Marga Broil an ihren Mann August, 23. September 1944

Sonn', Mond und Sterne schwimmen
den Schiffen nebenher,
es blitzen Engelstimmen
wie Fische aus dem Meer
in jubelndem Gewimmel,
da blüht ein neuer Himmel
verklärt und wolkenleer.

Rheinbach, den 23. Sept. 1944.

Mein lieber August,

als ich gestern abend noch eine Weile am Fenster stand, um die kühle Nachtluft noch etwas ins Zimmer zu lassen, da wölbte sich ein klarer Sternenhimmel über dem schlafenden Städtchen; es tat so wohl zu seiner Schönheit hinaufzuschauen, es überkommt einen dabei ein Gefühl von Geborgenheit, Ruhe und Friede und ich habe den bewegten Tag, an dem die Flieger lange Stunden hier allerhand angerichtet haben, fast darüber vergessen. Meine Gedanken gingen, wie immer in solchen Stunden, mit besonderer Innigkeit zu Dir hin. Irgendwo - wo mag es wohl sein? - wölbt sich der gleiche Sternenhimmel auch über Dir und überbrückt uns die Ferne, die nach den seligen Stunden des Zusammenseins nun wieder zwischen uns liegt. Aber es ist nicht mehr die Ferne des fremden Landes, die ständige Gefährdung des Kampfes; ich weiß Dich wieder in der Heimat, auf dem Boden unseres geliebten Vaterlandes, das in diesen Tagen trotz des Einsatzes unserer Soldaten so arm und bloß der Macht des Feindes preisgegeben ist. Es muß uns doch in tiefster Seele schmerzen, wenn wir bedenken, was heute mit ihm geschieht und ich entdecke immer einen gewissen Zwiespalt in mir selbst, daß ich nicht weiß, welchen Ausgang ich

den Geschehnissen wünschen soll. Wenn es auch den Anschein hat, als ob allein Macht und Gewalt das Schicksal der Völker zu entscheiden habe, wir wissen, daß es in der Hand dessen ruht, der auch das Geschick jedes Einzelnen nach weisem Plan bestimmt. August, ich bin so froh darum, daß unsere Einstellung auch in diesen Dingen so schön übereinstimmt, während uns täglich von allen Seiten die unterschiedlichsten Meinungen begegnen.

Während der letzten Nacht wurden hier verschiedene Soldaten eingeliefert, die bei den Tiefangriffen gestern verletzt wurden. Zwei davon sind schon gestorben und während ihr Leben vom Haß und Zwietracht der Menschen zerstört, ausgelöscht wurde, tat im Zimmer neben mir ein neues Menschenkindlein sein erwachendes Lebenslicht mit einem kräftigen Schrei kund. Dort das traurige Zeugnis des Hasses und der Zerstörung, die gerade in unseren Tagen so weiten Raum gewonnen haben, und hier die lebendig gewordene Liebe zweier Menschen, die sich im geheiligten Raum der Ehe ganz einander hingegeben haben und deren Wirken die schönste Frucht göttlichen Segens tragen durfte. Welch denkwürdige Begegnung! O, möchte doch die Liebe, die reine, echte, wahre Liebe, die im Verborgenen noch in so manchem Einzel- und Familienleben wohnt, in dem kleinen Bereich der Wenigen so stark Wurzel fassen, daß sie endlich den engen Raum sprengen muß und dann auch zur gestaltenden Kraft wird, die das gemeinsame Leben der Menschen auch im großen Raum der Völker bestimmt.

Der Einzelne kann freilich dem Ablauf der Geschehnisse nicht in den Arm fallen; so sehr es uns auch bedrücken mag, nicht direkt Hand anlegen zu können. Aber tatenlos zusehen brauchen wir auch

nicht, denn wie wir durch unser Gebundensein an die Gemeinschaft des Volkes und der Menschheit mit deren Schuld schuldhaft geworden sind, so wird auch jede gute Tat in dem kleinen, stillen Bereich unseres persönlichen Lebens nicht in sich beharren, sondern über dessen Grenzen hinaus auch für die größere Gemeinschaft wirksam werden. - Von allen Seiten werden uns die Beweggründe sichtbar, die uns zum Einsatz all unserer Kraft zur Formung und Bessergestaltung unseres Lebens anspornen. Eindringlicher und verpflichtender als alle übrigen ist doch für uns das Kommen unseres Kindleins, dem wir doch sowohl in der besten Entfaltung unserer Persönlichkeit als Vater und Mutter, wie auch im guten, von der Liebe geleiteten Stehen zueinander, den guten Mutterboden bereiten wollen, aus dem die kleine Menschenblume alle Kraft und Nahrung findet, die sie zum Blühen und Gedeihen nötig hat. Ach August, möge es uns doch gelingen, daß unsere Familie eine Heimstatt der Liebe werde, eine kleine Insel des Friedens inmitten der Brandung von Krieg und Vernichtung.

Aber wieviel bleibt uns noch zu tun, um den Anforderungen zu entsprechen, die damit an uns gestellt werden. Hier in der Stille ist es mir möglich gewesen einen tieferen Blick ins eigene Wesen zu tun, als es im Getriebe des Alltags möglich ist. So manche Abgründe tun sich da auf, über die ich sonst allzu leicht hinweggesehen habe. In dem Buch „Im Herrn” fand ich ein Gebet um Demut. Ich muß dabei an unser Gespräch mit Dr. Hiß denken und habe zugleich einsehen müssen, wieviel mir selbst noch mangelt und wie sehr ich noch an mir arbeiten muß, wenn nur ein

kleiner Abglanz dieser Tugend in meinem Wesen sichtbar werden soll. So erfreulich es ist, daß alle Menschen gut zu mir sind, daß ich überall mit offenen Armen aufgenommen werde - wie ich das ja auch hier wieder erfahren habe - manchmal meine ich, es täte mir mal ganz gut, wenn mich mal jemand abfallen ließe, mich gering einschätzte, wenn mein Urteil einmal abgewiesen und meine Person anderen nachgesetzt würde. Denn wenn man nur das andere erfährt, wie es bei mir ist, besteht die Gefahr, daß das Selbstbewußtsein zu sehr gesteigert zur Selbstgefälligkeit wird. Wie abstoßend empfinde ich es immer wenn ich Menschen begegne, bei denen diese Selbstgefälligkeit in einem greifbaren Geltungsdrang zum Ausdruck kommt; aber es ist da vielleicht nicht so gefährlich, als wenn sich das Übel im äußersten Winkel des Herzens verborgen hält und zum Hindernis für die Haltung wird, die wir als Demut bezeichnen.

Als ich in dem Gebet um Demut die Bitten las: „Von dem Wunsche geliebt, gelobt, geehrt, gebilligt ... zu werden, befreie mich. Von der Furcht verachtet, zurückgewiesen, verleumdet, vergessen zu werden, befreie mich.” da mußte ich doch erkennen, wie weit ich noch von der Demut entfernt bin. Wenn sich auch all diese Dinge zunächst auf die Beziehung zu den Menschen beziehen, sie sind aber im Grunde auch mitbestimmend für die Haltung Gott gegenüber. Und für den Menschen ist doch die Demut die einzig mögliche und ihm gemäße Haltung in der Begegnung mit Gott, wie wir das ja auch damals in unserer Aussprache so klar herausgestellt haben. Es tut also not, sich um diese Haltung zu mühen und darum zu beten: Jesus, demütig von Herzen, bilde unser Herz nach Deinem Herzen.

Mein lieber August, ich gebe Dir diese Gedanken so wieder, wie sie mir gekommen sind, denn seitdem wir unser Leben in so voller Gemeinsamkeit führen, gehört ja jede Erkenntnis des Einen auch dem Anderen und aus dem gemeinsamen Wissen um die Höhen und Tiefen unseres Wesens soll das gemeinsame Wirken, Schneiden und Binden, Jäten und Säen erwachsen, das die Voraussetzung ist für die Erfüllung der Aufgabe, die uns in der Gemeinsamkeit unseres Weges gestellt ist. Ach August, weißt Du wie sehr es mich immer dazu drängt, Dir mein ganzes Inneres, so wie es ist, ohne alle Beschönigung und Verbrämung, zu erkennen zu geben, es ganz bloß in Deine Hände zu legen und in Deiner Liebe zu bergen! In der Begegnung mit anderen Menschen ist ja das Eigentliche meines Wesens immer verborgen und oft muß ich mir den Vorwurf machen, daß ich noch bewußt über das übliche Kleid einen Mantel hülle. Vor Dir aber, Liebster, will ich so stehen wie ich vor Gott stehe, in der letzten Wirklichkeit meines Seins, und es ist immer so beglückend für mich, wenn ich bei Dir - im wirklichen Zusammensein und auch im Brief - so ganz ich selbst sein darf, wenn ich ohne Scheu und ohne Furcht mißverstanden zu werden, mich ganz Dir zeigen kann wie ich bin und dabei spüre wie das Bild, das Du von mir trägst, sich immer mehr meinem wirklichen Sein angleicht.

Es ist schon spät, aber seitdem ich heute mittag das Einzelzimmer neben dem bisherigen bezogen habe, bin ich nicht mehr so abhängig wie bisher und bei der kleinen Nachttischlampe läßt sich noch gut schreiben. Ich habe recht lange über diesem

Brief hier gesessen, denn zwischendurch lösten sich die Gedanken immer wieder vom geschriebenen Wort, um frei zu Dir hinüber zu gehen. Es ist Samsagabend, ich denke an unser gutes gemeinsames Tun in der Krypta daheim. Wie magst Du diesen Abend und den morgigen Sonntag wieder zubringen? Hoffentlich bringt mir die Post bald Nachricht von Dir. Wenn ich auch nicht weiß, ob meine Briefe, die ich noch unter der alten Nummer absende, Dich erreichen, ich muß Dir trotzdem schreiben und es fehlt mir etwas am Tag, wenn ich es nicht getan habe.

Zwei Nachrichten erreichten mich heute, eine frohe und eine ernste. Frau Raskop schrieb mir, daß sie ihr 4. Kindchen gut zur Welt gebracht hat, einen kleinen Johannes. Dann erfuhr ich von Finni daß Jupp Dresen in Rußland vermißt wurde. Wieder einer aus unseren Reihen; wer von den vielen, die ausgezogen sind, wird am Ende des Krieges wieder heil und unbeschadet heimkehren? Nun muß ich für heute wieder Abschied von Dir nehmen. Die Feier des hl. Opfer morgen früh wird uns wieder vereint finden, denn all mein Tun geschieht ja ganz bewußt für Dich mit; ach, wird das schön werden, wenn wir all das wieder gemeinsam erleben dürfen. Gute Nacht, Du mein Liebster, denke an mich und das Kindlein, auf daß wir auch die letzten Tage unseres Advents noch gut bestehen.

Deine Marga.