Marga Broil an ihren Mann August, 24. September 1944

Herz Christi, wir durchfahren
Dein Lieben ohne Ziel,
in ungezählten Scharen
mit freudeblankem Kiel.
O seliglich wer trunken
vom Rand des Schiffs gesunken
in Deine Fluten fiel.

Rheinbach, den 24. Sept. 1944.

Mein lieber August,

es ist Sonntag heute und obschon die Tage hier für mich fast alle ein sonntägliches Gepräge tragen, spüre ich doch die Besonderheit dieses Tages. Ach wenn das doch auch bei Dir in der Gleichförmigkeit des Soldatenlebens möglich wäre! Die Arbeit an den Dingen für unser Kindlein, die sonst den größten Teil des Tages ausfüllt, habe ich heute einmal ruhen lassen und mir nach langer Zeit einmal wieder eine besinnliche Lesestunde gegönnt. Aus dem Büchlein von Guardini, das auch Du so schätzt, habe ich wieder manch wertvollen Gedanken in mich aufnehmen können. Welch großes, wunderbares Gottesbild leuchtet einem aus den Worten des Buches entgegen und wie klein und unwürdig erscheint daneben dasjenige, das wir im eigenen Herzen tragen. Es tut not, daß wir dieses Bild immer wieder an dem der Großen, Berufenen, zu denen wir Guardini sicher rechnen dürfen, ausrichten und erneuern; denn je größer und schöner unsere Gottesvorstellung ist, - sie kann ja immer nur ein Ahnen bleiben, da die Wirklichkeit Gottes für uns unergründlich ist - umso größer ist die Kraft, die sie uns zur Gestaltung unseres Lebens verleiht.

Wir müssen dieses Büchlein später einmal zusammen durcharbeiten,

denn ich fand darin so manche Antwort auf Fragen, die hier und da einmal in Deinen Briefen aufgetaucht sind, denen ich aber nicht zu entsprechen wußte.

Von dem gestrigen Tag muß ich Dir noch erzählen. Schon früh am Morgen habe ich einen Weg durch die Felder gemacht, über denen der Himmel schwer und grau hing. Es war ganz still draußen, niemand war weit und breit außer mir unterwegs, nur am Horizont erkannte ich ganz winzig klein einen pflügenden Bauer, der die Erde, die ihre Frucht hergegeben hat, nun schon für die kommende Saat bereitet. In der Ferne wurde ein dunkler Streifen hinter den Feldern sichtbar, das mußte sicher der Wald sein, nachdem ich hier schon so lange vergeblich gesucht hatte. Munter schritt ich darauf zu, die steigende Straße hinan. Auf der Höhe strich mir der Wind, der schon recht herbstlich ist, recht unsanft um die Ohren und ich war froh als mich bald darauf der Wald in seine schützende Obhut nahm. Da war es so still und friedlich wie in einer Kirche, nur das leise Tropfen von den Blättern war vernehmbar. Ich hielt den Atem an, um das Glück dieser Stille recht zu genießen und ließ den Blick über das weite ebene Land gehen, über die Dächer des kleinen Städtchens, aus denen der Turm der Kirche stolz hervorragt. Es war so ein friedliches Bild, das mit den Gedanken an den Krieg garnicht zu vereinbaren war. Doch ich sollte nur zu bald wieder an seine rauhe Wirklichkeit erinnert werden, denn als ich weiter in den Wald hineinkam war er ein einzig großer Lagerplatz von Fahrzeugen, die hier Schutz vor der Sicht aus der Luft gesucht hatten. Die Soldaten

standen und lagen überall herum und man sah ihnen an, daß sie mit dem Tag nichts Rechtes anzufangen wußten. Ich mußte daran denken, daß auch Du in Frankreich zur Deckung der Fahrzeuge sicher manchen Tag so hast verbringen müssen und wie schwer Dir das gefallen sein mag. Ich bin nicht weiter in den Wald hineingegangen, da die Stille, die ich suchte dort gestört war, sondern habe langsam den gleichen Weg zurück genommen. Am Waldrand habe ich mich an den dicken schwarzen Brombeeren gelabt - weißt Du noch wie schön es war, wie Du sie mir im vorigen Jahr in Wittlich lachend in den Mund geschoben hast? Am Wegrain standen noch einige späte Kinder des Sommers, Margareten und ganz Büsche leuchtend gelber Löwenmäulchen. Davon habe ich mir einen großen Strauß ins ins Zimmer gebracht. Aber ihre Schönheit wird bald dahin sein, denn auf den Wiesen zeigen sich schon die zarten, blaßlila Blüten der Herbstzeitlose, die ja den Abschluß des bunten Blumenreigen bildet.

Derweil ich hier sitze und schreibe und die Gedanken zu Dir hingehen, geht draußen der Herbststurm mächtig um das Haus; es zerrt die Bäume hin und her und sein Rauschen ist wie die Melodie eines wilden Landsknechtliedes. Der Regen fällt in dicken Tropfen. Das ist so recht das Sonntagswetter, das ich mir als Kind immer gewünscht habe, weil wir dann nicht mit den Eltern spazierengingen, sondern daheim blieben, wo es so recht gemütlich war, wenn wir alle um den großen Tisch saßen und Vater erzählte. Oft saß ich dann auch still für mich in einer Ecke und konnte mich stundenlang an der Betrachtung von Bildern erfreuen, die

ich irgendwo her zusammengeholt hatte.

August, wie schön wird es einmal werden, wenn wir in unserem Heim solche Stunden miteinander verleben dürfen. Manchmal scheint das Geschehen des Krieges uns die Aussicht darauf ganz in Frage zu stellen, und doch können wir nicht darauf verzichten uns diese ersehnten Bilder unseres künftigen Lebens immer wieder vor Augen zu stellen. Gerade jetzt in diesen stillen letzten Tagen vor der Ankunft unseres Kindleins male ich mir in Gedanken so gerne aus wie das später alles mit uns sein wird, wenn Du und ich und unser Kindlein einmal immer zusammen sein dürfen. Und mögen dann die äußeren Bedingungen für dieses Zusammensein noch so schwer sein, wenn nur die Trennung, das Fernsein einmal aufhört und uns damit die Möglichkeit zu täglichem gemeinsamen Wirken gegeben ist, ich meine dann muß doch alles gut für uns werden.

Ob der Sonntag, der gleich zu Ende geht, wohl der letzte ist, den unser Kindlein noch unter meinem Herzen zubringt? Die Tage eilen so rasch dahin und immer näher rückt der große Tag, der uns das ersehnte Ereignis bringen wird. Alles in mir ist voll froher Erwartung, ganz ähnlich wie es an den Tagen vor unserer Hochzeit war. Ich weiß, daß Du in diesen Tagen ganz besonders innig an uns denken wirst, das hilft mir über das Alleinsein hinweg. Komm Liebster, wir wollen uns gemeinsam die glückliche Ankunft unseres Kindleins vom Herrn allen Lebens erbitten, es soll das große Anliegen all unseres Denkens und Betens sein, in dem wir uns ganz eins wissen. Du und ich

Deine Marga.

(Diesen Brief schicke ich mal an die andere F.Nr. 4 St. habe ich noch an die alte geschickt, hoffentlich kommen sie an.)