unserem Kindlein gut tun, wenn ich mich zuweilen daran erfreue.

Liebster, in Deinem Sonntagsbrief v. 7. schreibst Du mir davon, wie Du da draußen in der französischen Dorfkirche das Fest der Verklärung des Herrn gefeiert hast, ohne zu wissen aus welchem Anlaß die Kirche an diesem Tag so froh das Gotteslob erklingen ließ. Ohne jede Hilfe von außen hast Du da Deinem Gott gegenübergestanden und in das Lob der Kirche das des eigenen Herzens hineingelegt. Am

gleichen Morgen, vielleicht zur selben Stunde habe ich im Altenberger Dom an dem selben großen Himmel und Erde verbindenden Geschehen teilgenommen und dabei wieder so ganz innig an Dich gedacht, Liebster. Mein August, es ist doch etwas Herrliches und Großes, daß unsere Kirche katholisch ist, daß überall, an allen Orten das gleiche Opfer gefeiert, das gleiche Lob des Herrn gesungen wird. Wenn Du das dort in der Fremde miterleben darfst so wie ich es hier tue, dann muß es Dir doch - selbst wenn manche äußere Dinge beeinträchtigen wie ein Stück Heimat sein, in der Deine Seele eine Weile daheim sein kann.

Mein lieber August, die Hitze ist fast unerträglich und „das Fleisch” ist so schwach und müde. Aber ich kann den Tag nicht vorübergehen lassen, ohne Dir etwas Liebes zu tun. Jetzt kann es ja nur in Gedanken, Worten und Gebeten geschehen; ach, daß es doch bald so sein kann, wie wir es uns wünschen und ersehnen!

Komm denn, Liebster, laß mich einen Kuß auf Deine Lippen drücken, auf daß alle meine Liebe darin wieder zu Dir gelange und die Deine mich beglückt. Mein August, ich bin ja mit unserem Kindlein so ganz

Deine Marga.