Marga Broil an ihren Mann August, 19. September 1944

Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen
verricht' das Deine nur getreu
und trau' des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt Er nicht.

Rheinbach, den 19. Sept. 44.

Mein lieber August,

die Aufforderung der Worte, die ich Dir an den Anfang dieses Briefes setze, will ich in diesen Tagen recht eifrig befolgen. Ja, wir wollen nicht stöhnen und klagen ob des Ernstes unserer Tage und unser Herz in Traurigkeit verschließen, sondern uns bemühen aus frohem, bereiten Herzen etwas Heilsames zu wirken. Uns beiden kann das doch jetzt, da uns das Glück des Zusammenseins wieder geschenkt worden ist, garnicht schwer fallen. Am Sonntag war hier in der Kapelle Anbetung, da habe ich aus ganzer Seele begeistert mitgesungen: „Herr großer Gott, dich haben wir, bekennen dich und danken Dir..” und wenn Du noch hier gewesen wärest, hättest Du es gewiß ebenso froh mitgesungen.

Liebster, welch große Freude war es mir, gestern am Telefon nochmal mit Dir sprechen zu können; die Freude verschlägt mir immer zuerst den Atem, daß ich kaum ein Wort hervorbringen kann, und das, was ich so gerne sagen möchte, bleibt dann ungesagt. Aber schon Deine Stimme zu hören, was bedeutet es mir? Und es lag ein so froher Klang darin, der auch mich ganz froh gemacht hat. Ja Lieber, wir haben allen Grund zur Freude, trotz allem, und es war schön, daß wir auch so ganz froh wieder auseinandergegangen

sind, sodaß es uns eigentlich garnicht wie ein Abschiednehmen vorkam. Als Du im Auto saßest, riebst Du Dir die Hände; das ist bei Dir immer ein gutes Zeichen. Ich sehe immer noch Dein liebes Gesicht vor mir, wie es mir im Fortfahren noch zugelacht hat, hoffentlich kann ich es recht bald wieder wirklich so schauen.

Seitdem Du hier bei mir warst, Liebster, bin ich noch einmal so gerne hier, es geht mir so wie in Wittlich, daß mir alles etwas von Dir zu sagen hat: die Wege durch den Garten, die wir zusammen gegangen; die kleinen Bäume, unter denen Du die Äpfel für mich aufgehoben hast; die „letzte Rose”, die sich jetzt ganz weit aufgetan hat; die große Blüte der Eispflanze, auf der wir die dicke Hummel miteinander betrachtet haben; das kleine Sprechzimmer, in dem wir die Stunden unseres Alleinseins so recht verkosten durften; die Bank in der Kapelle, wo wir nach langer Zeit wieder einmal gemeinsam vor dem Herrn gekniet haben. Wenn ich abends im Bett liege, denke ich daran wie schön es war, als Du auf dem gleichen Kissen neben mir lagst und ich wachend den tiefen Atemzügen Deines Schlafes gelauscht habe, und wie wird es erst einmal sein, wenn ich in wenigen Tagen - wie wir hoffen - unser Kindlein an die gleiche Stelle legen kann. Ach Du, wie wonnig sind all diese Gedanken, ich hänge ihnen so gerne nach wenn ich hier am offenen Fenster sitze und in den Garten hinausschaue, derweil die letzten kleinen Dinge für unser Kindlein unter meinen Händen erstehen. Die Sonne scheint oft noch so gut vom klaren Himmel, sie gibt dem Sommer einen sanften Abschied und ich freue mich, noch etwas von seiner letzten Schönheit mitzubekommen. Die Schwalben schwirren

in großen Scharen durch die Luft, sie sammeln sich für die große Reise in wärmeres und vielleicht auch friedlicheres Land. Ab und zu wagt sich sogar noch ein weißer Falter heraus, einer flatterte vorhin hier zum Fenster herein. Der Blick aus dem Fenster ist so schön: die kleinen Blautannen in ihrem schlanken Wuchs, das dunkle Grün der Fliedersträucher, die schlanken Birkenstämmchen neben den schwarzen Kiefern, dazwischen das leuchtende Rot der Blutbuche. In der Ferne fällt mein Blick auf den Kirchturm, von wo aus ich nun täglich das Läuten der Glocken hören kann. Es ist so schön still um mich her und niemand stört mir die Stille. Du glaubst nicht wie gut mir das tut. Ich komme mir manchmal ganz komisch vor, daß so garkein Zwang und Muß hinter mir steht, daß ich nicht auf die Uhr sehen muß und keine eiligen Geschäfte meiner harren. Daß ich das Schreiben an Dich so einfach in den Mittelpunkt meines Tages stellen kann, wo ich mir doch sonst die Zeit für dieses so liebe Tun immer fast stehlen muß. Ich kann hier so ganz innerlich ruhig werden und das wird unserem Kindlein und mir sicher gut tun. Wenn ich mich auch zu Hause bemüht habe, der Hast und dem Getriebe des Tages den Zutritt in mein Inneres zu verwehren, jetzt erst spüre ich, daß ich doch nicht frei davon war, daß die vielfältigen Anforderungen mir eigentlich zu wenig Raum für mich selbst gelassen haben. Nun aber habe ich Zeit und es ist ein herrliches Gefühl darüber nach Herzenslust verfügen zu dürfen. Gerade weil es so selten für mich ist, weiß ich es recht zu schätzen und meine Zeit in diesen Tagen soll ganz Dir und mir und unserem Kindlein

gehören und alles zusammen wieder dem Herrgott.

Du August, es ist fast so, als ob überall die Menschen darauf warteten, mir und dem Kindlein gut zu sein. Als ich vorgestern auf meinem Spaziergang - ich gehe täglich einige Stunden spazieren um beweglich zu bleiben - auf der Landstraße Fallobst aufhob, meinte ein Arbeiter, der aus einer nahen Werkstatt kam, das ist doch nicht Gutes. Wir sprachen noch etwas zusammen und er sagte ich solle am Abend nochmal dorthin kommen. Ich traf ihn aber nicht an. Heute mittag kam die Schwester, ein Mann aus dem Ort wolle eine Frau aus Köln sprechen, das könnte ich nur sein. Denke Dir nur, da stand der Mann da mit einer großen Tüte Äpfel, sicher 10 Pfund und einem dicken Strauß bunter Dalien. Auf mein Erstaunen sagte er nur schlicht, er wolle mir eine Freude machen und ich sollte wissen, daß es auch noch gute Menschen gibt; dann verabschiedete er sich bald wieder. Gerade in unseren Tagen wiegt die Begegnung mit solchem selbstverständlichen Gutsein doppelt schwer und es war mir wieder Anruf allen Menschen mit recht viel Liebe und Güte zu begegnen.

Eben habe ich wieder mit Mutter gesprochen, ach, was machen sich die Eltern für Sorgen, gerade jetzt wäre es nötig, daß ich bei ihnen wäre. Das von Dir im Tauschhandel mit Deinem Ortsbauernführer erstandene Päckchen mit Speck ist angekommen. Die Sorge, mir etwas zukommen zu lassen, hat Dich erfinderisch gemacht und es hat mich besonders gefreut, daß Du es Dir etwas hast kosten lassen; ich danke Dir dafür. Den Erhalt des Päckchens habe ich dem Absender direkt bestätigt.

Durch Mutter erfuhr ich auch, daß Anneliese Kramer einen gesunden Jungen, Michael, zur Welt gebracht hat. Ich werde ihm morgen den Taufbrief schreiben. Es macht mir immer so viel Freude, den kleinen Menschlein ein gutes Wort mit auf den Lebensweg zu geben; ach August, was ich aber unserem eigenen Kindlein mitgeben möchte, ich glaube das kann ich garnicht in Worten ausdrücken.

Aus Köln bekam ich heute zwei Briefe von Dir nachgeschickt, Dein erster Gruß nach der Ankunft in der Heimat und ein Brief v. 9. den Du wohl in Mechernich geschrieben hast. Mein Liebster, wie leuchtet mir aus diesen Briefen die Erwartung auf das Wiedersehen entgegen und wie herrlich-schön haben sich unsere kühnsten Erwartungen erfüllt! Meine Gedanken kreisen immer noch um das Erleben unserer gemeinsamen Stunden und ich bin gewiß, daß die letzten Tage der Erwartung unseres Kindleins ganz maßgebend unter ihrem Eindruck stehen werden. Mag auch der Ernst der Zeit uns bedrücken, die Not und das Leid des Krieges uns belasten, in die letzte Tiefe unseres Herzens hat das Glück des Zusammenseins eine stille, beständige Freude hineingesenkt, die sich behauptet gegen alle Anstürme. Ich bin so dankbar dafür, daß dem so ist, denn ich weiß doch, daß es für unser Kindlein so am besten ist.

Du warst noch hier im Hause, da bekam die junge Frau, mit der wir noch zusammen waren, schon ihren Jungen, einen kräftigen Kerl von 8 Pfund. Als ich sie so in ihrer schweren Stunde vor uns sah, von der Liebe des Mannes umgeben, habe ich sie doch

ein wenig um ihr Glück beneidet und gewünscht, daß ich Dich dann auch um mich haben könnte. Doch wir wollen uns bescheiden und hoffen, daß es Dir doch bald möglich ist zu uns zu kommen, zu mir und dem Kindlein. Vielleicht versucht Du zu dem Zeitpunkt, 2. Okt. einmal telefonisch Verbindung mit hier zu bekommen.

Mein lieber August, das ist aber ein rechter Plauderbrief geworden, ich habe mal wieder alles so hingeschrieben wie es mir gerade in den Sinn kam. Hoffentlich klappt es mit der Post jetzt, wor Ihr wieder im Lande seid, etwas besser, denn abschreiben kann ich ja hier nicht. Ich bin doch froh, daß Dir die früheren Briefe dadurch erhalten geblieben sind, es war ja das Einzige, was ich Dir bei Deinem Fortgehen diesmal mitgeben konnte.

Es ist spät geworden. Zum Schluß des Tages habe ich mir noch den Brief von Dir bewahrt, den ersten nach unserem Zusammensein, und ich freue mich so sehr darauf, mich davon beglücken zu lassen, ehe der Schlaf über mich kommt.

Schöner und inniger können unsere Gedanken nach unserem Zusammensein nun die Ferne überbrücken, die ja garnicht mehr so groß ist. Gute Nacht, mein Liebster, nimm meinen Segen zur Nacht, mein Gedenken und einen herzlichen Kuß

von Deiner Marga.