Marga Broil an ihren Mann August, 18. September 1944

Was helfen uns die schweren Sorgen?
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, daß wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

Rheinbach, den 18. Sept. 44.

Du, mein lieber August,

was wir in den langen Monaten der Trennung erhofft und gewünscht haben, was die Sehnsucht uns in vielfältigen Bildern bei Tag und Nacht immer wieder vor Augen gestellt hat, ist nun beglückende Wirklichkeit geworden: Du bist zu mir gekommen, Liebster, wie durften einander schauen, uns nahe sein und unsere Liebe in Worten und Zeichen des Zugetanseins kundtun. Ach August, ich bin noch garnicht fähig dazu Dir zu sagen, was mir unser Zusammensein gerade jetzt bedeutet hat. In den Tagen, die seitdem verflossen sind, habe ich stundenlang sinnend und träumend am offenen Fenster gesessen und in Gedanken nochmal alles nacherlebt, was uns in den Stunden des Zusammenseins als beglückendes Geschenk in den Schoß gelegt wurde. Mein Liebster, es war mir ja zuerst so unfaßbar, daß Du wieder bei mir warst, daß ich nach den Tagen langen Wartens - ach, wie tief sind all die Gefahren, die Dich bedrohten, in meine Seele eingegangen - wieder Deine Nähe spüren durfte und Du mir heil aus allem zurückgegeben warst; daß die Sehnsucht, die bisher immer das Schönste für mich war, wieder einmal schweigen konnte und unterging in dem Glück ihrer Erfüllung. - Wenn in den letzten Wochen

und Monaten die Menschen um unseres Kindleins willen so gut zu mir waren, so rief das nur umso mehr das Verlangen in mir wach, jene Liebe und Güte spüren zu dürfen, die mich allein beglücken kann: die Deine. Und die haben wir nun erfahren dürfen, unser Kindlein und ich, und wie fein hast Du sie uns geschenkt, Du Guter, ach, ich möchte Dir danken für jeden Blick Deiner Augen, für jede behutsame Berührung Deiner lieben Hand, für jede Gebärde Deines Leibes und jeden Kuß Deines Mundes, daß alles so war wie es war, denn es hätte nicht schöner und beglückender für mich sein können. Aus allem, was Du mir an Gutem und Lieben getan hast, leuchtete mir eine zarte Scheu entgegen, die mich - besonders im Zusammensein der Nacht - so stark an die ersten Tage und Nächte unseres Einsseins erinnerte. Damals war es die Unberührtheit meines Mädchentums, die Dir diese Scheu eingab, und diesmal habe ich darin die Ehrfurcht vor meinem gesegneten Leib, vor der Würde meines Mutterseins erkennen können. Ich kann Dir garnicht sagen wie glücklich mich das gemacht hat und wie dankbar ich Dir dafür bin. Und wenn die Erfahrung des früheren Lebens Dich Unsicherheit empfinden ließ im Hinblick auf die Haltung in unserem künftigen gemeinsamen Leben, - wie Du mir das einmal geschrieben hast - ist dann nicht gerade dieses unser Zusammensein dazu angetan, die Zuversicht in uns zu stärken, daß es uns gelingen wird das Leben miteinander in der gottgewollten Ordnung zu führen? Wenn wir bisher von jeder Begegnung, von jedem Zusammensein sagen durften, daß wir uns tiefer darin erkannt haben und unsere Liebe schöner daraus hervorgegangen ist, so gilt das erst recht von diesem letzten

Zusammensein.

Mein August, wieviel Freude hat es mir gemacht, daß es Dir nun doch vergönnt war, das Leben unseres Kindleins, wie es unter meinem Herzen wächst, zu spüren und zu erleben. Ich war oft zutiefst ergriffen von diesem wunderbaren Geschehen und habe manchmal versucht Dich im Brief daran teilnehmen zu lassen. Aber was sind alle Worte gegen die Wirklichkeit des Erfahrens, wie es nun auch Dir geschenkt worden ist! Ach, und wie wird unserem Kindlein diese erste Begegnung mit seinem Vater gut getan haben. Geistig und seelisch hat es Dich ja durch meine Liebe und all meine Gedanken an Dich schon täglich erfahren, und das alles wird sich nun in seinem kleinen Gemüt mit dieser körperlichen Begegnung verbinden. Es ist doch etwas Wunderbares, daß Du Dein eigenes Leben, - denn das Kindlein ist doch Leben von Deinem Leben - durch die Hülle meines Leibes hast wahrnehmen können. Was war es für ein beglückender Augenblick als die Zuckungen seines kleinen Leibes Deinen und meinen Leib in gleicher Weise durchfuhren und auch Dir das Erleben schenkten, das für mich immer der schönste Trost und die stärkste Verbindung in der langen Zeit der Trennung gewesen ist. Wenn uns das nächste Zusammensein geschenkt wird, dann wirst Du - so wollen wir es hoffen - unser Kindlein wohl mit allen Sinnen wahrnehmen können. Ach Liebster, wenn es jetzt schon so schön war, wie wird es dann erst mal werden!

Das einzige, was mein Glück in den Stunden des Zusammenseins beeinträchtigte, was das Unvermögen, mehr für Dich zu tun. Wie groß war mein Verlangen, die seelischen Belastungen, die das Erleben

des Krieges Dir auferlegt und auch in Dein Antlitz gezeichnet hat, mit Dir zu tragen und Dir die vielen kleinen fraulichen Dienste zu erweisen, die in einem normalen Zusammenleben Selbstverständlichkeit sind, auf die Du nun schon so lange hast verzichten müssen. Auch Dich haben ähnliche Gedanken bewegt, da Du von dem „Zu-Besuch-Sein” sprachst. Sieh' wenn uns durch die jetzigen Gegebenheiten auch die Möglichkeit zu manchem Tun genommen ist, das Füreinander-Dasein, das auch in der Trennung jedes Tun des Einzelnen zu einem Gut-sein für den anderen werden läßt, kann uns doch nicht verwehrt werden. Wie hat unser Zusammensein das Bewußtsein um dieses Füreinander-Dasein wieder gestärkt, wie haben wir die Ganzheit und Totalität unserer Zugehörigkeit zueinander wieder erfahren dürfen. Sieh' Liebster, und das scheint mir für den Bestand und das Wachsen unserer Gemeinsamkeit wesentlicher zu sein als alles noch so gut gemeinte äußere Tun, das ja in der Unsicherheit der jetzigen Lage schon von vorneherein zur Fragwürdigkeit verurteilt ist. Wir wollen jeder für sich und auch gemeinsam jede Möglichkeit zu fruchtbarem Wirken füreinander erfassen und daran denken, daß die Formung und das beharrliche Arbeiten an uns selbst vielleicht auch das wertvollste Wirken für den anderen ist. Mein lieber August, laß es heute mit den wenigen Gedanken genug sein. Wenn ich Dir alles aufschreiben wollte, was das Zusammensein mit Dir in mir bewirkt hat, fände der Brief noch lange kein Ende. So sage ich Dir für jetzt recht herzlich Lebewohl. In Liebe und Freude

Deine Marga.