Marga Broil an ihren Mann August, 20. September 1944

Herr, Herr, nun sind die Wehre
gewaltig aufgetan
nun treiben wir im Meere
im ew'gen Ozean.
Die Ufer sind verschwunden,
o Herr, in Deinen Wunden
geht unsre tiefe Bahn.

Rheinbach, den 20. Sept. 1944.

Mein lieber August,

ich bin wieder in dem kleinen Sprechzimmer, in dem wir heute vor einer Woche - ich kann garnicht verstehen, daß es schon 8 Tage her sind - so schöne gemeinsame Stunden verlebt haben; und nun komme ich von hier aus wieder im Briefe zu Dir.

Eben ist in dem zweiten Bett meines Zimmers wieder ein neues Menschlein zur Welt gekommen, ich habe es gleich nachdem es den ersten Schrei getan hatte sehen dürfen: welch ein Wunder! Ach, und daß das gleiche Wunder unter meinem Herzen schlummert und ich es bald auch so erleben soll wie diese Mutter, es ist doch unbegreiflich. Ich habe Frau Niewöhner bei ihrem Wirken beobachtet, wie ruhig und sicher und liebevoll sie alles macht, wie sie dann der Mutter das Kindlein hinreicht, ihr Weihwasser reicht, damit sie als erste Tat an dem Neugeborenen das Kindlein segnet. Was müssen das doch für unvergeßliche Augenblicke sein. Ich bin recht froh darum, daß ich das einmal miterleben durfte, ehe es für mich selbst geschieht, denn die Bereitung darauf kann darum umso schöner und tiefer sein. Es ist nur so traurig wenn man sieht, daß ein Kindlein nicht

mit der Freude aufgenommen wird, wie man es doch eigentlich erwarten müßte. Ach August, Du weißt mit wieviel Freude ich dem Kommen unseres Kindleins entgegensehe und nun, da Du einmal das Glück miterleben durftest, das mir sein kleines Leben jetzt schon bereitet, kannst Du auch sicher verstehen, daß es so ganz im Mittelpunkt meines Denkens und Erlebens steht. Wenn ich auch in den Briefen immer wieder versucht habe, Dir davon zu erzählen, so wußte ich doch nie recht ob es mir gelingen würde, wie ich es gerne möchte. Wie froh und dankbar bin ich darum, daß ich Dich bei unserem Zusammensein nun wirklich daran teilnehmen lassen konnte und daß es auch Dir ein so großes Erleben war.

Mein lieber August, jeder Tag bringt mir eine Freude und wie groß war meine Freude über Deine beiden Briefe, die ich gestern am späten Abend zuerst und heute immer wieder gelesen habe. Ach Du, es ist doch etwas Herrliches, daß uns trotz allen Ernstes unserer Tage aus unserer Gemeinsamkeit soviel Glück und Freude ersteht, daß wir es trotz aller Nöte und Besorgnisse so tief zu erleben vermögen. Aber vielleicht ist es auch gerade die äußere Bedrohtheit, die uns umso fester die Schönheiten solchen Erlebens ergreifen und verkosten läßt. Und wir wollen uns ihnen auch getrost ganz hingeben, um aus ihrer Fülle schöpfen zu können, wenn einmal Schweres von uns gefordert wird.

Am Donnerstag, den 21. Sept. Gestern abend konnte ich nicht mehr weiterschreiben, aber in meinen Gedanken war ich noch lange mit Dir zusammen, so ganz schön und still wie wir es vor einer Woche noch wirklich sein konnten. Du Liebster,

wie schön werden nun die letzten Tage der Erwartung unseres Kindleins noch für mich werden, nachdem Du bei mir gewesen ist. Wie das Bewegen unseres Kindleins durch Deine Gegenwart stärker war als je zuvor und nun wieder stiller geworden ist, so hat auch die Sehnsucht, die sich in der langen Zeit der Trennung immer mehr gesteigert hatte, in unserem Zusammensein eine so feine Erfüllung gefunden, daß sie abklingen konnte und in einem tiefen Glücklichsein und einer schönen, inneren Ruhe aufging. Der dadurch hervorgerufene Gemütszustand wird sicher gut sein für das Kindlein und mich und keine äußeren Einflüsse sollen ihn mir trüben.

Gestern habe ich fast den ganzen Tag an dem Taufbrief für den kleinen Michael Kramer geschrieben und noch ein besonderes Wort an Anneliese. Ich werde ihr gewiß eine Freude damit machen und das ist schon ein wenig Mühe wert. Heute ist Finni fast den ganzen Tag bei mir gewesen, die treue Seele hat sich trotz aller Bedenken nicht davon abhalten lassen. Es war ein so schöner sonniger Tag und wir sind lange miteinander spazieren gegangen. Sie nimmt so herzlich Anteil an unserer Freude, kein Tun für mich ist ihr zuviel. Sie hat mir noch einige Dinge mitgebracht, die ich hier gut gebrauchen kann, u. a. auch die Kindersachen von Dir, die ich - eben weil Du sie mir geschenkt hast - besonders gern unserem Kindlein anziehen werde. Nun ist die kleine Aussteuer schon recht reichhaltig und ich denke daß ich hier auch noch einige Sachen selbst machen kann.

Mein Liebster, Du schreibst mir so schön von der Stunde des Sonntags, die Du mit meinen Briefen verbracht hast. Ich bin ganz froh, daß sie durch das Abschreiben erhalten geblieben sind, denn jedes Wort, das wir aneinander richten, ist doch ein Stück Hingabe unserer selbst und damit Besitztum dessen, dem es geschenkt wurde. Ich habe mich gefreut, daß Du besonders den Brief erwähnst, der mir am meisten am Herzen lag, weil wir in ihm so wesentliche Dinge für unser gemeinsames Leben besprochen haben. Es wird gut sein, wenn wir bei einem künftigen Zusammensein nochmal all die Gedanken miteinander durchgehen, die in unseren Briefen hinüber und herüber gegangen sind. Ach August, was wird das ein schönes Wirken geben, wenn wir all diese Erkenntnisse und Erwägungen im praktischen Leben, im dauernden Zusammensein auswerten können. Je mehr wir einander aus unseren Briefen und im Beisammensein kennenlernen dürfen, umso größer wird die Erwartung und Zuversicht mit der wir der endgültigen vollen Gemeinsamkeit entgegensehen; in der wir einander helfen wollen die besten Eigenschaften unseres Wesens zu voller Entfaltung zu bringen und die Schattenseiten gemeinsam zu überwinden. Gleichzeitig werden wir dann auch schon an dem dritten, neuen Menschenleben formen und bilden, das der Herrgott uns anvertrauen will. Die ganze Kraft unseres guten Willens, dessen Einheitlichkeit uns so erfreut, wollen wir zum Einsatz bringen und den Herrn bitten, daß Er unser Werk mit seinem Segen begleite und gelingen lassen möge. Liebster, mit aller Freude und Liebe meines Herzens bin ich mit unserem Kindlein

Deine Marga.