Marga Broil an ihren Mann August, 30. September 1944
Kommt ein Kindlein auf die Welt
fällt ein Stern vom Himmelszelt
bricht ein Busch in Blüten auf
fliegt ein Vogel hoch hinauf
singt so weh, singt so süß
von dem hellen Paradies.
Rheinbach, den 30. Sept. 44.
August, Du mein Liebster, Vater unseres Kindleins!
Freue Dich mit mir, nun ist es da, unser Kindlein, das Geschenk Gottes und unserer Liebe! Die frohe Erwartung der neun Monate unseres wundersamen Advents hat in der Geburt unseres Kindleins ihre reiche Erfüllung erfahren. Ach Du, was steckt alles dahinter, da ich Dir das so einfach in Worten sage, nein, es läßt sich in Worten nicht ausdrücken; ausjubeln kann man es nur, ausbeten und ausweinen. Aber wenn Du zu uns kommst, mein Liebster, - ach, möge es doch bald, recht bald geschehen - dann werde ich das ganze Glück dieses Erlebens aus der Tiefe meines Herzens herausheben und in Deine Hände legen. Ach, wie mich danach verlangt mit allen Fasern meiner Seele! Es ist so furchtbar schwer solch eine Fülle von Glück alleine tragen zu müssen; es scheint mir die härteste Bewährung zu sein, die die Trennung von Dir bis jetzt von mir gefordert hat. Ja August, ich habe in diesen Tagen die schönsten, glücklichsten aber auch schwersten Stunden meines Lebens verkostet. Kannst Du Dich hineindenken in das, was ich empfunden habe, als mir
nach langen Stunden des Kampfes - ja, so ein ganz klein wenig habe ich uns unser Kindlein auch verdienen dürfen - das kleine Menschenleben, so wie es aus der Hand Gottes und aus meinem Schoß hervorgegangen ist, in den Arm gelegt wurde! Wahrlich, ein größeres Glück kann es auf dieser Welt nicht geben, als das Glück des Mutterseins, das ich da zum ersten Mal habe verkosten dürfen; alles andere Glück, das des Braut- Gattin- und Frauseins ist darin eingeschlossen und wundersam erhöht. Ach August, und wie wurde mein Glück noch gesteigert, daß Du schon wenige Augenblicke später davon erfahren hast und daran teilhaben konntest! Das dürfen wir als ganz besondere Fügung, als ein besonderes Geschenk betrachten, daß Du der Erste warst, Du sein Vater, der von dem Dasein unseres Kindleins erfahren hat. Und ich habe die kühne Hoffnung, daß Du, der Du ihm und mir der Nächste bist, auch der Erste sein wirst, der sein kleines Dasein erschaut; daß ich es Dir in die Arme legen darf, gleichsam als Gegengabe meiner Liebe an Dich, unsere menschgewordene Liebe, so wie ich die Saat dazu in unserer Hohen Zeit von Dir empfangen habe.
August, was möchte ich Dir alles erzählen von unserem Kindlein, seinem Kommen und seinem Aussehen und all den Freuden, den Sorgen und Schmerzen, die es mich gekostet hat! Es ist so ein herziger kleiner Junge, ganz so, wie ich ihn mir in der Zeit der Erwartung ersehnt und erträumt habe. Es konnte doch garnicht anders sein, als daß er so aussieht, wie Du in den ersten Tagen Deines Lebens ausgesehen haben magst. Das
kleine Köpfchen hat die Form Deines Kopfes, der Ansatz der langen schwarzen Haare, die Farbe der Haut, die Form der Augen und Ohren ist die gleiche wie bei Dir. Stündlich mache ich neue Entdeckungen der Ähnlichkeit, und jede ist eine neue Freude für mich. Wenn ich es so neben mir auf dem Kissen liegen habe, an der gleichen Stelle, wo Dein liebes Antlitz vor 2 Wochen noch geruht hat, dann kann ich es stundenlang betrachten, - im wahrsten Sinne des Wortes, denn bis jetzt habe ich es noch keine Stunde von mir weggegeben, weder bei Tage noch in der Nacht - wie ich es Bei Dir auch immer so gerne getan habe. Und wenn es dann einmal für Augenblicke die Äuglein aufschlägt und mich daraus anschaut, dann schlägt mein Herz höher vor Glück und Freude. Die Eigenart - oder soll ich es Unart nennen? - das Gesicht neckend von mir abzuwenden, scheint der kleine Schelm auch von Dir übernommen zu haben. Was wird sich da im Laufe der zeit noch alles an Erbteilen bemerkbar machen!
Ja mein August, der Kelch der Wonne und des Glücks, den der Herr mir mit dem Geschenk unseres lieben kleinen Buben gefüllt hat, schien mir zum Rande gefüllt, und weil für uns Erdenkinder etwas so Vollkommenes unzuträglich ist, hat Er wohl die Wermutstropfen der Sorge mithineingegeben und ich würde Dir einen wesentlichen Teil meines Erlebens vorenthalten, - auf das Du doch ein Anrecht hast es ganz mit mir zu teilen, - wenn ich Dir nicht auch davon erzählen würde.
Einige Stunden nach der Geburt hatte es den Anschein, als ob der Herrgott das Menschenkind, das kaum erst zum Dasein gelangt war, gleich wieder zu Sich heimholen wolle; als ob Er das schwere Opfer von mir verlange, daß ich es sogleich, nachdem ich es aus Seiner Hand empfangen hatte, wieder in Seine Hände zurücklegen müßte. Es stellte sich heraus, daß das Kindlein, das an sich sehr gesund und kräftig ist, - es wiegt ca. 7 Pfd. durch die lange Dauer der Geburt, - die Wehen begannen um ½ 10 abends und von 12-½ 4 haben Frau Niewöhner und ich gemeinsam um sein Kommen gerungen - Schaden gelitten hatte. Wie weh hat es mir getan als ich sah, daß das Kleine um jeden Atemzug ringen mußte, wie es ganz blau wurde; wie das Lebenslichtlein flackerte und auszulöschen drohte. Als der Arzt und die Hebamme mir ihre Bedenken äußerten, habe ich denn Pfarrer bitten lassen, ihm die Nottaufe zu geben, und ich habe dann, erschüttert von der Größe des Geschehens, weinend zugesehen, wie sich das Wasser der hl. Taufe über sein kleines Köpfchen ergoß. So hat es, gleich beim Eintritt in diese Welt, auch schon das größere Leben empfangen, das Ewige Leben. Der Gedanke, daß unser Kind nun Gotteskind geworden war und seine kleine Seele klar und rein wie eine eben erwachte weiße Blume vor Gott bestehen könne, war mein einziger Trost in der Furchtbarkeit dieser Stunden. Die Möglichkeit das Kindlein zu verlieren, überschüttete mich mit einer Flut von Gedanken und Erwägungen, die eine einzig große Versuchung waren. Noch nie habe ich mir das Ja zum Willen Gottes so hart erkämpfen müssen.
Am meisten bedrückte mich der Gedanke, daß das Lebenslichtlein unseres kleinenn Buben wieder verlöschen würde, ehe Du es gesehen hast, ohne daß Du Dich daran erfreut hast; wo mir in den kurzen Stunden seines Daseins schon so übergroße Freude geschenkt worden ist. Ach August, was hätte ich nicht dafür einsetzen mögen, um Dir diese Freude erkaufen zu können, wenn es möglich wäre! Alle Schmerzen und Qualen der Geburt hätte ich dafür gerne noch einmal mitgemacht.
Ob der Herr uns wohl prüfen wollte, ob es uns ernst sei mit der Bitte, die wir täglich im Vaterunser aussprechen, ohne uns immer ihrer ganzen Tragweite bewußt zu sein: Herr, Dein Wille geschehe!? Ach August, ich habe sie in diesen Tagen unter Tränen blutenden Herzens gebetet.
Heute ist nun der Zustand unseres kleinen Winfried so, daß wohl die eigentliche Gefahr vorüber zu sein scheint. Der Arzt ist wieder sehr zuversichtlich, obgleich mir sein Stöhnen noch Bedenken macht. Ich lasse ihn bei Tag und Nacht nicht aus den Augen. Heute war er für Stunden recht munter und zufrieden und lag ganz still neben mir. Wenn sein kleines Bäuchlein ihn wieder schmerzte - es macht ihm wohl Mühe das geschluckte Fruchtwasser herauszuarbeiten - habe ich ihn vor mir aufgerichtet und ihm (wohl auch mir selbst, um das Weinen besser überwinden zu können) vorgesungen. Du hättest sehen müssen, wie er darauf reagierte. Mit offenem Mündchen hat er zugehört und das Stöhnen darüber vergessen. Ich mußte an Dr. Hiß' scherzende Prophezeiung denken, daß
unser Kind sicher recht musikalisch werde.
Mein lieber August, dieser Brief dürfte nach dem, was er Dir sagen will, kein Ende finden; aber „das Fleisch ist schwach” trotzdem ich mich sehr wohl fühle, war er doch eine kleine Anstrengung für mich. Aber ich konnte nicht länger mit all dem alleine bleiben so geb ich es Dir hin. Leb' wohl Liebster und komme bald zu uns
Deine Marga.