Marga Broil an ihren Mann August, 27. August 1944

Eine kleine Spanne Zeit
und der Morgen blüht im Tale
wie ein amaranthnes Kraut.
In dem weißen Kinderkleid
steht die Jungfrau sanft als Braut
singend im durchglänzten Saale
eine kleine Spanne Zeit.

Mein lieber August,

wieder ist Sonntag, Tag des Herrn. Wieder ist eine Woche vorüber und nun sind es nur noch fünf Wochen bis zu dem Tag, auf den wir Ausschau halten, an dem der Herrgott - so wollen wir es hoffen - uns unser Kindlein schenken wird. Als ich eben so darüber nachdachte, wie schnell doch die Zeit vorübergeht, da fielen mir die Worte des Liedes wieder ein, daß wir so oft miteinander gesungen haben, von der kleinen Spanne Zeit.

Mein August, wenn Du jetzt bei mir wärest - (da steht er nun wieder der Satz, der täglich und stündlich in meinen Gedanken kreist) - dann hätte ich sicher in diesen Tagen manch heimliche Vorbereitung getroffen für den morgigen Tag, das Fest Deinen Namens, dann hätte ich sicher alles aufgeboten, um Dir zu Deinem Tag recht viel Freude zu machen. Da mir dazu nun aber durch die Trennung und Ferne fast alle äußeren Möglichkeiten genommen sind, will ich es umso inniger heute in der Weise tun, die uns immer noch über alle Trennung hinweg möglich ist, im stillen Zusammensein der Gedanken und der Sehnsucht. Spüren wir nicht wie an solchen Tagen, die für uns von besonderer Bedeutung sind und die wir in unserer künftigen Familie

sicher in schöner Gemeinsamkeit begehen werden, die Liebe mit ganz besonderer Kraft und die Sehnsucht mit größerer Gewalt in uns aufbricht als sonst? Ja, an solchen Tagen spürt man doppelt die Zugehörigkeit zueinander, die Notwendigkeit des Zusammenseins und die Härte der Trennung. Gerade in diesen Tagen, in denen der Ernst des Krieges schwer auf uns lastet und das Glück des Erlebens unserer Liebe und das daraus uns erwachsende Geschenk unseres Kindleins über unser Fassungsvermögen steigt, hätten wir das Beieinandersein, das gegenseitige Helfen und Stützen so nötig. Aber wir müssen uns bescheiden und froh darum sein, daß uns im Brief immerhin noch eine so gute Möglichkeit dazu gegeben ist. Und ich muß Dir immer wieder sagen wie froh es mich macht, wenn Du diese Möglichkeit gemeinsamen Erlebens und gegenseitigen Helfens in Deinen Briefen in Anspruch nimmst. Wie kannst Du da noch zuweilen von Belastung sprechen. Ach Liebster, Du gehörst doch ganz mir wie ich Dir gehöre mit allem Frohen und Schweren, das mir begegnen mag oder im eigenen Wesen zutiefst verankert ist. Sieh' und alles war mir von Dir kommt, ruft das Bewußtsein des Einander-Angehörens neu in mir wach, besonders aber die ernsten und schweren Dinge, von denen Du das Belasten oft befürchtest; sie sind es doch, die unser gemeinsames Tun und Wirken mehr bedürfen als die frohen, beglückenden und darum nehme ich sie auch immer ganz besonders froh und dankbar von Dir entgegen. Wie oft hat mir schon ein Brief, aus schwerer Stunde heraus, so wie der letzte vom 9.8., ganz Entscheidendes von Dir gesagt und mir in Stellen Deines Wesens hineingeleuchtet, die mir bis jetzt noch dunkel und verschlossen waren. Ich wünschte

nur, ich könnte das, was sie in mir bewirken, Dir unmittelbar zurückgeben in die Stunde hinein, von der Deine Gedanken zu mir ausgegangen sind, denn dann ließe sich gewiß manche Frage viel leichter und klarer lösen und entscheiden als so, wo immer eine geraume Zeit dazwischen verstreichen muß.

Mit jener Offenheit, die mich immer so beglückt, hast Du mir wieder ganz viel aus Deinem Innern hervorgeholt. Du sagst mir von der Neigung zu einer mehr passiven Lebensführung und den Schwierigkeiten, die sich darauf für Dich ergeben. Das, wovon Du mir jetzt sprichst, habe ich in manchen Situationen unseres bisherigen Lebens schon erfahren, wenn auch nicht so klar und eindeutig, wie Du es in Deinem Brief zum Ausdruck bringst. Ich denke da besonders an den Anfang unseres gemeinsamen Weges, an die Stunde vor der Universität und den Tag des Abschiedes, als Du zu den Soldaten mußtest, wie da durch diese Deine Veranlagung alles aufs Spiel gesetzt zu sein schien und mir dadurch die Initiative in die Hand gelegt wurde; wie ich sie dann auch ergriffen habe aus der Notwendigkeit des Augenblicks heraus, obschon es mir nicht leicht fiel damit aus jener Passivität herauszutreten, die mir als Frau in dieser Beziehung als die gemäße erscheint. Mein August, die Erkenntnis, die Deine Überlegungen und die Erfahrung uns vermittelt, wird einmal für die Gestaltung unseres gemeinsamen Lebens und der Aufgaben, die daraus für uns beide erwachsen, von entscheidender Bedeutung sein. Über eines bin ich mir jetzt schon klar, daß eine solche Veranlagung durchaus nicht immer eine Verlagerung der Kräfte und Aufgaben zur Folge haben muß, wie es meist

den Anschein erweckt und auch zuweilen einmal Gebot der Stunde sein mag. Es ist vielmehr so wie Du schreibst, daß in dem größeren Wirkkreis und der vermehrten Verantwortung, die Dein Leben durch die Gemeinsamkeit unseres Lebens erfahren hat und erst recht in unserer künftigen Familie erfahren wird, schon die beste Hilfe für die Überwindung der Schwierigkeiten zu Grunde liegt. Ich glaube sicher, daß das, was der natürlichen Veranlagung vielleicht mangelt, durch die Liebe und Sorge um das Heil der Dir anvertrauten und sich Dir vertrauenden Menschen ausgeglichen wird, ganz gleich ob es nun innere oder äußere Belange geben mag. Es ist so schade, daß die Trennung und das Gebundensein des Soldatenlebens Dir jetzt so wenig Möglichkeiten gibt zu dem Tun, das Dir im Rahmen unserer Gemeinsamkeit und unserer Familie zusteht, daß ich so viele Entscheidungen alleine treffen muß, die Dir zuerst zuständen, wenn wir das Leben in Gemeinsamkeit, in seiner ungestörten Ordnung führen könnten. Du glaubst garnicht wie ich mich auf den Tag freue, da ich die Dinge, die ich nun noch stellvertretend für Dich verwalten muß, in Deine starken Hände legen kann und ich bin gewiß, daß sie nirgends besser aufgehoben sind als da.

Bei den Gesprächen, die ich in Wittlich mit Marianne geführt habe äußerte sie einmal, daß es ihr gewiß schwer falle würde sich später ihrem Manne unterzuordnen, wo sie doch jetzt ein so selbständiges Entscheiden und Handeln gewohnt sei. Gewiß wird es eine Umstellung sein, da die Frau in der Zeit des Alleinseins selbständiger und sicherer geworden ist, aber ich mache mich nicht bange davor und ich meine für den Mann muß es

doch viel schöner und beglückender sein zu wissen, daß sich seine Frau nicht auf Grund des eigenen Unvermögens ihm unterordnet und den Entscheidungen, die er als Haupt der Familie trifft fügt, sondern daß er darin eine Äußerung ihrer ganzen fraulichen Hingabe und Liebe erkennen darf. Ach, und kann es für eine liebende Frau etwas Schöneres geben als die Hingabe an den Geliebten immer wieder zu vollziehen, so oft ihr dazu die Möglichkeit gegeben ist, und sich seiner starken Führung anzuvertrauen!

Mein August, im Anschluß an diese Gedanken schreibst Du mir, daß Du immer eine gewisse Scheu davor habest in solchen Dingen allzu leichtfertig vom Wirken Gottes zu sprechen. Ich nehme an, daß Dich wohl manche Stelle in meinen Briefen zu dieser Äußerung veranlaßt hat. Objektiv gesehen hast Du zwar die gleiche Einstellung dazu wie ich - das zeigen mir die Gedanken, die Du mir darüber geschrieben hast, - aber sie so subjektiv anzuwenden wie ich es gewohnt bin, ist Dir vielleicht fremd. Da ich dies schreibe kommen mir wieder die Gedankengänge in den Sinn, die wir schon in unseren früheren Briefen über die persönliche Beziehung zu Gott und ihre Auswirkung im Gebet miteinander ausgetauscht haben. Wir sprachen damals davon, und ich meine das gleiche auch jetzt wieder anführen zu müssen, daß sich auch hier die Verschiedenheit von Mann und Frau, die Unterschiedlichkeit des Denkens und Fühlens in ihrer letzten seelischen Tiefe bemerkbar mache. Aber wir wollen das nicht nur so als Tatsache hinstellen, sondern auch da die Möglichkeit gegenseitiger Ergänzung suchen

und auswerten.

Mein lieber August, im Hinblick darauf, daß wir morgen das Fest Deines Namens feiern, wollte ich Dir heute einen ganz anderen Brief geschrieben haben, aber Dein Brief hat in mir so stark nach Antwort verlangt, daß alles andere dadurch zurückgedrängt wurde. Den ganzen schönen Sonntag, den ich so still in unserem Heim zugebracht habe, konnte ich ungestört über diesen Gedanken zubringen. Ach Liebster, es macht mich ganz traurig, daß ich Dir zu Deinem Festtag so garnichts tun kann von all dem, wozu die Liebe und Sehnsucht drängt. Könnte ich Dir doch wenigstens etwas schenken, das dem Ausdruck verlieh. Aber das sollte ich Dir noch geben von dem was ich bin und was mir gehört, da Du mich doch schon längst ganz besitzest, da ich Dir doch ganz angehöre durch all die glücklichen Stunden, in denen ich mich Dir schenken durfte. Ach August, ich denke daran wie es uns beglückt hat, wenn wir so ganz einander hingegeben waren und wenn Deine liebe Hand so behutsam Dein Eigentum, mein ganzes Sein mit Seele und Leib, immer wieder neu in Besitz nahm. Liebster, da es mich so drängt Dir zu Deinem Tag etwas besonders Liebes zu erweisen, so nimm mich auch heute wieder so ganz hin wie ich Dir gehöre, mich und unser Kindlein, durch dessen Dasein meine Liebe zu Dir so wunderbar vertieft und verschönt wird. So wollen wir über alle Trennung hinweg in Deinen Tag hineingehen. Mögest Du aus diesem Vereintsein etwas spüren von all dem, was ich für Dich in meinem Herzen trage.

Deine Marga.