Marga Broil an ihren Mann August, 5. Oktober 1944
Weint zum ersten Mal ein Kind
geht ein sanfter Abendwind
und ein Lilienstengel schön
wird aus dunkler Erde gehn
und ein Tau fällt darein
trösten kann nur Gott allein.
Rheinbach, den 5. Oktober 44.
Mein lieber August,
laß Dich grüßen, Vater, von unserem Kindlein, von Winfried, Deinem kleinen lieben Buben. Ach, ich weiß, wie die Frage auf Deinen Lippen brennt: Wie geht es ihm? Und ich will Dir darauf Antwort geben so gut ich es vermag.
Es geht ihm gut, Liebster, so gut, wie es uns hier nicht ergehen kann. Der Herrgott hat ihn zu sich heimgeholt, hat seine reine kleine Seele für sich haben wollen, noch ehe sie vom Giftatem der Welt berührt war. So klar und leuchtend wie sie aus dem Wasser der Taufe hervorgegangen ist, hat Er sie zu sich emporgehoben.
Fünf Tage und vier Nächte habe ich über seinem kleinen Leben gewacht, habe seinen kleinen Leib gehütet, der das lebendige Zeugnis unserer Liebe war. Auf jeden seiner Atemzüge habe ich gelauscht und das Pochen seines kleinen Herzens voll Dank ertastet.
Ach, sein kleines Herzlein hat so lange gebraucht, bis es aufhören konnte zu schlagen; es war mir, als wolle es noch auf Dich, seinen Vater warten. Aber seine Uhr war abgelaufen noch ehe Du kamst, Du lieber armer Papa, und während ich ihm von Dir erzählte, Deiner Liebe, Deinem Gutsein gegen uns beide, ist er sanft in meinen Armen eingeschlummert, an der gleichen Stelle
wo unlängst noch Dein liebes Antlitz geruht hat. Lange habe ich seine kleinen Züge betrachtet, die das Ebenbild der Deinen waren, derweil meine Tränen vor Glück und Schmerz auf seine erkaltenden Händlein tropften. Aber es lag da so selig still mit einem solch friedlichen Lächeln um den kleinen schmalen Mund, daß mir der Schmerz, der größte und bitterste, den je mein Herz verwundet hat, wie ein Unrecht vorkam. Als sein kleiner Leib sich einige Stunden vorher unter der Berührung des Todesengels geschüttelt hatte, da habe ich gewünscht mein Leben statt des seinen hergeben zu dürfen, damit Dir dieses erhalten bliebe. Aber da wurde es ganz still, blickte mich tief an aus seinen großen schwarzen Äuglein und es war mir als ob es mir sagen wollte: „Wir wollen beide für den Papa dasein, Du und ich. Bleibe Du an seiner Seite solange Euch der gemeinsame Weg geschenkt ist. Mich aber ruft der himmlische Vater zu Sich heim und ich werde dort dem irdischen, zu dem Du mir eine so tiefe Liebe in die Seele gesenkt hast der zweite Schutzengel werden, der ihm stets nahe ist.” So habe ich denn unseren Winfried, unser erstes Kind, blutenden Herzens bedingungslos in die Hand des Herrn zurückgelegt; es war in der ersten Stunde des Schutzengelfestes.
Mein Liebster, ich weiß daß diese Kunde Dein Herz treffen wird bis zum Grund, und auch für mich ist das an diesem Geschehen am schmerzlichsten, daß wir unser Kind haben hergeben müssen ehe Du, sein Vater, es gesehen hat. Ich habe in den kurzen Stunden seines Daseins so unendlich viel Freude an ihm gehabt, glaubst Du, ich hätte gerne ein Vielfaches der Qualen und Schmerzen der Geburt
ertragen mögen, um Dir ein wenig dieser Freude zu erkaufen.
Aber der Herrgott hat mehr von uns verlangt. Er läßt sich nicht mit „Öpferchen” abspeisen, Seine Forderungen greifen an die Wurzeln unserer Existenz, Ihm geht es um Ganzes und Letztes. Er, der die Herzen der Menschen kennt, wußte, daß dies das Schwerste war, das Er von uns fordern konnte. Was wäre uns dagegen der Verlust all unserer Habe gewesen oder was wir uns sonst noch an Prüfungen ausdenken mögen!
War nun unser Wirken vergebens, das Hoffen, Mühen und Sorgen der neun Monate sinnlos? Vom rein natürlichen Standpunkt aus betrachtet, hat unser Kind freilich noch keinen „Zweck” erfüllt. Aber welch wunderbare Antwort gibt uns der Glaube auf diese Frage.
Wir durften mit unserer Liebe, mit unserem Fleisch und Blut die Pforte bilden durch die eine unsterbliche Seele, so rein und schön wie sie aus der Hand Gottes hervorgegangen ist, zur Anschauung Seiner Herrlichkeit, zur ewigen Glückseligkeit gelangen wollte. Unser Kindlein hat durch die Gnade des Herrn so schnell das Ziel erreicht, zu dem wir ihm auf seinem Lebensweg Führer sein wollten.
Ich habe in diesen Tagen oft daran denken müssen, was wir einmal miteinander von der Heiligkeit der Unschuldigen Kinder von Guardini gelesen haben. Das Gleiche gilt nun von unserem kleinen Winfried. Und noch ein Gedanken ist mir so trostreich und beglückend: Wie der Leib unseres lieben kleinen Jungen ein Offenbarwerden unserer Liebe war - es war so herrlich zu erkennen, wie sich Deine und meine Züge in ihm zu einer schönen Harmonie vereinigten - so
wird es erst recht seine Seele gewesen sein. Und diese kleine Seele steht nun vor dem Angesichte Gottes, in ihr ist dem Herrgott unsere Liebe dargestellt, wie wir sie als kostbares Geschenk von Ihm empfangen haben und wie sie in unseren Herzen gewachsen ist zu jener Schönheit, von der unser lieber kleiner Bub Zeugnis gibt.
Wir wollten dem Reich Gottes auf Erden in unserem armen, verirrten Vaterland einen neuen Streiter schenken unter der Fahne des großen Apostels der Deutschen, des Hl. Bonifatius. Der Herr aber hat ihm in Seiner Gnade den Kampf erspart, indem Er ihn sofort in das Ewige Reich Seines Friedens heimgeholt hat.
Mein August, ich wollte Dir heute die Geschichte des Lebens unseres Kindleins aufschreiben, die zarte Geschichte jener 5 Tage, die so tief eingegraben ist in mein Herz. Aber ich muß mich mit diesen Worten bescheiden, denn das erste Gebot der Stunde ist nu, daß ich meine Gesundheit, die in diesen Tagen eine so große Bewährungsprobe gut bestanden hat, bewahre für Dich und all die Aufgaben, die uns beiden noch gestellt sein werden. Nach Ansicht des Arztes dürfen wir die frohe Zuversicht haben, daß - wenn es Gottes Wille ist - noch recht viele kleine Menschenseelen durch das Tor unserer Liebe und meines Leibes in diese Welt und dadurch auch in jenes bessere, schönere Leben eintreten können, in der wir die Seele unseres lieben kleinen Winfried wohlgeborgen wissen.
Komm Liebster, wir wollen uns die Hände reichen und das Leben unseres ersten Kindes in die Hand Gottes zurücklegen, nicht in dumpfer Ergebung sondern in froher Bereitschaft. Die Seele unseres Kindes aber wird das schönste Band sein, das unsere Herzen fortan verbindet. Möge sie uns die Kraft erflehen, die Prüfung dieser Stunde recht zu bestehen. Gott tröste Dich, Liebster,
Deine Marga.