Marga Broil an ihren Mann August, 28. August 1944

Eine kleine Spanne Zeit
und der Mittag sinkt zur Erde
wie des Schnitters Hand zum Schoß.
Eine Wiege steht bereit
und die Traube löst sich los
aus verschwiegener Beschwerde
einer kleinen Spanne Zeit.

Köln, den 28. August 1944, dem Fest des hl. Augustinus.

Mein lieber August,

heute ist Festtag bei uns daheim, denn obgleich Du nicht bei mir sein kannst will ich doch den Tag Deines Namens so festlich wie eben möglich begehen. Wie gut war es, daß die Flieger diese Nacht nicht da waren und ich ihn dadurch mit dem hl. Opfer beginnen konnte; denn dieses Tun, so wollen wir es auch für unser künftiges Leben halten, soll doch solchen Tagen das Gepräge geben. Ach, und wie war heute mein Herz so übervoll von all dem, was ich vor den Herrn hintragen wollte. So hat mir das hl. Opfer, in das ich all meine Wünsche und Sorgen für Dich, all meine Liebe und Sehnsucht hineinlegen konnte, ein reiches, tiefes Erleben geschenkt. Wie dankbar müssen wir heute zum Herrn aufblicken, da wir uns des Gnadenkreises Seiner Liebe besonders erinnern, an den Tag, an dem Er Dein Menschsein in der Taufe so hoch erhoben hat durch die Erwählung und Berufung der Gotteskindschaft. Ja, wir haben allen Grund, diesen Tag aus dem Gleichmaß der übrigen heraustreten zu lassen und so habe ich versucht, ihn wirklich als Festtag zu begehen. In der Stunde der Mittagsruhe habe ich das Bild Deines Namenspatrons, des großen heiligen Augustinus

vor mir erstehen lassen, der mit Recht der menschlichste unter den Heiligen genannt wird. Sowohl den Sünden des Geistes wie des Fleisches war er verfallen und gerade weil ihn die Gnade in den äußersten Tiefen der Schuld berührt und er noch im Zusammenwirken mit ihr die höchste Stufe des Menschseins, die Heiligkeit, erreicht hat, fühlen wir uns ihm im Bewußtsein unserer menschlichen Schwächen so verbunden und können leichter eine Beziehung zu ihm finden als zu den Heiligen, die gleichsam von Geburt an den Stempel der Heiligkeit trugen. Ist sein Leben nicht dazu angetan ein froher Hoffnungsstern für uns zu sein, wenn die menschliche Schwäche und unser Versagen uns mutlos machen wollen. Sieh' mein August, und ich meine gerade Dir hätte St. Augustin besonders viel zu sagen, wenn so manche Dinge des früheren Lebens dunkel ins Bewußtsein steigen und Dich zu belasten drohen - ich spüre ja so gut, wenn das geschieht - dann laß Dich doch nicht von ihnen niederdrücken, sondern betrachte sie als Hinweis auf die geistige Verwandtschaft mit Deinem großen Namenspatron und bitte ihn um seine Hilfe, Dir auch den Aufstieg zu ermöglichen, den er in so vollendeter Weise gemeistert hat. - Ich konnte das Wort der Schrift, daß im Himmel mehr Freude sei über den Sünder, der Buße tue, als über 99 Gerechte nie recht verstehen, aber spüren wir nicht, daß in der Möglichkeit zur Umkehr, die im Sünder liegt, auch eine größere Möglichkeit zur Verherrlichung Gottes gegeben ist. Darum soll es uns nicht mutlos machen, wenn der Pendel unseres Lebens einmal weit nach links ausgeschlagen ist, möge daraus ein Ausholen werden, um ihn nur noch weiter und dann endgültig nach rechts schwingen zu können.

Und wenn wir bedenken, welch ungeheure Macht das Gebet im Leben St. Augustins darstellt, wie überreiche Frucht das vertrauende Gebet der Mutter Monika gebracht hat, so soll es uns Anlaß sein auch unser Vertrauen und die Beharrlichkeit im Gebet nicht sinken zu lassen.

Das waren so die Gedanken, die die Betrachtung des Lebens des hl. Augustinus in mir hervorgerufen haben. Nachdem ich dann den dienstlichen Teil des Tages gut hinter mich gebracht hatte, will ich nun den Abend noch so recht als Festtag gestalten. In dem braunen Krug steht ein dicker Strauß roter Sommerastern, von denen ich weiß, daß Du sie gerne hast. Drei besonders schöne Blüten sind in der kleinen Vase vor Deinem Bild. Das Kleid, das ich trage, mußte im Hinblick auf Deinen Tag die erste Wäsche über sich ergehen lassen und meine Abendmahlzeit wurde zur Feier des Tages sogar mit Nachtisch bereichert. Das Wochenprogramm, in dem ich mir für jeden Abend bestimmte Arbeite vornehme, wird erst ab morgen aufgestellt; denn auch all diese äußeren Dinge sind entscheidend. Aber noch eine große Freude hat mit dazu beigetragen, mir den heutigen Tag zum Festtag zu machen: ein Brief von Dir. Mit so feinen Worten hast Du mir darin das Erlebnis der Geburt des Kälbleins erzählt und es hat mich so sehr beglückt, daß Dein Herz trotz allem schweren und drückenden Erleben des Krieges so weit geöffnet ist für solch stilles, zartes Empfinden. Ach Liebster, wenn ich Deinen letzten Brief hervorhole, dessen ernste Gedanken ich Dir gestern noch zu beantworten versucht habe, und dann diesen hier lese,

so meine ich ein Fremder könnte nicht glauben, daß sie von dem gleichen Menschen geschrieben worden sind. Ach August, Du weißt, daß mir das immer die meiste Freude bereitet, daß Du mich an allem teilnehmen läßt, an dem ernsten und schweren Erleben ebenso wie an dem frohen, beglückenden. So habe ich in dieser schönen, stillen Stunde am Abend Deines Festtages Deine feinen Worte der Schilderung des Erlebens in der Natur genau so froh und dankbar in mich hineingenommen, wie vor Tagen Deine ernsten Gedanken. Das Menschenleben ist ja ein fortwährendes Schwingen von einem Pol zum anderen und wenn es uns immer gelingt unseren Herzen den rechten Rhytmus in diesem Schwingen zu geben, dann werden beide Pole nur Gutes in uns bewirken. Mein August, wie gut kann ich verstehen, daß das Erlebnis bei den Tieren Dir besonders stark die Gedanken an mich und unser Kindlein wach gerufen hat. Überall wo in der Natur neues Leben wird, bei Pflanzen und Tieren, zieht unser Geist - mir geht es in der letzten Zeit besonders so - die Parallele zum größten Wunder des Werdens, der Geburt eines Menschen. Und wie unmittelbar werden wir beide, Du und ich, bald in dieses große Geschehen hineingenommen sein, da es ja unser Leben, unsere Liebe ist, die da zu neuem Dasein erwacht. Der Tiermutter im fremden Land konntest Du nahe sein und ihr einen Dienst in ihrer schweren Stunde erweisen; ich werde sie von Dir getrennt zu bestehen haben, aber der Gedanke, daß all Deine Liebe, Dein Denken und Beten mich in diese Stunde begleitet, wird mich stark machen.

Mein Liebster, die Nacht senkt sich hernieder nach diesem

schönen Tag, längst schon mußte ich die Lampe anzünden, um weiterschreiben zu können. Wenn Du jetzt bei mir wärest, würden wir sicher beim Dämmerlicht uns noch lange des stillen Zusammenseins erfreuen und uns alles sagen und erzählen und ganz glücklich sein. Ich wünsche so sehr, daß Dir der Tag da draußen auch wenigstens ein klein wenig Freude geschenkt haben möge. Sicher werden Deine Gedanken nun, da er von uns scheidet, zu mir herübergegangen sein, wie die meinen zu Dir und so können wir Deinen Tag trotz des Alleinseins und der Trennung in unseren Gedanken doch noch gemeinsam beschließen. Nimm meine Hände in Deine Hand und umschließe sie fest mit Deiner Treue. Ach, und da regt sich das Kindlein wieder unter meinem Herzen, als wolle auch es Dir über alle Schranken hinweg schon die kleinen Hände reichen. Ob es es übers Jahr an diesem Tage schon wirklich tun kann? Ach wie wäre das schön, wenn Du es dann zu Dir emporheben würdest, um es an Dein Herz zu drücken und den kleinen Mund mit einem Kuß zu schließen! Ich kann mich der Tränen nicht verwehren, da dieses Bild vor mir steht. „Gott mag es lenken, Gott mag es schenken, Er hat die Gnad'!”

Liebster, komm, so laßt uns zusammen das Nachtgebet sprechen zu dem uns der stille Schein der Kerze leuchtet und all unser Wünschen, Sehnen und Verlangen in Seine Hände geben, der es uns erfüllen und gewähren wird zu rechten Zeit

Deine Marga.