Marga Broil an ihren Mann August, 26. September 1944

Sie tragen ihn zum Grunde,
der läßt ihn nimmer los,
er liegt mit hellem Munde
in Deinem tiefen Schoß.
Sonn', Mond und Sternenhelle
erblicken an der Stelle,
o Meer, wie bist du groß!

Rheinbach, den 26. Sept. 44.

Mein lieber August,

seit gestern morgen regnet es fast ununterbrochen, ganz schwarz und düster ist der Himmel und die Wolken lassen keinen Sonnenstrahl hindurch. Ich war zuerst versucht den Regen gram zu sein, weil er mich zu Stubenarrest verurteilt und die Bewegung in der frischen Luft jetzt doch viel besser für mich wäre. Aber da erinnerte ich mich daran, daß Du doch dem Regen Deinen glücklichen Übergang über die Seine verdankst und das doch Grund genug für uns ist, nie mehr über sein Dasein zu murren, es vielmehr im Gedenken daran recht froh hinzunehmen. Weißt Du, verdient hattest Du diese Guttat des Regens ja bestimmt nicht, wenn ich nur an den regnerischen Abendspaziergang am Rhein und den „Brummbär” auf dem trüben Morgengang nach Altenberg denke. Sollten künftig nochmal solche „Situatiönchen” - wie Du es einmal im Brief genannt hast - eintreten, so wird die Erinnerung an den Seineübergang ein wirksames Gegenmittel dafür sein. Ich weiß, wenn Du diese Zeilen liest, wirst Du lächeln, mit dem lieben Lächeln, das ich so gerne an Dir habe, daß ich die Dinge so personifiziere; aber das liegt mir nun einmal und die

Beziehung zu ihnen wird dadurch eine viel nähere.

Also, ich habe mich mit dem Dasein des Regens und dem damit verbundenen Stubenarrest ganz gut abgefunden und die Zeit dazu benutzt unserem Kindlein zu dem von Dir mitgebrachten weißen Wolljäckchen ein passendes Mützchen zu stricken. Es war so schön dabei zu denken, wie sich in der kleinen Garnitur, die unser Kindlein zur Taufe tragen soll, die Sorge des Vaters und die Arbeit der Mutter miteinander verbinden und es schien mir gleichnishaft dafür zu sein, wie sich später einmal unser gemeinsames Wirken an unserem Kindlein zu einer guten Einheit auswirken soll. Jeder von uns wird dazu sein Bestes hergeben, dem kleinen Menschenkind alles angedeihen zu lassen an Seele und Leib, was ihm den Weg zu einem guten, dem Herrn wohlgefälligen Leben führen kann. Und wie fruchtbar wird sich dieses beglückende und so verantwortungsvolle Tun auch auf die Gemeinsamkeit von Dir und mir auswirken; denn sie ist ja nicht etwas, das mit dem Vollzug unserer Ehe ein für alle mal fertig da steht, starr und unveränderlich, sondern sie ist so lebendig wie das Leben selbst, zu fortwährendem Wachsen, Reifen, Schöner- und Größerwerden bestimmt. Welch ungeheure Möglichkeiten liegen in dieser Lebendigkeit und Wandelbarkeit unserer Beziehung zueinander, ein volles Menschenleben reicht nicht aus sie ganz zu erschöpfen. Möge sie sich doch in all den Jahren, die uns zu gemeinsamem Leben und Wirken geschenkt sein werden, recht segensreich auswirken; für uns beide und alle die, die der Herr uns auserkoren wird.

Heute morgen habe ich mich auch einmal darangemacht, einen Teil meiner Briefschulden abzutragen, die mir ja bald über den Kopf wachsen. Die kurzen freien Stunden daheim verbringe ich ja immer am liebsten in Gedanken und im Briefe an Dich; darüber habe ich die anderen allzu sehr vernachlässigt und es ist doch heute nötiger denn je, daß wir mit den Freunden, mit all denen, die uns durch die gleiche Ausrichtung des Geistes und der Liebe verbunden sind, „Tuchfühlung” behalten, wie Erich M. es einmal nannte. So habe ich nach langer Zeit wieder ein Wort gerichtet an Klüppels, Henny Schroer, deren Geschick ja jetzt sehr ungewiß ist; an Frau Raskop zur Geburt ihres kl. Johannes und auch an Therese, die mir ein recht liebes Wort des Gedenkens nach hier geschickt hat, das nach Antwort verlangte.

Es kommt mir garnicht so vor, daß ich heute schon 14 Tage hier bin, so schnell ist mir die Zeit vergangen. Wenn ich denke, wie ich mir zu Hause die Zeit einteilen muß, um „rund” zu kommen und wie selten solche Stunden sind, die ich hier täglich erleben darf! Umso dankbarer nehme ich daher hier jeden Tag entgegen und wenn ich auf die zwei Wochen zurückblicke darf ich wohl sagen, daß ich sie in jeder Beziehung gut verbracht habe. Es tut doch einmal gut, über eine größere Zeitspanne frei verfügen zu können; eben aus der Erfahrung des Alltags heraus, die sie uns so kostbar macht. Weißt Du, es ist so verlockend, wenn es so ganz in die eigene Hand gelegt ist, bei der Gestaltung der Zeit allem seinen Raum zu geben, dem Notwendigen und Nützlichen wie dem Schönen, das keinen

anderen Zweck erfüllt als uns zu erfreuen. Gerade das letztere ist etwas so besonderes und ungewohntes für uns, die wir doch alle zu sehr dem Nützlichkeitsprinzip unserer Zeit verfallen sind. Wenn wir es aber recht betrachten, greifen die Dinge so oft ineinander über, daß wir garnicht mehr wissen, ob wir sie zu den ersten oder letzten rechnen sollen. Eigentlich müßten wir das freie Verfügungsrecht über die Zeit, das mich hier so beglückt, auch im Alltag besitzen, trotz all seiner Pflichten und Bindungen. Aber dazu wäre es nötig, daß wir „über den Dingen stehen”, daß wir sie kraft unserer Freiheit beherrschen, anstatt uns, wie es doch allzu oft geschieht, von ihnen beherrschen zu lassen. Wie oft habe ich schon beobachtet, daß das Glück der Familie und ihr friedliches Zusammenleben dadurch gestört wurde, daß die Mutter die Gewalt über die Alltäglichkeiten verlor, darin unterging und daneben für nichts anderes mehr Zeit hatte. Wie in allem, so gilt es auch hier, alle Dinge in die rechte Rangordnung zueinander zu bringen, die ihrem Wert entspricht. Gerade im Hinblick auf die größeren Anforderungen, die die kommende Zeit an mich als Frau und Mutter neben der Pflichten des „Berufes” an mich stellen wird, habe ich mich in der letzten Zeit oft mit diesen Gedanken auseinandergesetzt. Es geht vor allem darum, in dem gewiß guten Bestreben unsere Zeit so viel wie möglich „auszunutzen” nicht einer kleinlichen, engen Hast zu verfallen, die mit jeder Minute geizt, sondern uns jene freie Großzügigkeit zu bewahren, die uns in der Begegnung mit Menschen, die sie besitzen, so wohl tut.

Mein August, wird das einmal schön werden, wenn wir einmal all diese Erwägungen in die Tat umsetzen können, wenn wir unser Leben im lebendigen Rythmus von Alltag und Festtag, Arbeits- und Mußestunden miteinander gestalten dürfen. Welch reiche Möglichkeiten zur Entfaltung und Weiterbildung unserer persönlichen Eigenart und ihrer Fähigkeiten wird sich uns damit bieten! Glaubst Du, daß man da die Gefahr des „Leidwerdens” noch befürchten muß? (Das soll aber kein Hieb sein, sondern nur eine Folgerung der Gedankengänge, bei der mir Deine schalkhafte Bemerkung einfiel.)

Und noch eins ist mir bei den Überlegungen zu dem Problem der Zeitgestaltung aufgegangen. Wir haben uns allzu sehr daran gewöhnt so manches Tun, oder besser gesagt, die Unterlassung manchen Tuns vor uns selbst mit dem Einwand „keine Zeit zu haben” zu entschuldigen. Ich denke da vor allem an das Tun im Religiösen, dem wir, wenn wir einmal ehrlich mit uns zu Rate gehen, doch den kleinsten Platz in der Zeiteinteilung des Tages geben. Wieviel Stunden verwenden wir zum Essen, Schlafen, überhaupt für die Bedürfnisse des Leibes; können wir dagegen die Augenblicke, die wir ganz ungeteilt dem Herrgott zuwenden, überhaupt erwähnen. Ich habe mich hier, wo ja die Entschuldigung keine Zeit zu haben fortfällt, oft darüber ertappen müssen, daß es mir schwer fiel, die Zeit dazu zu nehmen, daß andere

Dinge, das in Gedanken oder im Briefe bei-Dir-verweilen, die Arbeit an den Dingen für unser Kindlein, das Verweilen in der Natur, mich mehr anzogen, daß das Verlangen danach stärker war, als die unmittelbare Begegnung mit Gott im Gebet zu suchen. Es war ein recht schmerzliches Erkennen und es wurde mir schwer, das eingestehen zu müssen. Aber mit der Gnade und dem Einsatz des guten Willens lassen sich alle Schwächen der Natur, alle Schattenseiten der Neigung und Veranlagung überwinden. Und ich habe gerade in diesen Tagen öfter erleben dürfen, daß die Stunden des Gebetes, des Verweilens vor Gott am kostbarsten für mich wurden, zu denen mich nicht das innere Verlangen trieb, sondern zu denen ich mich so recht habe aufrappeln müssen. Das scheint mir für die Tage des Alltags eine gute Lehre zu sein, mit dem Einwand und der Entschuldigung „keine Zeit zu haben” recht vorsichtig umzugehen und erst einmal in sich hineinzuhorchen, ob nicht Unlust, Trägheit, Zerstreuung u. a. Die eigentlichen Beweggründe sind, die uns von dem höchsten Tun abhalten, das der Mensch vollziehen kann, das Gebet, die Hinwendung zu Gott. Wie müssen uns überhaupt viel mehr klar machen, daß ja nicht Gott dieses unseres Tuns bedarf, das wir Gottes-dienst nennen, sondern daß letztlich uns darin etwas erwiesen wird von Gott her, daß es ein unbegreiflicher Erweis Seiner Liebe ist, dies ich zu uns herabneigt und erst die Begegnung mit

Ihm ermöglicht, die uns ein heiliges Dürfen sein müßte und keine bloße Verpflichtung. Aber ist nicht der letzte Grund für all unser Versagen in dieser Beziehung der Mangel an Liebe? Denn wenn sie uns ganz erfüllen würde, wenn sie der letzte Beweggrund unseres Denkens und Handelns wäre, dann müßte uns das alles eine Selbstverständlichkeit sein, warum wir uns so in langen gedanklichen Auseinandersetzungen mühen.

Liebster, derweil ich Dir dies zu später Nachtstunde schreibe, geht es mit Riesenschritten meiner großen Stunde entgegen. Schon in den letzten Nächten haben die ersten Wehen eingesetzt, nun aber folgen sie ganz dicht aufeinander. Ach, was sind das beglückende, lang ersehnte Schmerzen. Ja, so ein ganz klein wenig werde ich uns unser Kindlein damit verdienen dürfen. Du, wer weiß, wenn Dich dieser Brief erreicht ist es vielleicht schon da! So, nun geht es aber nicht weiter. Für heute sage ich Dir herzlich Lebewohl. Der Gedanke an Deine Liebe wird mich stark machen. Du, denke und bete für das Kindlein und mich

Deine Marga.